Über die in der Türkei angeklagte Autorin Aslı Erdoğan

Erdoğan gegen Erdoğan

Die Schriftstellerin und Journalistin Aslı Erdoğan ist zum Symbol des Widerstands gegen staatliche Repression in der Türkei geworden. Von

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am 29. Dezember die Nachricht, die Schriftstellerin und Journalistin Aslı Erdoğan werde nach 132 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen. In den sozialen Medien war die Erleichterung groß, als Prozessbeobachter die Nachricht von der über­raschenden Freilassung durch die 23. Strafkammer für Kapitalver­brechen des Gerichtshofes in Istanbul verbreiteten.
Tausende politische Gefangene füllen derzeit die türkischen Gefängnisse, Hunderte Kulturschaffende sind darunter. Aslı Erdoğan wurde zu einer Symbolfigur für den Widerstand gegen das staatliche Unrecht in der Türkei. Präzise hat sie das menschliche Leid an der Unterdrückung in Worte gefasst, etwa als sie im Frühjahr vergangenen Jahres über die Ereignisse im südostanatolischen Cizre schrieb: »79 Tage lang hatten ­Panzer, Artelleriegeschosse und andere schwere Geschütze die Stadt Cizre in der Provinz Şırnak verwüstet, 1 200 Häuser sind zerstört worden. (…) In drei Kellern wurden Menschen verbrannt, obwohl es noch Verwundete gab, und auf dem Friedhof für Unbekannte verscharrt. (…) Darunter waren Kinder und Alte, 300 Menschen starben. (…) Aus den Trümmern wurden Leichen und Körperteile ­geborgen. Da wurden verstümmelte Leichen gefunden, Arme und Beine oder der Kopf fehlten.«
Das sind keine Horrorgeschichten, es ist die grausige Realität. In den staatlich kontrollierten Medien der Türkei werden diese Menschenrechtsverletzungen nicht thematisiert, nur wenige unerschrockene Journalisten hatten bis zum Sommer 2016 noch versucht, darüber zu berichten. Aslı Erdoğan war eine von ihnen. In der prokurdischen Tageszeitung Özgür Gündem veröffentlichte sie unregelmäßig eine Kolumne. Sie ist eine der wenigen nicht-kurdischen, international bekannten Autorinnen und genießt eine gewisse Aufmerksamkeit. Das machte sie zu einer Zielscheibe staatlicher Repression. Besorgte Bürger, deren Namen aber weder in den Prozessakten noch sonst auftauchen, beschwerten sich angeblich über PKK-Propaganda bei Özgür Gündem, und eine der Beschuldigten war Aslı Erdoğan. Dabei fasste die Autorin nur die Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung mit ihren verheerenden Auswirkungen für die gesamte Türkei in starke metapho­rische Worte: »Eben dort braut sich wie eine über den Fluss anrückende Armee aus in der Sonne glitzernden Bajonetten unausweichlich eine ­unheilvolle Zukunft zusammen.« In ihren Texten findet man keine ethnisierenden Darstellungen oder parteipolitische Propanda. Aber darum geht es auch gar nicht. Der Verstoß gegen das Schweigegebot über die türkische »Kurdenpolitik« und die pasolinische Form der Beschreibung von Grausamkeiten sind für die ­türkische Regierung momentan viel gefährlicher als jede Großdemonst­ration.
Sowohl in der Türkei als auch in internationalen Medien wird die seit Juli 2015 eskalierende Gewalt verallgemeinernd als ein Kampf zwischen PKK und türkischen Sicherheitskräften geschildert. Scharen von Berichterstattern übernehmen diese Darstellung der Regierung. Tatsächlich aber setzten die Übergriffe der türkischen Staatsmacht just im Juni 2015 ein, als die prokurdische »Demokratiepartei des Volkes« (HDP) die Zehnprozenthürde nahm und die von der AKP sicher geglaubte absolute Mehrheit im Parlament brach. Die Einrichtung eines Präsidialsystems stand damit in Frage. Die HDP benannte diesen Zusammenhang mit klaren Worten in einem Bericht über die geheime Agenda der AKP. Dieser schildert die Menschenrechtsver­letzungen in der Region, die das Errichten von Barrikaden und das ­Anrücken von PKK-Milizen in den Städten des Südostens verursacht hatten. Die Kriminalisierung der HDP, die Anklage und Verhaftung von Parlamentariern wurden international politisch gerügt, aber fast niemand außerhalb der Türkei kennt die ­Namen und Gesichter der Politiker und die Hintergründe dieser Konflikte.

