Die Stagnation der Band Joan of Arc

Der Zitat-Salat welkt vor sich hin

Neues Album, neues Wortspiel: Die Band Joan of Arc aus Chicago tritt mit »He’s Got the Whole This Land Is Your Land in His Hands« munter auf der Stelle.

»What the fuck?« ist eine angesichts der jüngeren politischen Entwicklungen dies- und jenseits des Atlantiks naheliegende Frage. Die Chicagoer Indieband Joan of Arc stellt sie gleich zu Beginn ihres neuen Albums, dessen anspielungsreicher Titel »He’s Got the Whole This Land Is Your Land in His Hands« einen Bezug zur politischen Situation in den USA vermuten lässt. Genau, was ist hier ­eigentlich gerade los?
Der Titel des Albums vermengt das spirituelle Evergreen »He’s Got the Whole World in His Hands« mit Woody Guthries berühmtem Folksong »This Land Is Your Land«. Letzterer wird in den USA bei politischen ­Anlässen gern als alternative Nationalhymne gespielt – und zwar von Vertretern beider politischer Lager. George H. W. Bush verwendete 1988 eine um ein paar sozialkritische Strophen gekürzte Version des Songs für seinen Wahlkampf. 2009 wurde er auf der Inaugurationsfeier für ­Barack Obama von Pete Seeger und Bruce Springsteen – vollständig – vorgetragen. Dass der Protestsongklassiker nun in Zeiten einer konservativen Wende und pünktlich zum Amtsantritt Donald Trumps als bedrohliches Wortspiel bemüht wird, lässt erst einmal aufhorchen. Um es aber vorwegzunehmen: Auch im 20. Jahr ihres Bestehens ist aus Joan of Arc keine explizit politische Band geworden. Die mit Zitaten und Wortspielen gespickten Texte des einzigen festen Bandmitglieds, Tim Kinsella, schließen an das umfangreiche bisherige Werk an. Kryptische Verweise auf US-Politik und Popkultur hat es da immer mal wieder gegeben, etwa im Titel der Alben »In Rape Fantasy and Terror Sex We Trust« (2003) und »Joan of Arc, Dick Cheney, Mark Twain« (2004). Spätestens letzteres machte in seiner plump-provokativen Namensgebung schon vor zehn ­Jahren ein Grundproblem der Lyrik Kinsellas unübersehbar: Die ständigen Zitate, Anspielungen und schlimmstenfalls klamaukigen Wortspiele sind auf Dauer ermüdend. Als ästhetisches Mittel einer Band, die lieber Kunst als Punk wäre, reicht es nicht aus. Auch auf dem neuen ­Album finden sich Zeilen, deren willkürliche Verbindung von Aufmerksamkeit garantierenden Begriffen mit vagen Ich-Formulierungen bei einer Punkband im Teenageralter verzeihlich wäre, von einem respektierten Musiker und Autor kommend aber zum Haareraufen sind: »I’m gonna kill the little Hitler in my heart«, »I know how the nicest guy in ISIS feels«. Solche im Indierock der neunziger Jahre nicht unübliche, zum Stilmittel erhobene Cleverness wirkt heute aus der Zeit gefallen.
Als Joan of Arc vor zwei Dekaden auf der Bildfläche erschienen, schufen sie sich im musikalischen Kosmos Chicago ihre eigene Nische. Die Stadt war zu dieser Zeit Zentrum verschiedener Strömungen, die gitarrenlastigen Indierock zugleich introvertierter und aufregender machten. Elemente aus Jazz, Kraut und elektronischer Musik beeinflussten Post-Rock-Pioniere wie Tortoise und The Sea and Cake, während die Bands der zweiten Emo-Welle die Energie von Punk mit Jazz-Akkorden, brüchigem Gesang und persönlichen ­Texten kombinierten. Keine Band dieses Midwest Emo genannten Genres vertrat jenen ­Eklektizimus so sehr wie die kurz­lebigen Cap’n Jazz. Aus deren Besetzung gingen genug Bands hervor, um später ganze Emo-Anthologien zu füllen, darunter The Promise Ring, American Football, Owls und eben Joan of Arc. Deren erstes Album »A Portable Model of« erschien 1997 und ist ein Underground-Klassiker, dem man die Spielfreude und Lust am Verqueren auch heute noch anhört. Da ansetzend, wo Cap’n Jazz aufgehört hatten, ist die Platte eine Klang gewordene Hommage an das Fragile und Unsichere, ohne in Selbstmitleid zu ertrinken oder diffus die Fäuste gegen das System zu schütteln. Tim Kinsellas schiefer Gesang war damals schon Geschmackssache und ließ in Kombination mit seinen ­artifiziellen Texten und der chaotisch-verschmitzten Musik niemanden kalt. Man liebte diese Band oder man hasste sie. 
Für die folgenden Studioalben setzten Joan of Arc ihren programmatischen Ansatz unbeirrt fort, bezogen Elemente aus Minimal Music und Folk mit ein und erspielten sich auch in Europa ein treues Publikum. Dann passierte etwas Seltsames: Aus der ursprünglich provokativen Zurschaustellung von Intellekt und Kunst­affinität im Kontext von (Post-)Punk wurde im Laufe der Jahre ein vorhersehbarer Selbstläufer. Das neue Album ist der vorläufige Höhepunkt dieser traurigen Entwicklung: Joan of Arc wollen unbedingt noch immer anecken, schaffen dies aber fast nie. Dafür klingen die im Zuge mehrerer Sessions an verschiedenen Orten aufgenommen Songs zu träge und monoton. Die Grundstimmung ist die einer trotzigen Einigelung, was umso bedauerlicher ist, wenn hier und da doch einmal Ideen aufblitzen, die das stilistische und klangliche Potential erahnen lassen. 
Der sechste Song »Grange Hex Stream« ist mit seiner unerwarteten Wärme so eine Ausnahme, nicht zuletzt, weil Tim Kinsella seinen charakteristischen Gesang hier auch einmal variiert. Am Mikrophon wird er auf dem gesamten Album von Melina Ausikaitis unterstützt, die sich Kinsellas dissonantem Gesangsstil allerdings komplett anpasst. Die Musik des derzeit fünfköpfigen Kollektivs wird so zur Tapete hinter dem unaufhörlichen Schwall an Worten und Satzfetzen. Das ist schade, denn die Vielzahl an genutzten Instrumenten und Klangquellen könnte sich angesichts der gesammelten Erfahrung der Beteiligten spannend anhören. So aber entsteht im Interesse einer erzwungenen Unzugänglichkeit eine mehr nach Stagnation als nach Experiment klingende Platte. 
Dass eine Band nach zwei Dekaden nicht mit jedem neuen Album ein Meisterwerk schaffen kann, liegt auf der Hand und es ist respektabel, dass Tim Kinsella – der schon für frühere Alben viel Kritik einstecken musste – das Projekt Joan of Arc weiterhin verfolgt. Ärgerlich ist, dass die irgendwann einmal frische Verspultheit mittlerweile einer Haltung gewichen ist, die sich keine Mühe mehr macht, jemanden außerhalb der angestammten Fangemeinde zu erreichen.

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Joan of Arc: He’s Got the Whole This Land Is Your Land in His Hands (Joyful Noise)