Udo Voigt und seine »Volksfront«

Wie ein Hühnerhaufen

Im Bundestagswahlkampf der NPD zeigt sich, dass Udo Voigts »Volksfront« nur in seinen Träumen existiert.

Als »parlamentarischen Arm des volkstreuen Widerstands« bezeichnet Holger Apfel seine Partei. Die ist zwar soeben mit 5,6 Prozent der Stimmen wieder in den sächsischen Landtag eingezogen und hat in Thüringen Stimmen hinzugewonnen. Doch trotz alledem muss sie sich beim verhassten »BRD-System« anbiedern und sich sogar Trends aus den USA abschauen, um eine Chance zu haben, im 17. Bundestag vertreten zu sein.
Längst verfügen die führenden Kameraden über Profile in den beliebten Communities des Web 2.0 und laden auf Accounts wie »NPD-NRW« oder »NPDVU« Propagandaclips beim Videoportal »Youtube« hoch. Auf Facebook kann der stolze Deutsche sich mit der NPD anfreunden und neueste Informationen von der Partei erhalten. Und auf dem Kurznachrichtenportal Twitter plau­dert der Parteivorsitzende Udo Voigt persönlich aus, wofür er gerade kämpft.

Für die eine bequeme »Propagandafahrt« durch die Republik hat sich die Partei etwas ganz Besonderes ausgedacht. Das »Flaggschiff D« ist ein altes Wohnmobil von Mercedes, welches, mit knallroter Klebefolie und dem Slogan »Arbeit zuerst für Deutsche« versehen, für Aufmerksamkeit sorgen soll. Auf einer eigens dafür eingerichteten »Sonderseite« gibt es neben Fan-Shirts in einheitlichem Layout Fotos des Campers auf seiner Fahrt durch Sachsen, Thüringen und das Saarland. Je nach Region wurde die »Mannschaft« in der mobilen Nazi-WG mit den örtlichen Kandidaten bestückt. Die Wahlkämpfer seien selbstredend auf »sehr große und positive Resonanz« gestoßen, heißt es auf der Twitterseite »Flaggschiff«.
In Sachsen ist zusätzlich ein grün-weißes »Bürgermobil« im Einsatz, und alle Interessenten können zur »Flotte« der Partei gehören, wenn sie auf der Website »Materialdienst« Metallschilder und Fähnchen der NPD fürs eigene Auto bestellen. Auf dieser Seite erhalten die rechten Wahlkämpfer neben den üblichen Giveaways mit Deutschland-Fetisch auch den Comic »Enten gegen Hühner«, der nach eigenen Aussagen mit »reißendem Absatz« verteilt wird. Das »100 Prozent politisch unkorrekte Comicheft« der Jungen Nationaldemokraten zeigt, wie sich Gänse in weißem Federkleid gegen dunkler gefiederte Hühner mit Gewalt zur Wehr setzen müssen, um nicht wie die Enten unterdrückt zu werden. Das unterhält sogar den bildungsfernsten Nazi.

