Beim Fußball in Sofia vergeht einem der Spaß

Bonjour Tristesse

Marode Stadien, kein Engagement gegen Rassismus und kein Schutz vor Hooligans: Spaß macht der Fußball in Sofia und anderswo in Bulgarien nicht.

55. Das ist der Platz Bulgariens in der aktuellen Fifa-Weltrangliste. Fünf Plätze vor Usbekistan, hinter Marokko gelistet. Die großen Zeiten sind vorbei, wenn es sie denn je gab. Fast ein Vierteljahrhundert liegt der überraschende WM-Halbfinaleinzug zurück – nach dem Triumph im Viertelfinale über die Auswahl des DFB 1994. Der Mangel an sportlichen Erfolgen der bulgarischen Nationalmannschaft ist ein Thema, die düstere Gegenwart im nationalen Vereinsfußball ein anderes. Zeit für eine Ortsbesichtigung.

Fußballfans marschierten im Februar zu Ehren des 1943 von Partisanen hingerichteten Kriegsministers und Nazi-Kollaborateurs Christo Lukow durch Sofia.

Der Weg vom Wassil-Lewski-Nationalstadion in Richtung Innenstadt hat etwas Befreiendes. Der Schiedsrichter hatte das Spiel zwischen PFC Ludogorez Rasgrad und dem FC Kopenhagen noch nicht abgepfiffen, doch es machte keine Freude, im Stadion zu sein. Der bulgarische Serienmeister aus der Provinz muss seine Europacup-Spiele in der Hauptstadt Sofia austragen, da das Heimstadion in Rasgrad den Uefa-Vorgaben nicht entspricht. Die Fans werden mit vom Verein finanzierten Bussen transportiert – wenn sie es denn wollen. Nur durchschnittlich 1 700 Zuschauer besuchen die Ligaspiele.

Anzeige

Für einige der neutralen Fußball­anhänger sind die Fans der Provinzvereine selyaki, Bauern. Die meisten der 16 000 im Stadion sind Bewohner der Hauptstadt, die lediglich etwas Europacup-Atmosphäre genießen wollen. Sie sehen eine 1:2-Niederlage; auf ein Stadionheft, Durchsagen, Verpflegung und Stimmung müssen sie bei Heimspielen verzichten. Die Fans aus Kopenhagen sind von der anderen Stadion­seite zu vernehmen, sonst ist es ruhig.
Das Team Ludogorez aus Rasgrad ist als Meister in die Europa League gelangt, der Titel ging bereits in den vergangenen fünf Jahren nach Rasgrad. Bekannter und beliebter sind jedoch die Hauptstadtclubs: ZSKA Sofia, der als Armeesportverein gegründete erfolgreichste Club des Landes, und sein Rivale Lewski Sofia. Zu ihren Heimspielen kommen im Schnitt immerhin rund 3 000 Zuschauer – allerdings in Stadien mit mehr als 20 000 Plätzen. Bei den Stadtderbys präsentieren die Ultras Pyroshows und aufwendige Choreografien, im Ligaalltag jedoch regiert Tristesse.

Die Stadien sind in die Jahre gekommen. Der Lack blättert nicht nur metaphorisch. Ein Besuch der Sanitäranlagen ist oft symptomatisch: Wasser sickert durch die Decke, die Spülung funktioniert nicht. Orte, die verfallen. Zu Beginn der laufenden Saison 2016/17 spielte die Hälfte der Mannschaften aus der A Futbolna Grupa, der ersten bulgarischen Liga, außerhalb ihrer ursprünglichen Heimstätten. Fehlendes Flutlicht, ungeeigneter Rasen, Baumaßnahmen oder ein generell schlechter Zustand der Heim­stadien waren die Gründe. Für jeweils Botew Plowdiw, Dunaw Ruse, Lok Gorna, PFK Montana, Prim Blagoewgrad, Slavia Sofia und Tscherno More Warna gab es schon länger keine regulären Heimspiele mehr.

In den Straßen der Hauptstadt ist der Bezug zu den lokalen Vereinen präsenter, als es die Besucherzahlen vermuten lassen. Überall an den grauen und braunen Häuserwänden, sogar an Bäumen finden sich Graffiti und Tags. »ZSKA«, »Lewski«, »Sektor G« und »Sofia West« springen immer wieder ins Auge. Häufig mit Zusätzen wie »Hooligans«, »ACAB« und »88«, dem Neonazicode für »Heil Hitler«. Ein S wird gern als SS-Rune, das im Stadtnamen häufig auftretende O fast ausschließlich als Keltenkreuz dargestellt. Zwischendurch immer wieder »Odalrunen«, Hakenkreuze und andere Nazisymbolik. Auch an den Wänden der Fanlokale der Hauptstadtclubs finden sich solche Graffiti.

