Der Streit um Dana Schutz’ Gemälde »Open Casket«

Der Schmerz des Rassismus

Die Kritik an der Darstellung des schwarzen Lynchmordopfers Emmett Till gipfelt in absurden Forderungen.

1955 wurde im US-Bundesstaat Mississippi der afroamerikanische Junge Emmett Till gelyncht. Es hieß, er habe eine weiße Frau angemacht, eine Behauptung, die sich als falsch herausgestellt hat. Seine Mörder schossen ihm in den Kopf und misshandelten ihn so stark, dass sein Gesicht zur Unkenntlichkeit entstellt war. Emmett Till wurde nur 14 Jahre alt. Die Fotos des toten Jungen, deren Veröffentlichung die Mutter ausdrücklich erlaubt hatte, lösten eine Debatte über den Rassismus in den Südstaaten aus und gelten als ein Initial für die Gründung der schwarzen

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Bürgerrechtsbewegung. Auch während der Beerdigungszeremonie blieb der Sarg offen. Die Mutter des Jungen begründete dies mit den Worten: »I wanted the world to see.«

Die politische Debatte über die Darstellung des entstellten Kindes hat sich inzwischen verselbständigt. Längst kommen die Statements gegen das Bild ohne eine Bezugnahme auf die Arbeit oder eine Analyse seiner Ästhetik aus. Dass 
Schutz »weiß« ist und der von ihr porträtierte Till »schwarz«, reicht als Argument aus, um sich gegen die Arbeit zu positionieren.

Zur Zeit läuft im New Yorker Whitney Museum die Whitney Biennial, in der vor allem Arbeiten von jungen, meist unbekannten Künstlern und Künstlerinnen gezeigt werden. Zu sehen ist dort auch das Bild »Open Casket« von Dana Schutz. Die Arbeit hat eine heftige Kontroverse ausgelöst. Das Bild zeigt den toten Emmett Till im Sarg liegend, sein vom Lynchmob zerstörtes Gesicht ist mit groben Pinselstrichen gemalt. Seit der Eröffnung der Ausstellung Mitte März protestiert der US-amerikanische Künstler Parker Bright gegen das Bild, indem er sich direkt vor das Exponat stellt. Das Publikum bekommt nicht das Bild, sondern Brights Rücken zu sehen, mit der rückwärtigen Aufschrift auf seinem T-Shirt »Black Death Spectacle«. Die in Manchester geborene, derzeit in Berlin lebende Konzeptkünstlerin Hannah Black schloss sich dem Protest an und verfasste einen offenen Brief an die Kuratorinnen und Kuratoren der Whitney Biennial, in dem sie nicht nur fordert, das Bild zu entfernen, sondern auch, es zerstören, damit es nicht verkauft werden kann. Der konkrete Vorwurf an die Künstlerin: Sie betreibe cultural appropriation. Die »weiße« Künstlerin Schutz habe nicht das Recht, »schwarzes Leiden in Profit und Spaß zu verwandeln«, schreibt Black in ihrem Brief. Schutz hatte in einer ersten Stellungnahme erklärt, sie habe gar nicht vor, das Bild zu verkaufen. Sie – die weiße Künstlerin – wisse natürlich nicht, wie es sei, als schwarzer Mensch in den USA zu leben; sie habe das Bild aus Empathie gemalt. Sie fühle mit ­­der Mutter des Ermordeten. Deren Schmerz über die Ermordung des Sohnes könne sie als Mutter sehr wohl nachvollziehen.

