Neue Erkenntnisse im Fall der verschwundenen mexikanischen Studenten von Ayotzinapa

Mühsame Aufklärung

In Mexiko wird weiterhin nach den 43 verschwundenen Studenten von Ayotzinapa gesucht. Während sich der Staat gegen weitere Aufklärung sträubt, hat eine internationale Expertenkommission ihren zweiten Bericht über das Verbrechen vorgestellt.

Nach gut einem Jahr Arbeit verließ die internationale Expertengruppe GIEI der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte (CIDH) am 30. April Mexiko. Das lag am Unwillen der mexikanischen Regierung, das Mandat der Gruppe zu verlängern. Denn auch 19 Monate nach dem Verbrechen in der Stadt Iguala, als in der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 zunächst sechs Studenten von der Polizei erschossen wurden und dann 43 Studenten der Lehramtsschule in Ayotzinapa spurlos verschwanden, konnte deren Verbleib nicht geklärt werden. Diverse Polizeieinheiten unternahmen in jener Nacht verschiedene konzertierte Angriffe auf die etwa 100 Personen zählende Studentengruppe, nachdem diese in einer Protestaktion mehrere Busse gekapert hatte. Für die Region war es keine ungewöhnliche Aktion der Studenten, einzigartig war aber bis dato das Ausmaß der Reaktion.
Als am 24. April dieses Jahres in Mexiko-Stadt die fünfköpfige Expertengruppe vor Hunderten Anwesenden und laufenden Kameras Platz nahm, ruhten ihre Blicke zunächst auf den Angehörigen der Opfer in den ersten Reihen. Mit einem Lächeln der Anerkennung begrüßten sie die Angehörigen, schließlich kämpfen diese immer noch unermüdlich um Aufklärung. Zu Beginn der Vorstellung des Berichts hielt die kolumbianische Anwältin Ángela Buitrago, die in ihrem Land für die Inhaftierung hochrangiger Politiker gesorgt hat, unmissverständlich fest: »Für die GIEI hat die Geschichte nicht aufgehört.« Sie verwies damit auf die im Januar 2015 vom damaligen Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam getroffene Aussage, es handele sich um die »historische Wahrheit«, als er seine Version des Tat­hergangs präsentierte – womit er die laufenden Untersuchungen für beendet erklärte.
Diese offizielle Version geht auch heute noch davon aus, dass die 43 Studenten, beziehungsweise nach neuesten Angaben mindestens 17 von ihnen, auf der Müllhalde in Cocula von der kriminellen Gruppe Guerreros Unidos verbrannt wurden, nachdem diese sie ermordet hatte. Überzeugen konnte diese Version jedoch weder die Angehörigen noch die unabhängigen Experten. Den offiziellen Bericht über das Feuer auf der Müllkippe, der lediglich neun Seiten lang ist, fasst der spanische Mediziner Carlos Beristain wie folgt zusammen: »Es fehlt wissenschaftliche Stringenz. Es ist eine Analyse, die jeglicher Bürger hätte machen können.« Der Bericht entspreche keineswegs internationalen Standards. Außerdem gehe nicht aus ihm hervor, ob die Studenten noch lebend oder bereits tot, zusammen oder einzeln zur Müllkippe gebracht worden seien.
Gänzlich neue Erkenntnisse liefert der zweite Bericht der GIEI zu Ayotzinapa nicht, er ist vielmehr eine Vertiefung der bereits vorgestellten Ergebnisse des ersten Berichts vom vergangenen September. Bereits damals wurde die offizielle Version für nicht haltbar erklärt. Am 24. April wurde erneut darauf hingewiesen, dass mindestens 17 der über 100 festgenommenen Verdächtigen Spuren von Folter aufwiesen, nachdem sie von staatlichen Behörden vernommen worden waren. Noch sei unklar, in welchem Ausmaß die Bundespolizei in das Verbrechen verwickelt war. Sie hatte dabei geholfen, eine 80 Kilometer breite Zone abzuriegeln, um zu verhindern, dass die Studenten fliehen konnten, während das in der Nähe stationierte 27. Infanteriebataillon der mexikanischen Armee über das Kommunikationssystem C4 die ganze Zeit über alle Aktivitäten der Studenten informiert war. Auch die Rolle der Armee ist noch ungeklärt, der mexikanische Staat unterband konsequent eine Befragung einzelner Soldaten durch die ausländischen Experten.
Ausschlaggebend für die beispiellose Gewaltanwendung könnte ein fünfter Bus gewesen sein, den die Generalstaatsanwaltschaft in ihren Dokumenten und Erklärungen möglicherweise bewusst unterschlagen hat. Die GIEI vermutet, dass dieser Bus Heroin von Iguala nach Chicago in die USA transportieren sollte. Die Studenten wussten davon nichts und kaperten womöglich den falschen Bus. Für diese Version spricht nicht nur die vehemente Weigerung des Staats, das Verbrechen tatsächlich aufzuklären, sondern auch der Umstand, dass etwa die Hälfte des in den USA konsumierten Heroins mittlerweile aus dem mexikanischen Bundesstaat Guerrero stammt, in dem Iguala liegt.
Auch für die Debatte über deutsche Rüstungsexporte könnte der Fall von Bedeutung sein. Mutmaßlich illegal nach Iguala gelangte G36-Gewehre des baden-württembergischen Unternehmens Heckler & Koch wurden in jener Nacht von Polizisten mitgeführt. Ob mit ihnen auf Studenten geschossen wurde, ist noch nicht geklärt. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Stuttgart hat auch sechs Jahre nach einer Anzeige des Friedensaktivisten Jürgen Grässlin wenig aufgeklärt, erst im November vorigen Jahres wurde Anklage gegen sechs Mitarbeiter der Firma erhoben. Sie hat jedoch kürzlich Ermittlungen gegen Journalisten eingeleitet, die in verschiedenen deutschen Medien über die Rüstungsexporte berichtet hatten. Ihnen wird Geheimnisverrat und Verstoß gegen das Pressegesetz vorgeworfen. Nach der Pressekonferenz am 24. April in Mexiko-Stadt fragte die Jungle World Ángela Buitrago, wie wichtig die Aufklärung des mutmaßlich illegalen Waffenhandels für die Fortschritte der Arbeit der GIEI sei. Darauf gab sie kurz zu verstehen: »Es ist sehr wichtig. Auch deswegen, weil es einige Elemente gibt, die wir nicht vertiefen können.«

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