Alona Barkat ist die erste israelische Eigentümerin eines Fußballclubs

Im Fanblock mit den Ultras

Alona Barkat ist die erste Israelin, die einen Fußballverein besitzt. Mittlerweile spielt ihr Club Hapoel Be’er Sheva auch international mit.

Southampton ist als Hafenhauptstadt Europas bekannt. Hier gibt es Schiffe und Fußball und sonst nicht viel. Die Stadt ist Schauplatz eines sportlichen Höhepunkts für Alona Barkat. Im Dezember spielte ihr israelischer Club Hapoel Be’er Sheva dort 1:1 gegen den FC Southampton und zog nach einer dramatischen Schlussphase in die K.O.-Runde der Euro League ein. Es ist eine unwahrscheinliche Geschichte: Be’er Sheva, der heruntergewirtschaftete kleine Club aus der Negev-Wüste, den Barkat als klammen Zweitligisten aufgekauft hatte, mauserte sich gegen alle Widerstände erst zum israelischen Meister, düpierte dann in der Euro League mit zwei Siegen das große Inter Mailand und kickte im Dezember den Premier-League-Club Southampton raus. Als »Wüstenprinzessin« bezeichnete die New York Times Barkat im Februar. Eine Frau im Männerfußball, die einen Underdog mit kleinem Budget zum Triumph führt. 

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Dabei hat Alona Barkat, nüchtern betrachtet, mit dem Underdog-Image von Be’er Sheva nicht viel gemein. Eine elegante israelische ­Millionärin, die Jahre in den USA verbrachte, es mit ihrem Gatten in Silicon Valley zu Geld gebracht hat und das auch zeigt. Bevor sie Hapoel Be’er Sheva 2007 für rund 1,8 Millionen Dollar gekauft hat, ist Barkat nur ein einziges Mal in ihrem Leben dort gewesen. Sie stammt aus der Küstenstadt Ashkelon, aus dem wohlhabenden Bildungsbürgertum. Nicht allzu weit weg von Be’er Sheva, und doch liegt eine Welt dazwischen. Barkat ist kosmopolitisch, Be’er Sheva ­israelische Provinz.
Das hätte nicht gutgehen müssen. Und eine Zeitlang sah es so aus, als ginge es nicht gut. Dass es mit den Millionen der Investorin gelingt, den Club aufzubauen, ist weniger über­raschend als die Tatsache, dass Alona Barkat und Be’er Sheva tatsächlich zueinander finden. Sie ist eine der wenigen Frauen weltweit, denen ein Fußballclub gehört. Und ein Teil der noch kleineren Minderheit, die aus eigenem Antrieb zur Besitzerin wurden.
Als Spielzeug für gelangweilte Millionäre war der marode Club Hapoel Be’er Sheva eine schlechte Wahl. Sportlich weit weg von den Fleischtöpfen der ersten Liga, das Stadion baufällig, die Fans mit schlechtem Ruf und die Fluktuation an Trainern so hoch, dass diese es kaum schaffen, ihr Konzept vorzustellen, bevor sie wieder weg sind. Neue Trainer und Spieler machten sich in den nuller Jahren rar: Wer will schon freiwillig nach Be’er Sheva? In eine Stadt, die auch schon mal vom Ligabetrieb ausgeschlossen werden sollte, weil sie zu weit in der Pampa lag, und lange Zeit überhaupt nur am Leben gehalten wurde, weil sie strategisch wichtig war, zwischen Negev-Wüste, Gaza-Streifen und Westbank. Wer hier etwas erreichen will, braucht Biss.

»Unser wahres Ziel ist es, zu beweisen, dass Träume wahr werden können.« Alona Barkat

Ob Barkat sich all dessen bewusst war? Manch einer in Israel bezweifelt das. Be’er Sheva ist eine seltsame Wahl. Es gibt nicht viel, was für den Standort spricht. Barkat hat später gesagt, sie habe anfangs selbst mittelmäßigen Spielern doppelt so viel bieten müssen wie andere Clubs, um sie zum Wechsel zu bewegen. War sie naiv, als sie den Club kaufte? Womöglich ja. Aber Be’er Sheva ist auch ein Ort, der Freiheiten gewährt, wie es sie anderswo nicht gibt. In den USA, als ihr Ehemann die Moneten machte, legte Alona Barkat Wert darauf, sich durch ihre Arbeit in Sozialprojekten zu profilieren. Es heißt, soziales Engagement sei eines ihrer Motive gewesen, nach Israel zurückzukehren. Das unterscheidet Barkat markant vom Gros der israelischen Clubbesitzer. Sie muss kein Geld mehr machen, sie hat ja genug; Alona Barkat suchte ein Projekt. In Be’er Sheva hatte sie die Möglichkeit, etwas zu formen, was sie ihr Eigen nennen kann. Spötter und Kritiker gab es viele. Barkat hatte keine Erfahrung im Business, und sie ist, nun ja, eine Frau.
Wenn Alona Barkat in Interviews darüber reden soll, wie es ist, als Frau in der Männerdomäne Fußball zu bestehen, wiegelt sie meist kühl ab. »Ich spüre keinen Chauvinismus mehr«, sagt sie dann. Oder: »Am ­Anfang gab es ein paar hochgezogene Augenbrauen, aber die sind verschwunden. Die Leute respektieren, dass Frauen Fußball verstehen und lieben.« Sie bewegt sich, das muss ihr bewusst sein, auf einem schmalen Grat: Einerserseits ist sie darauf bedacht, ihr Geschlecht nicht zu sehr zum Thema zu machen; andererseits baut die Marke Alona Barkat auf genau dieser Geschichte auf. Die Presse zeichnet sie als Rebellin in der Männerwelt und Barkat spielt das Spiel mit. Sie spricht auf Foren zu Frauen in Führungspositionen, erzählt, wie hart die ersten Jahre in Be’er Sheva für sie gewesen seien. Und gibt in anderen Interviews die abgeklärte Clubbesitzerin, für die Chauvinismus keine Rolle spielt, das sei alles Schnee von vorgestern. Wie schwierig sie sich wirklich tat, weiß nur sie selbst. 
Es dauerte einige Jahre, bis Hapoel Be’er Sheva aus der zweiten Liga aufstieg. »Wir mussten damals ganz von vorne anfangen«, sagte Barkat der Bild-Zeitung. Der Zeitpunkt kam ihr gelegen: Der israelische Fußball befand sich in der Krise; viele Fan­szenen lagen im Clinch mit Clubbesitzern, die oft genug in kriminelle Geschäfte verwickelt waren und auch schon mal, wie Beitar Jerusalems Arcadi Gaydamak, mit internationalem Haftbefehl gesucht wurden. Es wuchs eine Sehnsucht nach einem saubereren Vereinsfußball, der auch soziale Projekte pflegt, und Barkat kam dem entgegen.
Nicht, dass sie nichts zu tun hätte mit dem israelischen Klüngel: Ihr Ehemann Eli Barkat ist ein einflussreicher Unternehmer, ihr Schwager Nir Barkat der Bürgermeister von Jerusalem. Der Club hängt finanziell von ihr ab – 100 Millionen Schekel soll Barkat bis heute investiert haben, umgerechnet etwa 25 Millionen Euro.

