Homestory #15

Wie soll das alles nur weitergehen? Das fragen sich nicht nur Redaktionsmitglieder der Jungle World, wenn ausgerechnet zur Schlussproduktion der Zucker oder gar der Kaffee ausgeht. Auf dem Internationalen Journalismusfestival in Perugia, das am Wochenende stattfand, stellten sich die Diskutanten eines Podiums die Frage: »Wird es 2030 Journalisten geben?« In einer Videoumfrage tun Besucher des Festivals, die wie wir was mit Medien machen, ihre Meinung dazu kund. »Die Art, wie wir journalistische Produkte konsumieren und produzieren, wird sich bis 2030 erneut ändern. Das bedeutet aber nicht, dass die Journalisten verschwinden werden«, sagt ein italienischer Journalist. »Vielleicht werden wir aber etwas verlieren, das wir zurzeit als Journalismus kennen.« Die Zukunft, sie ist eine nebulöse Angelegenheit. Den human factor stellt eine amerikanische Journalistin in den Vordergrund: Technologie könne nicht die journalistische Arbeit ersetzen, den Schreibtisch zu verlassen und mit Leuten zu sprechen. »Investigativer Journalismus ist selbstverständlich computergestützt. Aber er bedarf wirklicher Menschen«, so die Kollegin im Video. Ähnlich sieht es ein weiterer Journalist aus Italien: »Die Automatisierung wird eine große Rolle spielen. Das tut sie schon im Sport- und Wirtschaftsjournalismus. Die simplen, stupiden Dinge werden 2030 vielleicht von Bots erledigt und wir können uns dann auf den Investigativjournalismus konzentrieren, an dem es derzeit mangelt.« Ein deutscher Professor für Journalismus gerät in der Videoumfrage beinahe ins Schwärmen: »Es wird viele Journalisten geben, die etwas ganz anderes als heute machen werden. Sie werden sich mit Algorithmen und künstlicher Intelligenz beschäftigen. Es entstehen ganz neue Berufsfelder.« Er erwarte »ein Goldenes Zeitalter für den Journalismus in 15 bis 20 Jahren«.

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Selbstverständlich sind auch wir so optimistisch und zukunftsbegeistert wie die Kolleginnen und Kollegen im Video. In diesem Jahr feiert die Jungle World ihr 20jähriges Bestehen. Wenn in 20 Jahren das 40jährige ansteht, werden wir längst die Schreibtische verlassen haben. Während in der Redaktion fleißige, mit hochmodernen Algorithmen gefütterte Maschinen wie am Fließband Artikel schreiben werden, können wir da draußen mit Menschen reden – vorzugsweise in Kneipen, Bars und Clubs. Sollten unsere Gläser leer sein, werden aufmerksame Bots ohne Aufforderung nachschenken. Unsere Lieblingsgetränke dürften ihnen aus unseren Profilen in den sozialen Netzwerken der Zukunft wohl bekannt sein. Und wenn wir dann nachts nach mühsamer Recherche aus unseren bevorzugten Etablissements torkeln, werden wir lauthals ein Lied auf das Goldene Zeitalter des Journalismus singen. Bis auf weiteres werden Texte wie dieser allerdings von Menschenhand geschrieben. Torkeln und Singen klappt aber schon ganz gut.