Der französische Einsatz in Mali

Hoch die internationale …

Während in Niger Drohnen für den Einsatz in Nordmali stationiert werden, entführen nigerianische Jihadisten eine französische Familie in Nordkamerun.

Am Wochenende traten die Drohnen in Aktion. Im Nordosten von Mali, im Hinterland der Provinzhauptstadt Kidal, wurden sie erstmals im Kampf gegen die Jihadisten in dem Sahelstaat eingesetzt. Es handelt sich um Drohnen US-amerikanischer Herkunft vom Fabrikat »Predator«. Seit kurzem sind die mit Raketen bewaffneten Fluggeräte auf einer Basis in Niamey stationiert, der Hauptstadt von Niger, einem Nachbarland Malis.
Gerechtfertigt wird dies mit dem Hinweis, dass auch dem mittelafrikanischen Land eine Destabilisierung drohe – sei es durch Jihadisten, sei es durch Tuareg-Revolten. Allerdings hat die Rückkehr von bewaffneten Tuareg- und anderen Söldnern aus Libyen nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes im Jahr 2011 bislang in Niger nicht dieselben Folgen gezeitigt wie in Nordmali, wo ab Herbst jenes Jahres der Zentralstaat in immer größeren Gebieten von bewaffneten Gruppierungen verdängt wurde. Einer der Gründe dafür liegt in der unterschiedlichen Politik des jeweiligen Zentralstaats: In Mali machte sich bemerkbar, dass das Land an der Kokain-Route liegt, die seit einigen Jahren von Lateinamerika über die westafrikanischen Küstenstaaten Guinea und Guinea-Bissau und die Sahelzone in den Mittelmeerraum verläuft.
Die Tatsache, dass hochrangige Politiker und Beamte davon beträchtlich profitierten, erklärt teilweise, dass sie gegenüber der Ausbreitung jihadistischer Gruppen in der Wüste im Norden beide Augen zudrückten. Denn auch die Jihadistengruppen, insbesondere al-Qaida im Land des islamischen Maghreb (Aqmi) und die Bewegung für Monotheismus und Jihad in Westafrika (Mujao), finanzieren sich zu guten Teilen aus dem Transithandel mit Drogenpaketen auf der Süd-Nord-Route durch die Sahara. Daneben bilden die Lösegelder aus Geiselnahmen, andere Schmuggelgeschäfte etwa mit Zigaretten sowie mutmaßlich Zahlungen aus den Golfstaaten ihre Haupteinnahmequellen. Aus dieser Situation resultierten der immer stärkere Kontrollverlust des Zentralstaats über den Norden Malis wie auch die schwindende Legitimität der Regierenden in den Augen weiter Teile der Bevölkerung – obwohl die Regierung in Mali anders als in vielen Ländern der Region aus weitgehend unverfälschten Wahlen hervorging.
In Niger hat sich bislang keine vergleichbar dramatische Situation entwickelt. Aber die militärische Zuspitzung im Norden Malis, die sich zuerst mit dem Vorrücken der Jihadisten seit einem Jahr und ab Januar dieses Jahres dann mit der Intervention Frankreichs vollzog, lässt Akteure in der ganzen Region zu dem Konflikt Stellung beziehen.

Die jihadistischen Gruppen in der gesamten Nordhälfte Afrikas streben auf ihre Weise nach einer Internationalisierung und Ausweitung des Konflikts. Dabei unterscheiden sich die konkreten Ziele und Strategien der Gruppierungen zum Teil erheblich, auch wenn sie vordergründig alle der Einführung der Sharia und der Bekämpfung von »Ungläubigen« dienen sollen. Die gewalttätige islamistische Sekte Boko Haram (»Westliche Erziehung ist Sünde«) im Norden von Nigeria etwa ist bei weitem nicht so stark in internationale Drogenkartelle und andere wirtschaftliche Unternehmungen verstrickt wie die Gruppierungen in Nordmali.
Aber nun ist auch Boko Haram in den Konflikt mit Frankreich eingetreten. Am Dienstag voriger Woche verschleppte die Gruppe sieben Franzosen im Nationalpark Waza in Nordkamerun, in nur zehn Kilometern Entfernung von der nigerianischen Grenze, und brachte die Geiseln ins Nachbarland. Es handelt sich um das Ehepaar Albane und Tanguy Moulin-Fournier, seine vier minderjährigen Kinder und ein weiteres Familienmitglied. Seitdem werden Spuren der Entführten oder ihrer Geiselnehmer im weitläufigen Norden Nigerias fieberhaft gesucht.
Am Dienstagmorgen wurde ein Bekennervideo verbreitet, in dem die Entführer damit drohen, die Geiseln zu töten, sollten nicht Mitglieder ihrer Gruppierung in Nigeria und Kamerun freigelassen werden. Die Militärintervention Frankreichs in Mali wird nicht direkt beim Namen genannt, allerdings heißte es ausdrücklich: »Der französische Präsident hat dem Islam den Krieg erklärt, und wir bekämpfen ihn überall.«

