Der Poster Boy Kendrick Lamar

Einer für alle Gelegenheiten

Kendrick Lamar ist immer noch der Poster Boy, auf den die unterschiedlichsten Musikfans gewartet haben.

Etwa viereinhalb Jahre ist es her, dass »good kid, m.A.A.d city« erschien, Kendrick Lamars erstes Album auf einem Major Label. Ein großer Wurf war gelungen: HipHop hatte einen neuen Superstar. Doch nicht nur das: HipHop hatte endlich wieder etwas zu sagen.

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Lamars Album schlug auch deshalb solche Wellen, weil seine Veröffentlichung in eine Zeit fiel, in der HipHop unter der Ägide von Flo Rida, Wiz Khalifa und Konsorten stand, also völlig sinnentleert schien. Das Storytelling und die von grauem Realismus geprägte Sozialkritik auf »good kid, m.A.A.d city« waren ein willkommener Gegenentwurf. Die Situation ist vergleichbar mit der, als »The Message« (1982) von Grandmaster Flash & The Furious Five den zwar gekonnten, aber doch oberflächlichen Party-Rap von Kurtis Blow und der Sugarhill Gang plötzlich sehr, sehr alt aussehen ließ.

Wahrscheinlich wundern sich die linksliberalen Musikkritiker, dass ihr Lieblingskünstler, den sie eben noch zum Sprachrohr mindestens einer Generation ausgerufen hatten, etwas dermaßen Altmodisches wie sein Christentum thematisiert.

Lamars Album »To Pimp a Butterfly« von 2015 übertraf seine vorangegangene Platte noch. Er flirtete offen mit Jazz und R’n’B und legte mit nonchalanter Lässigkeit ein Album vor, das viele als das wichtigste der vergangenen Jahre bewerteten. Am Jahresende wurde es von so unterschiedlichen Medien wie Pitchfork, dem amerikanischen Rolling Stone und dem britischen Guardian zur Platte des Jahres gekrönt.
Nun hat Lamar – »Untitled Unmastered«, eine Zusammenstellung von Demoaufnahmen aus dem vergangenen Jahr, nicht eingerechnet – sein drittes Studioalbum auf einem Major Label veröffentlicht. Wie nicht anders zu erwarten, überschlägt sich das Feuilleton auch diesmal und überschüttet Lamar mit Lob. Es grenzt an ein Wunder, dass er kaum abgehoben auftritt. Zu Königen des Hip­Hop ernennen sich nur andere.

»Damn.« unterscheidet sich von allem, was Lamar bislang veröffentlicht hat. Der Jazz wurde diesmal im Schrank gelassen und durch Trap-Elemente und sehr viel Bass ersetzt. Vielleicht wirkt das Album deshalb noch kohärenter als »To Pimp a Butterfly«. Mit den Songs »DNA« und der ersten Singleauskopplung »Humble« enthält es mindestens zwei Hits und mit den Gastbeiträgen von Rihanna und Bono von U2 zwei Features, von denen eines gelungen und das andere, naja, zumindest eine Überraschung ist.

Viel wurde darüber geschrieben, dass Lamar auf »Damn.« den Themen Glaube und Religion so viel Platz einräume. Eigentlich eine Fehlreaktion, denn bereits auf »good kid, m.A.A.d city« spielte Lamars christlicher Glaube keine unbedeutende Rolle. Wahrscheinlich wundern sich die linksliberalen Musikkritiker nur, dass ihr Lieblingskünstler, den sie eben noch zum Sprachrohr mindestens einer Generation ausgerufen hatten, etwas dermaßen Altmodisches wie sein Christentum thematisiert.