Ob mütterliche Empathie ein gutes Argument ist, sei dahingestellt. Dass sich die Künstlerin genötigt sieht, über ihre Gefühle zu sprechen, illustriert aber, wie sehr sich die Kritik an cultural appropriation und die Theorie der critical whiteness im Bereich der Kunst durchgesetzt haben.
Auf den offenen Brief von Hannah Black gab es zahlreiche Reaktionen in den sozialen Netzwerken, aber auch in US-amerikanischen Medien. Die politische Debatte über die Darstellung des entstellten Kindes hat sich inzwischen verselbständigt. Längst kommen die Statements, die sich gegen das Bild richten, ohne eine Bezugnahme auf die Arbeit oder eine Analyse seiner  Ästhetik aus. Dass Schutz »weiß« ist und der von ihr porträtierte Till »schwarz«, reicht als Argument aus, um sich gegen die Arbeit zu positionieren. Von lapidaren Kommentaren, es sei doch offensichtlich, dass Schutz kein Recht habe, Emmett Till zu malen, über hysterische Aufrufe dazu, das Bild zu verbrennen, bis hin zur Forderung, die Künstlerin und die Kuratoren und Kuratorinnen müssten sich öffentlich entschuldigen und erklären, was sie im Zuge dieser Auseinandersetzung von schwarzen Menschen über Rassismus gelernt hätten, ist alles mögliche bei Facebook und Twitter zu lesen. Argumente werden immer öfter durch Empörung über die weiße Künstlerin ersetzt. Bezeichnend ist, dass der Duktus der veröffentlichten Kritik suggeriert, hier werde für alle schwarzen Menschen gesprochen.
Dabei gibt es prominente Gegenstimmen wie die der Künstlerin Kara Walker, die lebensgroße Scherenschnitte anfertigt, die Rassismus und Sklaverei thematisieren. Auf Instagram wies sie darauf hin, dass die Geschichte der Malerei voll sei mit Darstellungen von Gewalt, die von den Künstlern und Künstlerinnen zumeist nicht am eigenen Leib erfahren wurde. Auch brachte sie eine ­individuelle, universalistische Perspektive in die Diskussion, indem ­sie argumentierte, dass alle Menschen mehr seien als nur ihr Trauma: »Ich bin mehr als eine Frau, mehr als ein Abkömmling Afrikas, mehr als die Tochter meines Vaters. Mehr als schwarz, mehr als die Summe meiner Erfahrungen.« Dass man im Umkehrschluss eben mehr sein kann als nur eine Person mit weißer Hautfarbe, also empathisch und solidarisch sein kann mit Menschen anderer Hautfarbe, wird Dana Schutz von ihren Gegnerinnen und Gegnern abgesprochen.

Die Kampagane gegen sie gipfelte in einer mit »Dana Schutz« unterzeichneten Mail an die Verantwortlichen der Whitney Biennial, worin die Künstlerin angeblich selbst für das Entfernen ihrer Arbeit aus der Ausstellung plädierte. Gleichzeitig erreichte dieser Brief auch Magazine und wurde über Stunden hinweg im Internet als authentisch verbreitet. Tatsächlich hat Schutz diese Mail nie geschrieben. Vermutlich wurde ihr Mail-Account gehackt. Die gefälschte Mail ist insofern interessant als sie zeigt, wie die Protestierenden sich eine demütige Reaktion der Künstlerin vorstellen. Nicht nur wird Schutz in den Mund gelegt, sie habe vom Rassismus profitiert – laut dem gefälschten Brief werde die Künstlerin auch all die Einnahmen aus dem Verkauf der von ihr in der Ausstellung gezeigten Bilder dem Black Liberation Movement spenden. Ferner solle im Katalog das Bild »Open Casket« gegen Bilder des Protests gegen die Arbeit ausgetauscht werden.

Die irrige Annahme der Kritikerinnen und Kritiker von cultural appropriation, dass Kulturproduktion fundamental verknüpft sei mit Rasse und tunlichst fernzuhalten sei von jeglicher Form der Verwertung, zeigt sich hier in ihrer absurdesten Form. Kunst ist letztlich immer Appropriation, sie lebt von Inspiration und Aneignung, vom Zitieren und Collagieren. Unter den herrschenden ökonomischen Bedingungen ist Kunst zwangsläufig eine Ware. Eine Malerei zerstören zu wollen, bedeutet nicht nur, Zensur auszuüben – es schwingt auch ein regressiver Antikapitalismus in dem offenen Brief von Hannah Black mit. In ihrer Denkweise sind Ausbeuter und Ausgebeutete klar zu unterscheiden, nämlich anhand ihrer Hautfarbe. Dana Schutz thematisiere Rassismus nur, um sich daran persönlich zu bereichern. Und wenn Kunst politisch sein solle, dann dürfe mit ihr kein Geld verdient werden. Wo die Widersprüche nicht mehr ausgehalten werden, setzt die Moral ein. Solche Formen von Protest finden ihre Legitimation tatsächlich nicht in ihrem Gegenstand, sondern in dem Bedürfnis, autoritär agieren zu wollen.

Die diesjährige Whitney Biennial verfolgt zweifellos einen inklusiven Ansatz. Fast die Hälfte der 63 Beteiligten sind Frauen, die Hälfte sind nicht weiß. Auch legt die Ausstellung ihren Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit Rassismus. Darüber wird verhältnismäßig wenig ­gesprochen. 
Black argumentiert, wenn schwarze Menschen der Künstlerin und den Kuratorinnen und Kuratoren erklärten, die Malerei verursache ihnen unnötige Schmerzen, müssten sie diese Wahrheit akzeptieren. Mit dieser Argumentation werden jedoch physische Gewalt und künstlerische Darstellung gleichgesetzt. Doch natürlich ist Malerei keine Gewalt und nicht zu vergleichen mit tatsächlicher psychischer und physischer Zufügung von Leid. Kunst will aufklären, etwas sichtbar machen und Reflexion schaffen. Ein safe space namens Museum würde die Kunst genau dieser Möglichkeiten berauben.