Ein Bericht vom Berliner 11mm-Festival, das Fußballfilme aus aller Welt zeigt

Ein Filmfestival für das Runde, das ins Eckige muss

Auf dem Berliner 11mm-Festival werden die internationalen Fußballfilme gezeigt, die im Laufe des Jahres mit etwas Glück anderswo in die Programmkinos kommen.

Israelische Rassisten, algerische Kleinkriminelle mit Fußballherz und Spielerentführende, wilde Schnauzbart-Schalker. Ein syrischer Schiri, der Amateuren in der Berlin-Liga den Schiedsrichterball erklärt. Oder kickende Holländerinnen, die Sex und Fußball gut finden und Babys richtig scheiße (jedenfalls die meisten und jedenfalls meistens). Das Berliner 11mm-Festival ist immer wieder großartig. Erstens, weil es hier ein kaleidoskopisches und weltumspannendes Sammelsurium von Fußballfilmen gibt, die man (ja, wirklich!) sonst nicht zu sehen und zu hören bekommt. Zweitens, weil diese Filme im Durchschnitt verdammt gut sind. Und drittens, weil auch auf den meisten Podiumsdiskussionen sehr lohnend dahergeredet wird. Bei der üppigen Auswahl an Filmen, die die mittlerweile 14. Ausgabe auf Leinwand ins Babylon Mitte bringt, lässt sich kaum mehr alles mitnehmen. Der Vollständigkeit halber: Gewonnen hat »Der geliebte Elefant« über den Hertha-Stürmer Salomon Kalou. Soll, wie man so hört, sehr sehenswert sein (was sie halt schreiben über einen Festivalsieger). Aber die anderen Filme waren auch gut. Jedenfalls die meisten.

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Forever Pure, Israel 2016
»Du musst eben einfach gut spielen, dann werden sie dich lieben«, sagt die Mutter zum Sohn. Sie, Tschetschenin, bekopftucht, sorgend und besorgt, sitzt neben ihrem Sohn im Taxi; er, 19, Fußballer, Wuschelkopf und ein liebenswerter, verspielter Kerl, rutscht unschuldig in eine politische Eskalation. Dschabrail Kadijew wechselt zum israelischen Erstligisten Beitar Jerusalem, dem Verein mit radikal nationalististischem Anhängerteil, der in seiner Geschichte vorher nie Muslime verpflichtete. Bis zur Saison 2012/ 13, in der die israelische Dokumentation von Maya Zinshtein gedreht wurde. Kadijew und der abgezocktere, in Sarkasmus promovierte Kollege Sadajew sind die ersten beiden Muslime, die für den Club auflaufen. Und die bislang einzigen. Wer die Ereignisse des Jahres verfolgt hat, fühlt sich bei »Forever Pure« ein bisschen wie beim Anschauen des Videos einer Autofahrt, die mit einem Unfall enden wird: Man will die beiden da rausholen. Kadijew kann spielen, wie er will, er wird für seine Religion gehasst. Nach einem halben Jahr flüchten die Spieler vor dem Rassismus der Beitar-Fans zurück in die Heimat. Zinshtein dokumentiert nahe und mit sehr persönlichen Szenen die Eskalation gegen die Muslime bis zum Stadionboykott vieler Fans, Morddrohungen und dem Brand des Vereinsmuseums. Aber auch den schweigend drückenden Rassismus innerhalb der Mannschaft; der wackere Kapitän Ariel Harush stürzt steil vom großen Publikumsliebling zum Buhmann, weil er dagegenhält, und versteht die Welt nicht mehr. »Forever Pure« ist ein großer, kluger, zurückgenommener Film. Wer wissen will, was Rassismus mit Menschen macht, schaue diesen Film. Wer es nicht wissen will, umso mehr. Das Ergebnis ist beklemmend. Manchmal ist es sogar lustig. Der damalige Clubpräsident Arcadi Gaydamak, ein zwielichtiger Waffenhändler, der sogar mal mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde, erklärt dann zum Beispiel stumpf ehrlich seine Absichten: dass er Fußball langweilig finde und Beitar eigentlich nur gekauft habe, um Bürgermeister zu werden. Dass er die Tschetschenen wegen seiner Handelsbeziehungen verpflichtet habe. Und nach einem Testspiel in Tschetschenien: »Sie haben mich gefragt, ob das Spiel 0:0, 1:1 oder 2:2 ausgehen soll.« Er entscheidet sich für 0:0.

