Homestory

Homestory #08

Redakteure ihrer kleinen, feinen Wochenzeitung sind, wie Sie sicher bemerkt haben, eigentlich rund um die Uhr damit beschäftigt, Trends zu scouten und die Flöhe husten zu hören, bevor diese überhaupt wissen, dass sie erkältet sind. Doch auch Trendscouts und Aktualitätsjäger brauchen zwischen all den Blogs und Posts mal ein Päuschen, hübsche Bilder auf dem Schirm und kurze Rückzüge ins Private. Und da unterscheiden sie sich nicht so sehr von anderen Menschen: Ebay-Auktionen sind eine allseits beliebte Pausenbeschäftigung, nachmittags um halb vier im Dschungel. Der dauerfrierende Kollege, der wochenlang nach einem günstigen Wollpulli, vorzugsweise der Marke Fred Perry, gesucht hatte, verspricht seit Wochen, das neue gute Stück – knallrot soll es sein – auf der Arbeit vorzuführen, allein die DHL-Warensendung dauert. Andere Kollegen, ebenso retromodebewusst, sind da glücklicher und posieren bereits mit dem neuen Donkey Jacket.
Doch meist heißt die Devise: Warten, warten, warten, denn jedes Schnäppchen muss durch das Nadelöhr der Paketzustellung. Genau genommen vertragen sich Redaktionsarbeit und Ebay-Auktionen ja nicht miteinander. Also nicht, weil unsere Arbeitsverträge privates Surfen und Online-Einkäufe verbieten würden. Arbeitsverträge sind so retro wie Fred-Perry-Pullunder, aber das nur nebenbei. Es liegt auch nicht daran, dass vor lauter Stress nicht die eine oder andere Reise gebucht, ein Handwerker bestellt oder eine Jeans ersteigert werden könnte. So viel Zeit ist immer. Das Problem mit den Internetkäufen allerdings ist, dass die Zeiten, die man in der Redaktion verbringt, genau die sind, in denen zum Beispiel der Hermes-Bote (auch ein Kollege ohne so ein Retro-Dings von Abeitsvertrag) an der Wohnungstür klingelt. Die man nicht öffnen kann, weil man sich just in dem Moment fernab von der Homebase in der Redaktion befindet. Soll man sich also den Schnapp der Woche etwa in Form des knallroten Fred-Perry-Pullovers direkt an die ­Redaktionsadresse liefern lassen? Was immerhin den Vorteil hätte, dass die modeinteressierten Kollegen das gute Stück gleich mal begutachten können? 
Ja, im Prinzip ist das eine gute Idee. In der Praxis scheitert das allerdings an der vierten Etage, die die Redaktion bewohnt und die vom Boten (vgl. Arbeitsverhältnis, prekäres) eher ungern erklommen wird. Weshalb die Pakete stets in den tiefergelegenen Etagen bei zunehmend gereizt reagierenden Nachbarn abgegeben werden. Also wo bleibt jetzt der lange erwartete knallrote Pulli?

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