In Kamerun gibt es Proteste gegen die Diskriminierung der anglophonen Minderheit

Parlez-vous anglais?

Der englischsprachige Bevölkerungsteil in Kamerun fühlt sich gegenüber der frankophonen Mehrheit benachteiligt. Nach Protesten erwarten die Beteiligten hohe Strafen.

Im westafrikanischen Kamerun wird derzeit vorgeführt, welche Anklage denen drohen kann, die lieber Englisch als Französisch sprechen wollen: Terrorismus. Der Menschenrechtsanwalt Felix Agbor Balla und der Universitätsdozent Fontem Neba wurden im Dezember 2016 in Buea festgenommen, einer Großstadt im anglophonen Westen des Landes, und für ihren Prozess in die Hauptstadt Yaoundé überführt. Die ursprünglich für Anfang Februar angesetzte Verhandlung wurde vertagt, doch beide bleiben in Haft. Ihnen droht die Todesstrafe.
»Dieser Fall hat einen politischen Beigeschmack. Wir können nur hoffen, dass die Richter fair sein werden. Ich kann nicht erkennen, warum der Vorwurf Terrorismus lautet«, sagte dem britischen Guardian zufolge einer der Verteidiger der beiden Angeklagten.
Felix Agbor Balla und Fontem Neba sind die Anführer des Cameroon Anglophone Civil Society Consortium und haben vergangenes Jahr ghost town-Proteste organisiert: Niemand zeigte sich auf den Straßen, ging zur Schule oder zur Arbeit. Das öffentliche Leben sollte lahmgelegt werden. In Bamenda, einer weiteren Großstadt in Westkamerun, setzten Ordnungskräfte auf einem Marktplatz Tränengas ein und schossen in die Luft. Bei den Tumulten kamen Agenturberichten zufolge mindestens vier Menschen ums Leben. Bei anderen Demonstrationen wurden bis zu 100 Teilnehmer verhaftet. Überdies kam es im Oktober und November zu Arbeitsniederlegungen. Damals streikten zuerst die Anwälte, dann die Lehrer und Hochschuldozenten im englischsprachigen Teil des Landes. Der Grund war der gleiche wie bei den ghost town-Protesten: die Diskriminierung der Anglophonen durch die frankophone Bevölkerungsmehrheit. Die Anwälte wollten sich gegen die Zurückdrängung des englischen common law-Systems zugunsten des französischen »Code Napoléon« wehren. Über die Entsendung von französischsprachigen Kollegen in ihre Landesteile empörten sich die Lehrer.
Der Regierung wird auch angelastet, dass Englischsprachige von hohen Posten in der Verwaltung oft ausgeschlossen seien. Die wichtigsten Ministerien werden systematisch mit Frankophonen besetzt. Zudem werden viele Dokumente zuerst in Französisch veröffentlicht, es mangelt oft an Übersetzungen. Die Kritik gilt vor allem Präsident Paul Biya, der das Land seit 1982 autokratisch führt. Die vergangenen Wahlen in Kamerun waren nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen und westlichen Regierungen von Fälschungen und Unregelmäßigkeiten geprägt. Biya schweigt bislang zu den Demonstrationen. Dem Nachrichtenportal Irin News zufolge hat sich lediglich Paul Atanga Nji, Minister für besondere Aufgaben, dazu geäußert und bestritten, dass die englischsprachigen Kameruner von Diskriminierung betroffen sind.
Der Sprachenkonflikt geht zurück auf die Kolonialzeit. Zwischen 1922 und 1961 war die frühere deutsche Kolonie Kamerun in ein französisches und ein kleineres britisches Mandatsgebiet aufgeteilt. Nach der Unabhängigkeit wurde eine Verfassung verabschiedet, die Föderalismus und die Gleichberechtigung der beiden Amtssprachen vorsieht. Zu diesem Kompromiss rang sich der anglophone Landesteil durch, zuvor war ein Anschluss ans benachbarte Nigeria beabsichtigt gewesen. Doch bereits Anfang der siebziger Jahre wurde der Föderalismus abgeschafft – die Frankophonen konnten ihre Dominanz festigen.
Neben der Identitätspolitik, die im Streit über die Amtssprachen ausgetragen wird, dürfte auch die Erdölfrage die Proteste befeuern. Die staatliche Raffinerie Sonara wird in Limbé im anglophonen Gebiet betrieben. Die Gewinne fließen jedoch größtenteils nach Yaoundé zurück, was nach Angaben lokaler Aktivisten die Entwicklung Westkameruns untergräbt. Zudem sind Arbeitslosigkeit und Korruption große Probleme. Die offiziell knapp 24 Millionen Einwohner des Landes sind indes nicht strikt in zwei Lager gespalten, wie es der derzeitige Konflikt vermuten lässt. In Kamerun werden über 250 Sprachen und Dialekte gesprochen, viele Einwohner sind multilingual. Indigene Mundarten, die Amtssprachen und Pidgin-Englisch vermischen sich für viele Menschen im Alltag. Die Führungsschicht um Präsident Biya will jedoch offenbar monolingual bleiben.

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