Aziz al-Hamza im Gespräch über Luftangriffe, Jihadismus und Flüchtlinge in Syrien

»Das Morden geht weiter«

Seit Beginn der russischen Luftangriffe leidet die syrische Zivilbevölkerung unter immer grausameren Zuständen. Über die Situation in Raqqa berichten die Betreiber von »Raqqa Is Being Slaughtered Silently«. Die Jungle World sprach mit dem Mitbegründer des Mediennetzwerks, Aziz al-Hamza. Er lebte bis 2014 in Raqqa, das der »Islamische Staat« (IS) im Juni 2013 zur Hauptstadt des »Islamischen Kalifats« erklärt hatte. Er floh vor dem IS über die Türkei nach Deutschland. Zwei seiner Kollegen wurden in der vergangenen Woche vom IS in Syrien getötet.

Wie ist die Situation in Syrien und besonders in Raqqa? Momentan ist die Situation wirklich schlimm. Seit den russischen Luftangriffen ist es noch schlimmer geworden als zuvor. Nachdem Raqqa im vergangenen Jahr sowohl von der syrischen ­Armee als auch von den Amerikanern beschossen wurde, kommen nun die Angriffe der Russen hinzu. Ansonsten werden die Städte, die unter der Herrschaft Assads stehen, natürlich verschont. Auch den IS scheinen die Russen nicht direkt anzugreifen. Was hat sich seit den russischen Luftangriffen für die Menschen in Syrien verändert? Es gibt sehr viele neue Flüchtlinge. Die Menschen fliehen nicht mehr nur vor dem Regime, sondern nun auch vor den Luftangriffen der Russen. Es wurden im vergangenen Monat vor allem auch zivile Einrichtungen zerstört, Moscheen, Geschäfte, Einkaufszentren und Krankenhäuser. Die Russen haben die gleichen Ziele wie die Truppen Assads. Mit ihrer Unterstützung werden die Angriffe immer stärker. Wie reagieren die demokratischen Organisa­tionen auf die Angriffe? Gar nicht. Die Free Syrian Army versucht weiterhin sich zu verteidigen und schafft es hin und wieder, Panzer und Fahrzeuge der syrischen Armee zu zerstören. Aber gegen die Angriffe aus der Luft sind sie machtlos. Es gibt keine Flugabwehr oder ähnliches Gerät. Von Russland werden alle Gegner des Regimes als Terroristen bezeichnet. Gibt es eine erkennbare Strategie hinter der russischen ­Intervention? Die Strategie scheint sich auf die Zerstörung der Free Syrian Army zu beschränken. Die Angriffe auf Idlib und Hama haben das gezeigt. Auch in den anderen Gebieten wurden keine IS-Stützpunkte angegriffen. Sie treffen vielfach eher ländliche Gebiete. Die Ziele sind ziviler Art oder die Angriffe sind direkt gegen die Opposition gerichtet. Ist der IS von den Angriffen überhaupt betroffen? Eher vereinzelt. In Raqqa selbst wurden Mitglieder des IS getötet. Unter ihnen Abu Bilal, der an der Verbrennung des jordanischen Piloten im Februar beteiligt war. Bashar al-Assads Position war bis vor kurzem auch international umstritten. Wird er mit Hilfe von Russland nun wieder gestärkt? Assad hat die Russen um Hilfe gebeten, als das Regime besonders geschwächt war. Im vorigen Monat schien die Free Syrian Army der starke Akteur zu sein. Das hat sich mit dem Kriegseintritt der Russen nun verändert. Allerdings glaube ich nicht, dass die Intervention der Russen länger als ein paar Monate andauern wird. Sie werden keine Bodentruppen schicken und nach einem halben Jahr geht ihnen dann das Geld aus. Wird die Free Syrian Army mit Assad und dem Regime verhandeln, so wie es der russische Außenminister Sergej Lawrow vorgeschlagen hat? Ganz sicher nicht. Die Free Syrian Army wird weiterkämpfen. Es gibt kein Interesse daran, sich an einen Tisch mit dem Diktator zu setzen. Schon gar nicht in der momentanen Situation, in der das Morden ja weitergeht. Von einer Übergangsregierung ist jetzt die Rede und von freien Wahlen. Kann es die in absehbarer Zeit in Syrien geben? Das wäre sinnlos. Es würde nichts ändern. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, wer zu solch einer Wahl antreten sollte. Es gibt einige kleine radikale Gruppen, aber keine Parteien, die die Menschen wählen könnten. Wie wird es dann weitergehen? Wir hoffen noch immer auf internationale Hilfe. Vielleicht auch aus Europa. Wenn die Europäer nicht immer nur zusähen, so wie wir es von ihnen gewohnt sind, sondern endlich Druck auf die USA und auch auf Assad ausübten, könnte sich wirklich etwas ändern. Gegen den IS, Assad und al-Nusra muss etwas geschehen. Die USA greifen von sich aus nicht ein. Seit Jahren sind sie passiv. Weshalb sollten sie also jetzt aktiv werden?

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