Aber Alona Barkat hat eine Bodenständigkeit, die die Anhängerschaft liebt: Die Auswärtsspiele schaute sie demonstrativ im Fanblock, Ultras gab sie ihre Handynummer. »Ich will wissen, was die Leute denken. Sie rufen an, wenn sie Ideen oder Kritik haben.« Das war neu und mutig und beseitigte langsam das Misstrauen in Be’er Sheva. Barkat beließ es nicht bei leeren Versprechen: Sie baute in Be’er Sheva eine neue Jugendabteilung auf, die dem Verein eine breite Basis verlieh. Sie organisierte Sozialprojekte für Beduinen und äthiopische Einwanderer, ließ ein modernes Stadion bauen. Und ließ bewusst sowohl Juden als auch Muslime verpflichten. »Die Meisterschaft ist für mich nur Mittel zum Zweck«, sagte sie im vorigen Jahr vor 100 000 Fans. »Unser wahres Ziel ist es zu ­beweisen, dass Träume wahr werden können. Niemand hat ein Monopol auf Erfolg, keine Stadt, kein Sektor, keine Religion.«

Heute gilt ihr Weg als Erfolgsgeschichte: Hapoel Be’er Sheva hat den zweithöchsten Zuschauerschnitt der ersten Liga und hat sich im Kreis der Titelkandidaten etabliert. Wie sehr aber Kleinigkeiten über Triumph oder Scheitern entscheiden können, zeigte sich im Jahr 2010. Drei Jahre war Barkat Besitzerin des Vereins und noch immer hatte Be’er Sheva Probleme. »Barkat hat alle Fehler gemacht, die man machen kann«, schreibt die Jerusalem Post rückblickend. Dann bedrohten Anhänger den damaligen Trainer Guy Azuri. Und Barkat kündigte an, den Club zu verkaufen. Vielleicht aus Resignation, vielleicht aus einem wütenden Impuls. Oder aus Kalkül, um die Fans in die Schranken zu weisen. Sie hatte Glück, die Szene beruhigte sich. Und Barkat verkaufte dann doch nicht. Die Investorin, die fast am eigenen Projekt gescheitert wäre, blieb. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Hapoel Be’er Sheva wurde sechs Jahre später israelischer Meister und zog ein halbes Jahr danach gegen South­ampton in die K.O.-Runde der Euro League ein. »Der Club hat sich bis zur Unkenntlichkeit verändert«, schreibt die Jerusalem Post.

Southampton war der vorläufige Höhepunkt; danach schied Be’er Sheva gegen Beşiktaş Istanbul aus. Aber auf Southampton schaut man noch aus einem zweiten Grund: Es war zu diesem Zeitpunkt der einzige europäische Profifußballclub neben Be’er Sheva, der einer Frau gehörte. Vom Ladykracher ist die Rede. Nach dem großen Umsturz im Boys’ Club der Vereinsbesitzer sieht es nicht aus. Die junge Schweizerin Katharina Liebherr, der Southampton gehört, gibt als Revoluzzer-Abziehbild nicht viel her: Die Milliarden der Familie fielen ihr in die Hände und der Fußballclub eben gleich dazu. Sie scheut die Öffentlichkeit, vermeidet Interviews und weiß, so Trainer Ronald Koeman zeitlos diplomatisch, »dass sie im Fußball nicht alles versteht«. Ähnlich war es mit der bis vor kurzem dritten Frau im europäischen Bunde, Margarita Louis-Dreyfus, die die Mehrheitsaktien von Olympique Marseille von ihrem umstrittenen Gatten erbte – und im vergangenen Herbst verkaufte.
Alona Barkat sticht weiterhin heraus. Weil sie freiwillig kaufte. Weil sie Fußballfan ist. Und weil sie blieb.