Klassenkampf

Der Brandbrief

Kolumne Von

Es brennt, es brennt, hurra, ­hurra, die Schule brennt! Alle laufen durcheinander und schreien, keiner kann mehr rechnen und die Lehrenden an den Unis schreiben schnell einen Brandbrief. In dem Brief und der auf ihn folgenden Diskus­sion geht es darum, wie man Kinder und Jugendliche so ­hinbekommt, dass sie nach der Schule den Interessen der deutschen Wirtschaft am ehesten gerecht werden und möglichst problemlos ihrem Zweck, der Verwertung ihrer Arbeitskraft, zugeführt werden können. Traurig stellen die Unterschreibenden fest, dass die seit Pisa geforderte Orientierung an Kompetenzen statt Fachinhalten dies verhindere und dazu führe, dass Studierende der Mathematik und Ingenieurswissenschaften weder Formeln noch ihre Anwendung beherrschten. Entgegnet wird ihnen unter anderem, dass sich die Anforderungen geändert hätten und es gar nicht mehr die Aufgabe von Schule sei, ihr Klientel studierfähig zu machen. Was teils ja richtig ist, an den nur für einige wenige zum Abitur führenden Schulformen geht es schließlich oft genug nur noch darum, sicherzustellen, dass die Jugendlichen zwischen acht und 16 Uhr keinen Quatsch mit Drogen, Ladendiebstahl und Revolte machen. Aber um den Rest ist man dann schon besorgt, der Rest muss den Hightech-Sektor der viertstärksten Industrienation der Erde voranbringen und das wird ganz schön schwierig ohne Mathematik.

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Zwischen den alten Konservativen und den Sozialdemokraten, zwischen den einen, die jammern, weil das Abitur immer einfacher wird und das Monopol ihres Nachwuchses auf Wohlstand und Bildung gefährdet erscheint, und den anderen, die, wenn die Wirtschaft mehr Abiturientinnen fordert, alles tun, um mehr davon zu liefern, sitzen nun die Jugendlichen und können nicht rechnen. Eine Feststellung, die ich, wohlgemerkt, nicht bestreite, unsere zumindest können wirklich nur schlecht rechnen, so schlecht, dass ich es sogar im Deutschunterricht bemerke. Wenn die Antwort auf die in einem Anfall von fächerübergreifender Sinnlosigkeit gestellte Frage, wie alt Goethe heute ungefähr wäre, im ersten Anlauf »2 500 Jahre« lautet und rund ein Drittel einer neunten Klasse kein Problem mit dieser Antwort hat, bekommt man schon ein ungutes Gefühl. Andererseits, vielleicht ist das auch wieder Blödsinn, vielleicht stimmt das auch wieder gar nicht, vielleicht war dieses Drittel der Klasse mit anderen Dingen beschäftigt, vielleicht können sie sehr gut rechnen und haben nur nicht zugehört, weil sie unter der Bank mit kleinen Feuerzeugen, Streichholzschachteln und brennbaren Flüssigkeiten spielten und von einer besseren Welt träumten, einer Welt, die damit beginnt, dass die Schule brennt und niemand einen Brandbrief schreibt.