Die Rivalität zwischen ZSKA und Lewski wird traditionell sehr heftig und gewalttätig gepflegt. Beide Vereine verfügen über Chapter in allen relevanten Städten Bulgariens, sie dominieren den bulgarischen Fußball. Aleko H., der sich in erster Linie als Fußballfan und erst dann als Hooligan betrachtet, spricht sehr unaufgeregt über die regelmäßigen Auseinandersetzungen. Auf die Frage, wie mit der ständigen Gefahr der Gewalt umzugehen sei, betont H., dass es wichtig sei, bei allen Spielen – nicht nur den Derbys – einen kühlen Kopf zu bewahren, sich vorher über die Rahmenbedingungen wie An- und Abreise zu informieren und aufeinander achtzugeben. Das wäre es auch schon, so der, wie man sagt, erlebnisorientierte Endzwanziger.

Ein Vorfall im bulgarischen Fußball, geschehen Ende März: Zwei Spieler des Viertligisten ZSKA 1948, eine Vereinsneugründung der »Traditionalisten« von ZSKA, mussten am 29. März in ein Krankenhaus eingeliefert werden, nachdem sie vermutlich von Lewski-Anhängern vor dem Stadion angegriffen worden waren. Polizei befand sich nicht an Ort und Stelle, da es sich um ein Freundschaftsspiel handelte. Aus dem Stadion eilende Anhänger von ZSKA 1948 konnten angeblich einige der Angreifer »stellen« und »sorgten dafür«, dass diese sich bei den Spielern für den Angriff entschuldigten.

Beim neonazistischen Lukow-Marsch Mitte Februar bot sich ein gänzlich anderes Bild. Fans von Lewski, ZSKA und weiteren Clubs marschierten zu Ehren des 1943 von Partisanen hingerichteten Kriegsministers und Nazi-Kollaborateurs Christo Lukow durch Sofia. Die Verbindung von Fußball und rechtsextremer Politik ist offensichtlich. In Stadionnähe war besonders häufig mit Wassil Lewski, dem nationalen Freiheitskämpfer des 19.

Jahrhunderts und Namensgeber des Stadions von ZSKA, für den Marsch geworben worden. Auf Plakaten in den Farben der Nationalfahne wurde ihm in den Mund gelegt, die Bevölkerung in Bulgarien werde »ausgetauscht« und deshalb müsse zur Einwanderung nein gesagt werden. Von Lewski selbst stammen diese Worte nicht.
Der Verband und einzelne Vereine wurden in den vergangenen Jahren wegen rassistischer Vorfälle bei Spielen schon mehrfach mit Geldstrafen belegt, im März 2013 musste die Nationalmannschaft sogar ein WM-Quali­fikationsspiel ohne Zuschauer austragen. Antirassistisches Engagement resultierte daraus allerdings nicht. Die Vereine scheinen vor allem mit sich selbst beschäftigt zu sein. So verlor Rekordmeister ZSKA 2015 wegen Zahlungsunfähigkeit die Lizenz für die erste Liga und stieg in die dritte Spielklasse ab. Im September 2016 war ZSKA endgültig bankrott und wurde aufgelöst. Doch einige Monate zuvor war bereits ein neuer Club mit demselben Namen gegründet worden. Dahinter standen ein kompliziertes Finanzmanöver und ein Konsortium, dem nicht nur der frühere Stürmerstar Christo Stoitschkow angehörte, sondern auch Grischa Gantschew, ein Geschäftsmann aus der Ölbranche. Ihm gehört der Verein Litex Lowetsch, der als einziger neben Rasgrad seit 2009 Meistertitel errungen hat. Der Club wurde im Januar 2016 aus der ersten Liga ausgeschlossen, da bei einem Spiel gegen Lewski Sofia die Mannschaft aus Protest gegen eine Schiedsrichterentscheidung geschlossen das Feld verlassen hatte. Nach einer Umfirmierung beantragte das neue ZSKA im Mai unter Verwendung der Profilizenz von Litex erfolgreich die Aufnahme in die erste Liga, Litex hingegen spielt nun drittklassig.

Beim Derby im Oktober 2016 ließen es sich Lewski-Anhänger nicht nehmen, den Finger tief in diese Wunde zu legen. Die ZSKA-Fans bekamen folgende Nachricht zu lesen und zu hören: »ZSKA ist tot, hallo Litex«. Ihre Schadenfreude könnte den Anhängern von Lewski Sofia allerdings noch bitter aufstoßen. Der Hauptfinanzier des Clubs gab im Februar nach Unstimmigkeiten mit den Fans bekannt, sich gänzlich zurückziehen zu wollen. Wie es für den ebenfalls hochverschuldeten Verein weitergehen soll? Niemand weiß es.