Homestory

Homestory #18

30 Jahre »Revolutionärer 1. Mai«, die Geschichte ist bekannt. Auch im Jubiläumsjahr haben wir Berlinerinnen und Berliner es hinter uns gebracht, same procedure as every year.

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Bis vor einigen Jahren war der Stand der Jungle World auf dem Kreuzberger »Myfest« am Mariannenplatz eine Institution: Die Redakteurinnen und Redakteure konnten es jedes Mal kaum erwarten, sich in die Liste einzutragen, um eine Schicht zu ergattern. Alte Freundinnen und Genossen, ehemalige Mitarbeiterinenn und Mitarbeiter kamen vorbei. Je näher die »18-Uhr-Demo« rückte, desto mehr Palituch tragende Gestalten trauten sich über den überfüllten Platz hin zum »Zionistenstand«, um sich warmzupöbeln. Damals, als socializing noch in der analogen Welt stattfand, als die physische Anwesenheit auf linksradikalen Veranstaltungen eine der wichtigsten Voraussetzung für street credibility war. Manche, auch hier in der Redaktion, erinnern sich an jene Zeit, als es noch keine Filterbubbles gab, dafür aber unzählige, meist untereinander verfeindete »Bezugsgruppen«, und man sich für 18 Uhr im Café Kotti zum Biertrinken und riot porn gucken verabredete.

Es war eine linke Leitkultur, der wir nicht hinterhertrauern. Und das Gerede über die Ritualisierung des 1. Mai ist mittlerweile fast langweiliger geworden als die Veranstaltung selbst. In der Redaktion waren wir jedenfalls ganz froh darüber, uns nicht die Frage stellen zu müssen: Wohin am 1. Mai? Ein arbeitsfreier Tag der Arbeit war aus produktionstechnischen Gründen nämlich nicht drin. Wer nicht arbeiten musste, hat es bevorzugt, die Stadt oder gleich das Land zu verlassen: Ostsee, USA, Portugal, Hauptsache kein Revolutionskitsch. Der harte, arbeitende Kern der Redaktion ließ den produktiven Tag nach Feierabend ganz profan ausklingen: Familie, Netflix, Training. Ein ganz normaler Montag eben.

Ein einziger Redakteur wurde bei der traditionellen Kundgebung des DGB vor dem Brandenburger Tor gesichtet. Zum Dabeisein reicht bekanntlich einer aus, also bedanken wir uns herzlich bei dem Kollegen, der den Tag so begangen hat, wie es sich für einen Mitarbeiter einer linken Zeitung gehört.

Mit viel größerer Spannung bereiteten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Zeitung auf einen ihnen viel wichtigeren Termin in der ersten Maiwoche vor. Weil diese Zeilen leider schon vor dem 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, geschrieben werden mussten, können wir an dieser Stelle nicht von der großen Show »Auf die Presse!« in Berlin berichten. Die Veranstalter haben jedenfalls schon vorab Großes geleistet, und das für einen guten Zweck: Free Deniz! Freiheit für alle inhaftierten Journalisten in der Türkei und anderswo!