Die Serie »Hatufim«, das israelisch Vorbild für »Homeland«

Zurück zur Heimatfront

»Homeland« gilt als die derzeit beste US-Serie im deutschen Fernsehen. Demnächst kann man sich mit »Hatufim« das israelische Original ansehen.

Wann immer es um den riesigen Erfolg der US-amerikanischen Fernsehserie »Homeland« geht, wird darauf hingewiesen, dass die Geschichte um einen nach langer Gefangenschaft zurückgekehrten US-Soldaten, der in den Jahren der Haft umgedreht und zum Schläfer gemacht wurde, auf einer israelischen TV-Produktion beruht. Die ganz anders, aber mindestens genauso gut sein soll. Davon kann man sich nun ganz einfach selbst überzeugen: »Hatufim« (Kriegsgefangene) wird nicht nur demnächst auf Arte ausgestrahlt, sondern ist auch bereits auf DVD erhältlich und hat tatsächlich einige für die Handlung wichtige Gemeinsamkeiten mit der populären US-Serie. »Ein Thriller wie ›Homeland‹ ist ›Hatufim‹ jedoch nicht. In ›Hatufim‹ wollte ich gebrochene Soldaten und gebrochene Männlichkeit zeigen, während Brody in ›Homeland‹ als Poster Boy zurückkehrt«, sagte Gideon Raff, der Produzent der israelischen Serie, der später damit beauftragt wurde, ein US-amerikanisches Pendant zu schaffen. Beide Produktionen unterscheiden sich durch ihre finanzielle Ausstattung: »Der Pilotfilm für ›Homeland‹ kostete so viel wie beide Staffeln ›Hatufim‹ zusammen. Wenn ich den Amerikanern erzähle, dass das Budget in Israel 200 000 Dollar betrug, brechen sie lachend zusammen – für uns ist so etwas eine große Produktion, für sie Filmemachen im Guerilla-Style.«
»Hatufim« beginnt im Jahr 2008. Nach 17 Jahren kehren die Soldaten Nimrod Klein und Uri Zach nach Hause zu ihren Familien zurück. Drei Männer waren während einer geheimen Mission gefangengenommen worden, von einem, Amiel Ben-Horin, heißt es jedoch, er sei in dieser Zeit durch Misshandlungen gestorben, die so gravierend waren, dass seine Schwester als einzige noch lebende Familienangehörige ihn nicht noch einmal habe sehen dürfen.
Nimrod und Uri haben jedoch nicht viel Zeit, um mit ihren Familien und Freunden Wiedersehen zu feiern. Zum militärischen Debriefing – so wird die Besprechung nach einem Einsatz bezeichnet, bei der es nicht nur darum geht, eventuell wichtige Informationen von den Soldaten zu erhalten, sondern auch festzuhalten, welche Einzelheiten geheim bleiben müssen, werden sie zunächst in einem IDF-Gebäude einquartiert, wo sie auch auf mögliche Traumata und körperliche Folgeschäden der Gefangenschaft untersucht werden.
Der leitende Psychologe Haim Cohen wird jedoch rasch misstrauisch, denn die Geschichten der beiden Nationalhelden, vor allem über den Tod ihres Kollegen Amiel, widersprechen sich in wichtigen Aspekten. Sofort wird angeordnet, die ehemaligen Gefangenen ohne ihr Wissen zu überwachen, und tatsächlich, sie scheinen eine Möglichkeit gefunden zu haben, sich untereinander wortlos zu verständigen.
Was im Remake »Homeland« kurz geschildert wird, erzählt »Hatufim« sehr ausführlich und kommt dabei weitgehend ohne Action-Elemente aus. »Vom Start weg werden ›Homeland‹-Fans einige Szenen wiedererkennen«, hatte Gideon Raff in Interviews betont. Die Szene, in der die Zurückgekehrten am Flughafen feierlich empfangen werden, gleicht fast durchgängig jener in der US-Serie, ebenso die Szene, in der die Ehefrau die Narben am Körper ihres Mannes entdeckt. »Die großen Themen sind in beiden Serien gleich, aber viele Details sind sehr unterschiedlich«, erklärte Raff weiter. Weil Israel anders als die USA stets alles versucht, um seine Gefangenen zurückzuholen, kehren die Serienhelden Nimrod und Uri dann auch im Rahmen eines Gefangenaustauschs zurück, während der US-Marine Nicholas Brody bei einer Militäraktion befreit werden muss. »Hier in Israel wollen wir unsere Jungs immer zurückholen, wir verlangen das entsprechend von unseren jeweiligen Regierungen und wir sind bereit, für die Rückkehr von Geiseln einen sehr hohen Preis zu zahlen«, so Raff. »Aber wir wollen ein Happy End – wir wollen uns nicht damit beschäftigen, was wirklich in den Tagen nach der Freilassung geschieht, nicht mit den Auswirkungen des posttraumatischen Stresses, nicht damit, wie diese Männer wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Dabei ist die Rückkehr erst der Beginn einer sehr langen Reise – die für manche noch viel härter ist, als es die Gefangenschaft war.«
