Türkische Fußballspieler werben für die Autokratie

Kicken und Nicken für Erdoğan

Viele prominente türkische Fußballspieler wollen beim Verfassungsreferendum mit »ja« stimmen – und verbreiten ihre Haltung auch in sozialen Medien.

Mit folgender Videobotschaft eröffnete der ehemalige Fußballer Rıdvan Dilmen via Twitter eine Kampagne für das anstehende Verfassungsreferendum, dem sich weitere aktive und ehemalige Kicker anschlossen: »Unsere Heimat, unser Land geht durch eine schwierige Zeit, quasi durch einen Unabhängigkeitskrieg. Wir wollen eine starke Türkei. Für eine starke Türkei werde auch ich eintreten. Lieber Arda, bist du auch ­dabei?«
Skurril wirkt der Vergleich zwischen dem am 16. April stattfindenden Referendum und dem türkischen Unabhängigkeitskrieg 1919 – 1923, neu ist das aber nicht. So bezeichnete Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan die Vereitelung des Putschversuchs am 15. Juli 2016 bereits als Unabhängigkeitskrieg und bereits Kenan Evren, bis 1989 Staatspräsident, legitimierte am 12. September 1980 den Militärputsch unter seiner Leitung mit einem solchen Verweis.

»Hör nicht auf den Teufel, stimme mit ›nein‹!« »Sol Açık« (Links Außen), Ultra-Gruppe von Fenerbahçe

Der im Video direkt angesprochene Arda Turan, seines Zeichens Mittelfeldspieler beim katalanischen FC Barcelona und der vielleicht erfolgreichste Fußballer, den die Türkei je hervorgebracht hat, nutzte die Gelegenheit, um Dilmen zu antworten, er sei ebenfalls für eine »starke Türkei«. Turdan spielte den Ball weiter zu seinem ehemaligen Mannschaftskollegen bei Galatasaray, dem mittlerweile in der chinesischen Liga auflaufenden Burak Yılmaz.

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Heftige Kritik in sozialen Medien folgte. Turan verteidigte sich damit, dass er nur von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht habe. Außerdem stehe er seit jeher an der Seite Erdoğans.

Generell stören Turan die Anfeindungen wohl nicht, allerdings möchte er nicht, dass an seiner Liebe zu Atatürk gezweifelt wird. Dilmen argumentiert ähnlich, für Kritik sei er offen, aber niemand habe das Recht, seine Liebe zu Atatürk in Frage zu stellen. Die Türkei, so Dilmen, brauche nun mal einen starken Führer und eine »entwickelte Demokratie«.

Schon seltsam, hier von »entwickelter Demokratie« zu sprechen – sofern die Inhalte der Verfassungsreform denjenigen, die sie so vehement beschwören, überhaupt bekannt sind –, denn mit einer liberalen Demokratie hat sie nicht viel gemein: Die geplante Verfassungsänderung hebt die Gewaltenteilung auf und ermöglicht dem Präsidenten, am Parlament vorbei per Präsidialverordnung zu regieren. Das Parlament hat dann den Status eines Blinddarms: existent, aber nicht notwendig. Zudem kann der Präsident das Parlament auflösen, eine mit Präsidialsystemen nicht zu vereinbarende Konstruktion. Wenn Vertreter der AKP in Talkshows von Maybritt Illner bis Anne Will versichern, das System sei demokratisch, weil das Parlament den Präsidenten ja auch abwählen könne, wird geschmeidig verschwiegen, dass das Parlament hierfür eine kaum erreichbare Dreifünftelmehrheit braucht. Der Hinweis, dass bei einer Auflösung des Parlaments durch den Staatspräsidenten beide Organe neu gewählt werden müssen, greift ebenfalls zu kurz, da der Präsident bis zur Neuwahl mit allen Befugnissen weiterregieren kann. Das Parlament wird also, sofern nicht drei Fünftel der Mitglieder gemeinsam gegen den Präsidenten agieren, für diesen nie eine wirkliche Gefahr darstellen.

