Nach den Anschlägen in Thailand

Tourismus und Terror

Nach den Anschlägen in Thailand wird über die Täter und deren Motive gerätselt. Die Militärregierung verdächtigt vor allem die oppositionellen »Rothemden«, von einem Terrorismusproblem will sie nichts wissen. Kürzlich sicherte sie sich per Referendum ihre Macht.

Als »lokale Sabotage« beschrieben thailändische Offizielle die 14 Bombenanschläge, die das Land zwischen dem 10. und 12. August getroffen haben. Vier Menschen starben, mehr als 30 wurden verwundet, unter ihnen ­einige ausländische Touristen. An fünf Stellen wurde Feuer gelegt. Die Brandstiftungen wurden mit dieser für Thailand beispiellosen organisierten Anschlagsserie in Verbindung gebracht. Als es noch keine Hinweise auf Motive und Täter gab, war das thailändische Außenministerium schnell mit der Vermutung zur Stelle, es könne sich keinesfalls um »internationalen Terrorismus« handeln. »Wir haben in Thailand keinen Terrorismus«, beteuerte gar der stellvertretende Sprecher der thailändischen Polizei, Piyapan Pingmuang.
Islamistisch motivierter Terrorismus ist ein Schreckgespenst vieler Thailänderinnen und Thailänder, denn mehr als 30 Prozent der Wirtschaft des Landes beruhen auf dem Tourismus. Es wäre eine Blamage für die Militärregierung, wenn der relativ begrenzte mus­limische Aufstand im tiefsten Süden nach über zehn Jahren nun im Landesinneren, 200 Kilometer entfernt von Bangkok, angekommen wäre. Die Junta, die zwar für Stabilität, nicht aber für einen ökonomischen Aufschwung steht, weiß, dass insbesondere die finanzkräftigen Touristen aus dem Westen nichts mehr scheuen als einen Urlaubsort mit Terrorgefahr.
Seit mehr als einem Jahrzehnt erschüttert ein heftiger Konflikt das Land. König Bhumibol, der lange ein Garant für Stabilität war, ist schwer krank. Auf der einen Seite stehen die Unterstützer des populistischen und der Korruption verdächtigten ehemaligen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra, der 2006 vom Militär gestürzt wurde. Seine Schwester Yingluck Shinawatra kam 2011 an die Macht, ehe sie durch einen erneuten Putsch 2014 aus dem Amt gejagt wurde. Auf der anderen Seite befinden sich die königstreuen Mittelschichtler, die traditionell dem Militär nahestehen.
Die Militärregierung und die ihr wohlgesinnten politischen Analysten in Bangkok haben mit den »Rothemden«, wie die Unterstützer des Shinawatra-Clans genannt werden, willkommene Verdächtige gefunden. Sie werfen den Rot­hemden vor, das thailändische System des Königs »sabotieren« zu wollen. Sabotage klingt nach Präzision, nach einem begrenzten Aktionsraum und danach, dass man die ­Situation schnell in den Griff bekommen könne. Diese Beschuldigungen könnten zwei Funktionen erfüllen: den politischen Feind weiter zu delegitimieren und sich der Terrorismus-These zu entledigen, auch wenn das einer Aufklärung der Anschlagsserie entgegenstehen könnte. Denn den Tourismus zu schützen hat in Thailand oberste Priorität, ohne ihn würde das Land verarmen.
Vor fast genau einem Jahr wurden bei einer Explosion am hinduistischen Erawan-Schrein in der Innenstadt Bangkoks 22 Menschen getötet. Zwei Uiguren sitzen dafür in Haft, die ihre Schuld jedoch bestreiten. Das Verfahren steht noch aus und es bleiben Zweifel, dass die wahren Täter gefasst wurden. Auch damals wurde Terrorismus als Motiv vehement ausgeschlossen – und das erfolgreich: 2016 zählt Thailand bereits über 30 Millionen Besucher, es könnte ein Rekordjahr für den Tourismussektor werden.