Auswirkungen wird der militärische Konflikt in Mali auch auf mehrere Regimes in West- und Zentralafrika haben. Als Gegenleistung für ihre aktive Unterstützung der französischen Intervention wurde ihnen wahrscheinlich eine Stabilisierung und Zurückhaltung seitens Frankreichs bei kritischen Fragen garantiert. Dies gilt etwa für das Regime des Tschad unter Idriss Déby, eine der übelsten Diktaturen in der Region, unter anderem ein großer Rekruteur von Kindersoldaten. Derzeit ist der Wüstenstaat Tschad mit 2 000 Soldaten, dem nach der französischen Truppe mit derzeit 4 000 Soldaten stärksten Kontingent, in Nordmali präsent. Am Wochenende gab die tschadische Armee bekannt, sie habe 65 Jihadisten getötet, aber auch 13 Mann aus den eigenen Reihen verloren. Auf französischer Seite starben bislang zwei Soldaten, während Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian von »Hunderten« getöteten Jihadisten sprach. Über Tote und Verletzte unter der Zivilbevölkerung wurde noch nichts bekannt gegeben.
Die malische Armee wird bislang vor allem aus dem Nordosten des Landes herausgehalten, dem Hinterland von Kidal bis zur algerischen Grenze, wo die härtesten Kämpfe mit den Jihadisten stattfanden. Dort intervenieren derzeit allein die französische und die tschadische Armee sowie Einheiten der Tuareg-Bewegung MNLA (»Nationale Bewegung für die Befreiung von Azawad«). Dies lässt viele Malier befürchten, dass Frankreich dem MNLA in der Nachkriegsordnung erneut zu Einfluss verhelfen und so eine anhaltende »Balkanisierung« des Landes auslösen könnte.
In Südmali hingegen setzen sowohl Frankreich als auch die USA, die die Intervention unterstützen, aber ein direktes Eingreifen vermeiden möchten, auf eine Wiedereinsetzung der alten politischen Kräfte. Allerdings sollen sie durch formell korrekte Wahlen neu legitimiert werden, worauf besonders die US-Regierung insistiert – sie hat dies explizit zur Bedingung für logistische Hilfe für Frankreich in Mali gemacht. Dort wurde nun als Termin für die Präsidentschafts- wie auch die Parlamentswahlen der 7. Juli festgesetzt. Die Bevölkerung wartet jedoch ab und hegt eine starke Skepsis gegenüber der alten Oligarchie.
Aber auch die Opposition hat erhebliche Probleme. Die ehemals maoistische Partei SADI führt die linksnationalistischen Oppositionskräfte an, die für eine Vertreibung der Jihadisten aus Nordmali, aber gegen eine internationale Intervention eintreten. Ihr Parteichef Oumar Mariko wurde Mitte Februar für einige Tage festgenommen, danach aber freigelassen. Er hat sich jedoch in Teilen der Gesellschaft desavouiert. 2010 etwa hatte er in einer Rede in Tripolis den Umgang Muammar al-Gaddafis mit Migranten aus dem subsaharischen Afrika scharf kritisiert. Aber im Krieg 2011 schlug er sich, scheinbar unkritisch, auf die Seite Gaddafis. Diese und andere Kurswechsel haben ihm politisch geschadet.
Die Opposition dürfte derzeit viel zu schwach sein, um die Oligarchie politisch zu gefährden. Wahrscheinlicher ist, dass der Einfluss des »Hohen Islamrats« HCI – der die Gewalt der Jihadisten ablehnt, aber eine Islamisierung der Gesellschaft mit anderen Mitteln anstrebt – künftig wachsen wird.