Handlungsfähig ist nach dieser Konzeption lediglich der von der Bevölkerung unmittelbar gewählte Präsident. Statt nicht endender Diskussionen im Parlament entscheidet eine Person im Namen des Volkes. Der Wille des Volkes ist demnach identisch mit dem Willen des Führers.
Um schnelle Entscheidungen geht es auch im Fußball. Die populären Kicker Turan und Yılmaz trafen zügig ihre Entscheidung pro Erdoğan und unterstützen die Errichtung einer faschistischen Quasi-Diktatur. Die Aussicht auf eine »starke Türkei« versöhnt selbst die beiden in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Streithähne Gökhan Töre und Hakan Çalhanoğlu. Befremdlich und eigenartig wirkt die Videoeinladung Töres an den Leverkusener Çalhanoğlu, sich zur Zustimmung zum Referendum zu bekennen, machte das schlechte Verhältnis zwischen beiden Spielern doch schon vor einigen Jahren spektakuläre Schlagzeilen. Aber in Zeiten eines »Unabhängigkeitskriegs« stehen sie nun gemeinsam Seit’ an Seit’ für eine »starke Türkei«. Insbesondere in einem Land, in dem der Fußball den Gemütszustand der Gesellschaft bestimmt, ist diese Haltung mehr als problematisch: Wer schweigt, gibt recht, und wer Propaganda für eine Diktatur betreibt, begeht aktiv Unrecht.

Anders die türkischen Fußballfans. Sie drücken ihren Unmut über ein mögliches »Ja« aus, indem sie – und das wirkt ebenfalls befremdlich – in den Stadien rufen, sie seien allesamt Soldaten Mustafa Kemals. Damit bringen sie ihre Abneigung gegen den politischen Islam der Regierung zum Ausdruck und verteidigen eine laizistische Ordnung. Dies mag angesichts des »grünen Faschismus« angebracht sein, aber eine emanzipierte Kurve, gar eine emanzipierte Gesellschaft wird nicht durch Rufe nach Mustafa Kemal Atatürk befördert.

Nicht nur aktive Spieler äußern sich derzeit zugunsten Erdoğans: Der anfangs erwähnte Rıdvan Dilmen galt als einer der talentiertesten Spieler. In den achtziger Jahren dribbelte er sich in die Herzen der Fenerbahçe-Anhänger, doch ständige Verletzungen verhinderten eine noch größere Karriere. Seine kurze Zeit als Trainer erfüllte ebenfalls nicht die Erwartungen, so dass er wie viele vor und nach ihm in den unzähligen türkischen Fußballsendungen seinen Platz als Fernsehexperte fand. Nebenbei verdingt er sich als Kolumnist in der Hauspostille der AKP, der Zeitung Sabah, und Fotomaç.
Politisch griff er bereits während der Taksim-Proteste im Juni 2013 ­daneben, die sich zur Widerstandsbewegung entwickelten. Maßgeblich getragen von den drei verfeindeten Istanbuler Clubs verlagerte sich der Gezi-Geist in die Stadien. Spätestens mit dem Korruptionsskandal der Regierung im Dezember 2013 nahmen die Fans politische Gesänge in ihr Repertoire auf. Dilmen, seit seiner ­aktiven Zeit mit dem Spitznamen »Teufel« versehen, nahm Erdoğan in Schutz und ging sinnwidrig dazu insbesondere die Tribünen seines ehemaligen Vereins scharf an, indem er eindringlich warnte, Fußball dürfe nicht mit Politik vermischt werden.

Diese Doppelmoral hat Gründe: Erst kürzlich gab er seine Kandidatur als Präsident des türkischen Fußballverbands 2019 bekannt. Hidayet Türkoğlu hat es ihm vorgemacht: Der ehemalige Basketballspieler und Dopingsünder war bis vor kurzem ein Berater Erdoğans, ehe er im Oktober 2016 zum Vorsitzenden des türkischen Basketballverbands gewählt wurde. In einem politischen System, in dem Vertrauten des Staatspräsidenten regelmäßig Posten zugeschustert werden, gibt es ­sicherlich schlechtere Bewerbungsvideos für dieses Amt.
Was bleibt, ist, die Ultra-Gruppe »Sol Açık« (Links Außen) von Fenerbahçe zu zitieren: »Hör nicht auf den Teufel, stimme mit ›nein!‹«