Obwohl sie bereits in ihrer Kindheit Gedichte schrieb, entschied sich Aslı Erdoğan zunächst für ein naturwissenschaftliches Studium und arbeitete als Kernphysikerin.

Anders verhält es sich mit Aslı Erdo­ğan. Die türkische Justiz hat sie nicht zuletzt wegen ihrer Promi­nenz ins Visier genommen. Man fürchtet ihren Einfluss in der Öffentlichkeit. Die Autorin, deren Gesundheitszustand als labil gilt, gehört schließlich zu denen, die konsequent die anonymen Opfer von staatlicher Gewalt zu Wort kommen lässt. Seit dem missglückten Putschversuch im Juli 2016 inszeniert die türkische Regierung die eigene Opferrolle mit gewaltigem Aufwand. Von Präsident ­Recep Tayyip Erdoğan verfügte Mahnwachen für die Demokratie trieben regierungstreue Bürger wochenlang auf öffentliche Plätze. Die angebliche Bedrohung durch die Gülen-Bewegung diente als Vorwand für Massenverhaftungen. Auch der Verdacht des Landesverrats aufgrund von PKK-Unterstützung ist ein Anlass für zahlreiche Festnahmen.
Aslı Erdoğan wird Mitgliedschaft in der PKK vorgeworfen, ihr drohte eine langjährige Haftstrafe. Als Grundlage dieses Vorwurfs dienen ihre Texte in der Zeitung Özgür Gündem. In einem Interview für das deutsche Fernsehmagazin »Titel Thesen Temperamente« sagte sie im ­Januar, der Vorwurf sei absurd: »Ich habe hin und wieder eine Kolumne für eine bis zu meiner Verhaftung legal in der Türkei erscheinenden ­Zeitung geschrieben.«
Die Biographie der 1969 in Istanbul geborenen Schriftstellerin ist in ­vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Obwohl sie bereits in ihrer Kindheit Gedichte und Kurzgeschichten schrieb, entschied sich Erdoğan zunächst für ein naturwissenschaft­liches Studium und arbeitete als Physikerin am europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf zur Theorie der Elementarteichen. Keine einfache Zeit, wie sie später berichtet: »Ich war erst 24, ich war die einzige Frau, die einzige Türkin in einem Team von französischsprachigen Männern. Man kommt dorthin, erwartet lauter Einsteins und Heisenbergs – und was man findet, sind jegliche Art von fiesen Tricks, Leute, die sich gegenseitig die Karriere ­absägen, Daten stehlen; es war hart.«
Sie arbeitete an ihrer Masterarbeit und verfasste parallel ihren ersten Roman, »Der wundersame Mandarin«. Die Erzählerin läuft auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit durch die Straßen von Genf. Während der Leser ihr durch Gassen und über Brücken und Plätze folgen, gelangen wir in ein Labyrinth der menschlichen Seele. Das Migrantenviertel Pâquis ist das Zentrum der Krise. Die Fähigkeit der Autorin, Konflikte literarisch zu be­arbeiten, spiegelt sich heute in ihren starken fiktionalen und journalistischen Texten wider.
Es bleibt zu hoffen, dass die internationale Aufmerksamkeit, die der Fall Aslı Erdoğan genießt, sowohl der Schriftstellerin als auch anderen politisch Verfolgten hilft. Erdoğan hat bereits einige türkische und internationale Literaturpreise bekommen. Der schwedische PEN-Club etwa verlieh der Schriftstellerin nach ihrer Verhaftung im August 2016 den Tucholsky-Preis. In diesem Jahr erhält sie den Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreis. In einer Kolumne beschrieb sie vor der Inhaftierung das Gewicht der ungesagten Worte und die Qual der Abwesenheit einer gehörten Stimme. Das Schicksal der verordneten Schweigsamkeit hat sie bereits durchbrochen und ihre Stimme wird nun hoffentlich überall gehört werden.

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