Dabei ist Religion in den afroamerikanischen Communitys seit jeher wichtig. Schwarze Kirchen waren während der Zeit der Sklaverei Orte, an denen sich Widerstand organisieren konnte, und schwarze Kirchenlieder waren nicht selten codierte Rufe nach Freiheit und Gerechtigkeit. Viele Persönlichkeiten der Bürgerrechts- und schwarzen Befreiungsbewegung hatten einen religiösen Hintergrund: Martin Luther King war baptistischer Prediger, Jesse Jackson ebenso. Malcolm X und Huey P. Newton, einer der Gründer der Black Panther Party, waren Söhne baptistischer Laienprediger. Malcolm X wurde später zum Sprachrohr der Nation of Islam, bevor er sich kurz vor seiner Ermordung dem sunnitischen Islam zuwandte.

In der US-amerikanischen Geschichte standen immer wieder religiöse Menschen auf der Seite der Emanzipation. Das ist heute, wo gegen Polizeigewalt demonstriert wird und ein Präsident sich öffentlich rassistisch äußert, nicht anders. Die Proteste in den USA dauern an. Lamar äußerte Anfang 2015 eine eher ambivalente Haltung gegenüber dem, was in Ferguson und anderswo passierte. »Was Michael Brown zugestoßen ist, hätte nie passieren dürfen. Niemals. Aber wenn wir uns nicht gegenseitig respektieren, wie sollten wir von anderen erwarten, uns zu respektieren?« fragte er in einem Interview mit dem Billboard Magazine. »Das beginnt nicht mit einer Kundgebung, es fängt nicht mit Plünderungen an. Es beginnt in dir«, fuhr er fort. Lamar wurde für diese Worte, die nicht eben nach Solidarität und Mitgefühl für die Betroffenen klangen, heftig kritisiert. Sein Song »Alright« wurde trotzdem etwa zur gleichen Zeit zu einer inoffiziellen Hymne der Bewegung Black Lives Matter.

Während des gleichen Interviews spielte er mit dem Kruzifix an seiner Halskette herum und sprach davon, dass »wir in den letzten Tagen leben«. Auch in seinem Song »Alright« heißt es: »But if God got us, then we gon’ be alright.« Dass Lamar einen guten Draht zum Herrn hat, war also bereits vor zwei Jahren klar.

Wahrscheinlich macht ihn die Widersprüchlichkeit für viele eh nur interessanter. Während Lamar auf seinen Alben beweist, dass er ein talentierter Texter ist, hat er außerhalb der Musik offenbar bisweilen Probleme, die richtigen Worte zu finden. Außerdem scheinen ihm Berührungsängste gänzlich fremd: Er arbeitete mit Sia und Taylor Swift genauso zusammen wie mit den schrecklichen Maroon 5.

Lamar eignet sich als Poster Boy – für so gut wie alles und jeden. Er ist in Compton aufgewachsen, jenem Vorort von Los Angeles, der auch N.W.A hervorgebracht hat. Für die Kids aus den Problemvierteln ist er deshalb einer von ihnen. Die Musikkritiker beurteilen ihn als einen der wenigen zeitgenössischen Rapper, denen es gelingt, Alben mit künstlerischer Vision und nicht bloß lieblose Aneinanderreihungen potentieller Download-Singles zu veröffentlichen. Darüber hinaus – und das dürfte von großer Bedeutung sein – zeigt er sich der Öffentlichkeit unprätentiös für jemanden, der gerade sein drittes Nummer-1-Album in Folge herausgebracht hat: Jeans, T-Shirt, Hoodie. Kein Dutzend Goldketten, keine Rolex, kein Bling Bling. Humble eben.

Man meint, auch »Damn.« diese Zurückhaltung anzumerken. Die große Geste fehlt, Lamar hat nicht auf Teufel komm raus versucht, ein weiteres Meisterwerk vorzulegen. Vielleicht glaubt er, dass es ein zweites »To Pimp a Butterfly« in den kommenden fünf bis zehn Jahren nicht geben wird. Nicht aus seiner Feder und von niemandem sonst.

Kendrick Lamar: Damn. (Universal Music)