No Babies on the Field, Niederlande 2015
Was will dieser Film sagen? »No Babies on the Field«, eine niederländische Spielfilmkomödie über lebenskriselnde Thirty-Something-Frauen, die eine Fußballmannschaft gründen, ist oft lustig und oft unabsichtlich lustig, und das ergibt eine seltsam individuelle Mischung: Macht Spaß zu gucken, hat aber auch eine Reihe von What-the-fuck-Momenten. Die Handlung dreht sich um Wyne, 32 Jahre und pissig, weil alle um sie herum Babys kriegen, kriegen wollen oder nicht kriegen können. Deshalb gründet sie, naja, ein Fußballteam. Was auch sonst? Das läuft schlecht, unter anderem weil Wyne zwischendurch mit dem Coach vögelt und ihn in die Flucht schlägt und der nächste Trainer nichts von Fußball versteht und lieber mit der aggro-androgynen Torhüterin Sex hat. Das ist nicht ganz so witzig, wie es klingt, aber witzig. Dann kommt Regisseur Maurice Trouwborst leider auf die Idee, dass Wyne jetzt ungewollt schwanger und verantwortungsbewusst werden muss, und beendet den Spaß. »No Babies on the Field« verliert sich dann ein bisschen auf der Reise zwischen Try-hard-Feminismus und Gossip Girls. Aber es gibt schöne Dinge, die im Kopf bleiben: Wenn das Knaller-Paar aus Esoterik-Coach und Aggro-Torwärtin über gebleichte Arschlöcher diskutiert; seltsame Fußballtrainings mit Yoga-Übungen; ein Oktoberfest, auf dem Holländer in Deutschland-Trikots rumlaufen und ein dicker Kerl in Lederhosen minutenlang »Raki, Raki« singt. What the fuck? Aber lustig ist es.

Ein Oktoberfest, auf dem Holländer in Deutschland-Trikots rumlaufen und ein dicker Kerl in Lederhosen minutenlang »Raki, Raki« singt. What the fuck? Aber lustig ist es.

Babor Casanova, Algerien 2015
Adlan und Terrorist haben schiefe Zähne, schicke Klamotten und einen beständigen Touch von Hoffnungslosigkeit. Die beiden Jugendlichen verdienen sich halblegal ein paar Dinar in Algeriens Hauptstadt Algier und leben fürs Wochenende, wo sie beim Mouloudia FC mit Sitzschalen schmeißen und ein bisschen prügeln (einer der Väter sagt, er finde das nicht so schlimm; er hat eher Sorge, dass sie in den Puff gehen könnten). Die Doku »Babor Casanova«, deren Titel auf einen Song über ein Boot anspielt, das die Jungs nach Europa bringen soll, findet viele Bilder für die Leere, die die beiden Teenies umgibt. Der neblige, deprimierende Hafen, Aussicht auf sozialen Aufstieg Richtung Italien, der doch nie wahr wird. Lange Einstellungen, in denen die beiden Jungs einfach auf dem Bürgersteig stehen und warten, auf was auch immer. Gespräche, die ins Nichts mäandern. »Die einzige Antwort, die sie hier für uns Jugendliche haben, ist Gefängnis«, sagt Adlan, der schon mal im Knast saß, wegen eines Streits um umgerechnet 50 Cent. »Gefängnis, Gefängnis, Gefängnis.« »Babor Casanova« von Karim Sayad hat ein feines Gespür für seine Protagonisten, deren Innenleben und das große politische Ganze. Eine kleine Perle im besten Geist eines Filmfestivals: Sayad nimmt den Zuschauer an einen Ort mit, wo er sonst nicht hingekommen wäre, und enthüllt eine überraschende Geschichte. Sehr schön und sehenswert!
Was sich sonst noch lohnt: »Referees Welcome«, eine Doku über den syrischen Schiri Ammar Sahar, der in Berlin neu anfängt und irgendwann Bundesliga pfeifen will. Starker Protagonist; die Flüchtlingsintegrationsgeschichte ist nicht völlig neu, aber solide erzählt. »Fußball ist unser Leben«, der Klassiker von 1999 über ein paar Schalker Kutten-Haudegen, die den schnöseligen Mannschaftsstar kidnappen und zum Kämpfer erziehen. Die Handlung ist so hanebüchen, dass sie schon wieder große Klasse ist.
Was sich nicht lohnt: »You’ll Never Walk Alone«, deutsche Doku von 2017 über die Geschichte des Songs. Hält sich viel zu lange an kulturhistorischen Details auf und bleibt ziemlich trocken für eine so emotionale Hymne. Da hört man lieber den Song.