Ein paar Tage vor der Anschlagsserie, die mit den Feierlichkeiten zum 84. Geburtstag von Königin Sirikit zusammenfiel, wurden der regierenden Militärjunta in einem Referendum mehr Befugnisse einräumt und ihr Machterhalt vorläufig gesichert. Könnten die Anschläge eine verzweifelte Reaktion der nun weiter zurückgedrängten Rothemden sein? Auch wenn ihnen eine Reihe von militanten Aktionen zugeschrieben werden kann, war bei der Auswahl ihrer Anschlagsziele und den gelegten Brandsätzen stets eine klare Absicht zu erkennen. Die Anschläge der vergangenen Woche jedoch zielen nicht allein darauf, die Militärregierung herauszufordern; sie richteten sich, darin sind sich alle einig, gegen das gesamte Land und seine Bevölkerung. Sie haben nämlich keine staatlichen Institutionen getroffen, sondern beliebte Ferienorte wie Phuket und Hua Hin. Viele der Rothemden, die meist zur ärmeren Bevölkerungsschicht gehören und aus ländlichen Regionen kommen, arbeiten im Tourismussektor – sie müssten sich vorwerfen lassen, durch den ausbleibenden Tourismus den eigenen Unterstützern die Lebensgrundlage zu entziehen.
Die Anschläge seien mit relativ simpel konstruierten Sprengfallen aus­geführt worden, die ähnlich auch von den islamistischen Separatisten im Süden verwendet würden, so ein Sprecher der Polizei. Einige von ihnen explodierten mit kurzer Zeitversetzung nahe beieinander, um höhere Opferzahlen zu erzielen und noch mehr Panik zu erzeugen. Außerdem wurden die Sprengsätze in Gegenden gezündet, die für ein »sündhaftes« Nachtleben bekannt sind, also attraktive Ziele für Islamisten darstellen. Sind dies Hinweise auf die Tat islamistischer Rebellen aus dem Süden des Landes?
In den drei muslimischen Provinzen an der Grenze zu Malaysia hat der thailändische Staat bereits seit Jahrzehnten kaum Einfluss. Die Bewohner beklagen sich, im buddhistischen Thailand ungerecht behandelt zu werden. Bis zu 6 500 Menschen sind in dem seit zwölf Jahren andauernden bewaffneten Konflikt, der im Westen kaum Beachtung findet, getötet worden. Die Regierung hat über die Jahre keinen Weg gefunden, die Kämpfe dort zu beenden. Schwere Menschenrechtsverletzungen werden dem Militär vorgeworfen. Friedensverhandlungen werden immer wieder ausgesetzt; ein Plan, der dem Süden wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung bringen sollte, ist gescheitert. Der Militärregierung steht man im Süden besonders kritisch gegenüber, das Referendum wurde dort mit großer Mehrheit abgelehnt. In den ersten zehn Augusttagen brachte der Beobachtungsstelle Deep South Watch zufolge eine Serie von knapp 50 Anschlägen den etwas ins Stocken geratenen Aufstand muslimischer Splittergruppen in Thailands Süden zurück in den Fokus von Armee und ­Polizei. Ein Merkmal der Anschläge im Süden ist, dass keine Gruppe sich of­fiziell dazu bekennt – aus Angst vor einer organisierten Gegenoffensive des thailändischen Militärs.
Ungefähr 20 Terrorgruppen, von al-Qaida bis Hizbollah, dient Thailand als Rückzugsgebiet. Von aufsehenerregenden Anschlägen haben diese in den vergangenen Jahren abgesehen. Den Separatisten der Nationalen Revolutionären Front aus dem Süden konnten bisher keine Kontakte zu internationalen Terrorgruppen nachgewiesen werden. Im Februar gab es Gerüchte über eine dem »Islamischen Staat« (IS) nahestehende Untergruppe, die sich gebildet habe. In Indonesien und Malaysia konnte der IS bereits Fuß fassen. Hier haben ursprünglich lokale Islamistengruppen dem Anführer der Terrororganisation ihre Treue geschworen. Der Süden Thailands könnte sich in Kürze tatsächlich zu einem Brennpunkt des internationalen Terrorismus entwickeln, der ideale Nährboden dafür steht bereit. Ein Terrorismusproblem hat Thailand bereits heute.