Was wäre ein gut organisierter und medienwirksamer Wahlkampf ohne Wahlsong? In dem »Wahlkampf-Lied« singt ein fleißiger Wahlkämpfer den zarten Reim: »Bei Himmler, Voigt und Rommel, da wirft man gerne ein, Briefkastendeckel trommelnd, hau ich Friedman eine rein.«
Auch gibt es in der Kategorie »Offensiv-TV« auf der Homepage »pünktlich zum Schuljahresbeginn in Sachsen und Thüringen eine neue Schulhof-CD« mit dem Titel »BRD vs. Deutschland«. Diese sei auch an den einzelnen Stationen der Wahlkampfmobile und Infoständen zu erhalten. Als »Schrecken aller linken Pauker und Spießer« gibt darauf unter anderem der NPD-Barde Jörg Hähnel ein Lied zum Besten. Auch Michael Regener, der früher bei der Band Landser sang und zuletzt bei einem Open-Air-Konzert in Thüringen mehr als 4 000 Besucher anlocken konnte, ist dabei.
Aber die NPD hat längst nicht nur Unterhaltung zu bieten. Auf »Materialdienst« gibt es recht­zeitig zur Wirtschaftskrise »nationale Antworten« auf die Globalisierung. Mit Slogans wie »Deut­sche Arbeit zuerst für Deutsche«, »Deutsches Geld für deutsche Aufgaben« oder »Kauft deutsche Produkte« sind die Flyer jedoch wie gewohnt schlicht.
»Wir setzen der Ausverkaufspolitik etablierter Globalisierungsfanatiker eine am heimischen Lebensraum der Menschen orientierte, vielseitige und ausgewogene soziale Volkswirtschaft entgegen«, schreibt Udo Voigt, der Parteivorsitzende, etwas ausführlicher unter der Überschrift »Von Deutschen. Für Deutsche. NPD«. Thematisch gibt es also nichts Neues. Von »raumorientierter Volkswirtschaft«, »Heimatschutz«, »Überfremdung« und dem »US-Imperialismus« hat man auch vor dem Wahlkampf schon gehört.
Erst im »Kurzprogramm zum Selberdrucken und verteilen« kann man ein wenig zum aktuellen Geschehen hierzulande lesen. Mit dem Slogan »Arbeit muss sich wieder lohnen« orientiert sich die NPD am Lieblingsthema aller deutschen Parteien und macht der FDP Konkurrenz, die denselben Satz für ihre Plakate verwendet.
Wie die Linkspartei fordert die NPD: »Bundeswehr raus aus Afghanistan«. Denn »kein deutsches Blut für US-Interessen« will man vergießen, und überhaupt sei das »Selbstbestimmungsrecht der Völker« eine wichtige Sache – Ansichten, die auch das eine oder andere antiimperialistische Herz höher schlagen lassen dürften.
Zweifelsohne findet der Schläger auf der Straße im Programm der NPD, dem »parlamentarischen Arm«, zählt er eins und eins zusammen, wertvolle Anregungen für sich. Kein Wunder, dass schon die Wahlhelfer gelegentlich mal austeilen wie erst vor kurzem in Hamburg (siehe »Deutsches Haus«). Die Nationaldemokraten haben bekanntlich keine Berührungsängste mit gewaltbereiten Gesinnungsgenossen. Noch in seiner »Neujahrs­ansprache« schwor Voigt die Kameraden auf eine »Volksfront von rechts« ein.

Doch vielen Straßennazis ist die Politik der NPD zu bürgerlich. Die »Autonomen Nationalisten« etwa begreifen sich schließlich als »revolutionäre Nationalsozialisten« und können daher mit der Partei nicht so viel anfangen. Auf der Website »Wi­derstand« verkündet ein Autor, dass der »NS« als »Weltanschauung« einer »Weltanschauungspartei« bedürfe, und »dies ist die NPD eindeutig nicht«. Auf »Freies Netz-Süd« geben bayrische Nazis bekannt, dass sie gern mit der Thüringer NPD zusammenarbeiten, aber mit dem eigenen Landesverband Probleme haben. Die rechte Internetplattform »Altermedia« postet hingegen »Wahl­aufrufe« von Voigt, macht aber in einem beigefügten Text deutlich, »dass es bei jedem selber liegt, ob und wen er wählt, bzw. den Wahlzettel un­gültig macht«. Von Altermedia, heißt es, »wird es keine Wahlempfehlung geben«.
Und das alles nach dem Ende des »Deutschland-Pakts«! Zwar steht die NPD personell besser da als die kleinere DVU, aber eine harte Konkurrenz im Wettbewerb um die Wählergunst ist diese dennoch. Wie berichtet, wetteiferten die beiden Parteien in Dortmund offenbar sogar mit Geld um die Unterstützung der »freien Kräfte« (Jungle World, 35/09). Die »Volksfront« existiert also vor allem in den Träumen von Udo Voigt. Und in den aktuellen Umfragen sieht es nicht danach aus, als würde die NPD bei der Bundestagswahl aus der Kategorie »Sonstige« heraustreten.