Vor allem die Auswirkungen der Gefangenschaft – nicht nur auf die Soldaten, die psychisch und physisch gefoltert wurden – sind Thema der israelischen Erfolgsserie. Was in »Homeland« als heimliches Verhältnis der Ehefrau zum besten Freund des Zurückgekehrten und als durchaus auch mit Pubertät erklärbarer Aufmüpfigkeit der ältesten Tochter ein Neben­aspekt ist, nimmt in »Hatufim« viel Raum ein. Für die Familien der ehemaligen Gefangenen ist die Rückkehr nämlich nicht der Beginn einer wundervollen Zeit voller Liebe, Harmonie und Freude.
Raff hat, bevor er das Drehbuch zur israelischen Serie schrieb, viele Gespräche mit ehemaligen Gefangenen und deren Familien geführt sowie sich bei Psychologen und denje­nigen, die bei Debriefings Vernehmungen durchführen, über die Folgen langer Isolation informiert. »Ich entdeckte eine ganze Welt voller noch nie erzählter Dramen«, sagt er. Jedes Mal, wenn eine Folge der Serie ausgestrahlt wurde, hätten sich ehemalige Gefangene bei ihm gemeldet, die die brutalen Folterszenen in der Serie nicht weiter berührt hatten, die aber sehr beeindruckt von den gezeigten kleinen, alltäglichen Auswirkungen auf das Familienleben gewesen seien. Auch die Frauen der Soldaten sind Gefangene, ein normales Leben ist ihnen nicht möglich, alles, was sie tun, wird in Relation zu den Prisoners of War (PoW) wahrgenommen und beurteilt. Talia Klein, Nimrods Frau, hatte beispielsweise 17 Jahre lang unermüdlich alles dafür getan, dass die Männer nicht vergessen werden und endlich freikommen. Und muss nun damit fertigwerden, dass sie nicht nur ganz plötzlich das große Thema, das sie antrieb, verlor, sondern auch damit, dass Nimrod ihre Verdienste kaum würdigt, ganz andere Vorstellungen davon hat, wie er sein Leben gestalten möchte, als sie und nicht gut damit zurechtkommt, dass sie in der Familie die alleinige Führungsrolle übernommen hat – und sie nicht einfach so wieder hergeben will.
In mehreren Szenen wird klar, wie allein Talia mit ihren ambivalenten Gefühlen ist. Sie solle doch froh sein, dass ihr Mann wieder da sei, sagt die Frau eines vermissten Soldaten beispielsweise, während ein Psychologe erklärt, dass ehemalige PoW die Familie oft als neue Gefangenschaft begriffen und alles täten, um auszubrechen – die Scheidungsquote sei entsprechend hoch.
Noch schlimmer ist die Situation in Uris Familie. Nach einigen Jahren des vergeblichen Wartens hatte sich seine Freundin Nurit in seinen Bruder Yaki verliebt, die beiden heirateten und bekamen einen Sohn, was nicht nur Uris Vater als Verrat empfindet. Nurit wird, wo immer sie hingeht, routinemäßig von Fremden beleidigt; sie habe die ganze Nation betrogen, lautete eine Titelschlagzeile, als das Verhältnis öffentlich geworden war.
Um Uri langsam an das neue Leben zu gewöhnen, wird entschieden, dass er zunächst nichts von der Ehe seines Bruders und seiner Freundin erfahren soll; in Rückblenden erfährt der Zuschauer allerdings von einem ganz besonders perfide inszenierten Ereignis während der Gefangenschaft. Eines Tages wurde Uri ohne irgendeine Erklärung aus der Zelle geholt, er durfte sich waschen und saubere Kleidung anziehen und wurde in einen Raum gebracht, in dem sich jede Menge Essen befand. Und eine Zeitung, nämlich genau die, die Nurits und Yakis Beziehung als Titelthema hatte. Lange geht die Scharade zwischen Uri und seiner (Ex-)Freundin nicht gut, der ehemalige Soldat zieht zu seinem Vater, der verbittert und ungnädig weiter versucht, die Brüder zu entzweien.
Immer wieder erfahren die beiden ehemaligen Gefangenen allerdings auch Ablehnung. Nimrod wird eines Tages mit einem wütenden Mann konfrontiert, der nicht damit fertig wird, dass ein Attentäter, der seine Frau und Kinder umgebracht hat, im Austausch gegen die Soldaten freigelassen wurde.
Auch wenn sich die Gesellschaft weitgehend einig ist, Gefangene unter allen Umständen nach Hause zu holen, sind solche Vorwürfe auch in der Realität nicht eben selten. Selbst der Nationalheld Gilad Shalit bekam während einer Fernsehsendung die Empörung der Angehörigen von Terroropfern zu spüren. Gideon Raff hat in Gesprächen mit ausgetauschten Geiseln überdies erfahren, dass diese sich oft selber viele Gedanken darüber machen, möglicherweise irgendwie schuld zu sein, wenn in Israel ein Anschlag verübt wird. »Es könnte ja sein, dass jemand, der freigelassen wurde, dahinter steckt.«