Ein Gespräch mit Kristian Lutze, einem der fünf Übersetzer, die Marlon James’ Roman »Eine kurze Geschichte von sieben Morden« ins Deutsche übertragen haben.

»Das jamaikanische Englisch ist eine eigene Sprache«

Warum galt der Roman als unübersetzbar?
Weil er in vielen Nuancierungen das jamaikanische Englisch abbildet, eine Sprache, für die es im Deutschen, mehr noch als in anderen Übersetzungen, keine Entsprechungen gibt. Da sind die vielen unterschiedlichen Figuren, die in erster Person sprechen. Ghetto boys, Leute, die versuchen so zu sprechen, um cool zu wirken, es gibt spöttisch parodierende Nuancen, die es im Deutschen nicht gibt. Die Gefahr dabei ist sprachliches blackfacing. Das betreibt man, wenn man die Figuren ungrammatisch sprechen lässt und sie so dümmer und undifferenzierter klingen lässt, als sie im Original eigentlich sind. Für diese verschie­denen Sprachebenen eine Entsprechung zu finden, das war die größte Herausforderung neben der schieren Länge und der Vielzahl der Charaktere.

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»Blackfacing« meint eine im 20. Jahrhundert verbreitete rassistische Praxis im Showgeschäft: Wenn weiße Schauspieler sich das Gesicht schwarz anmalen und sich über Schwarze lustig machen, dann ist das »blackfacing«. Welche anderen Fehler musste die Übersetzung vermeiden?
Natürlich muss man bei den einzelnen Figuren schauen: Wie stark mündlich oder nicht mündlich, bildungssprachlich oder nicht bildungssprachlich ist das? Das jamaikanische Englisch ist eine eigene Sprache und die übersetzen wir ins Deutsche und eben nicht ins ge­brochene Deutsche oder ins ungrammatisch Deutsche.

Oder Sie übersetzen gar nicht und lassen Slang-Begriffe stehen.
Ja, im Lauf der Arbeit haben die einzelnen Übersetzer festgestellt, dass es Begriffe gibt, bei denen es nicht sinnvoll ist, eine Übersetzung zu versuchen. Zum Beispiel »Shitstem«, also ein Schimpfwort für das System, das Schweinesystem. Wir haben es mit Übersetzungen probiert und gemerkt, das funktioniert nicht. Und so ist im Lauf der Zeit eine Liste entstanden, ein Glossar von Begriffen, von denen wir vorgeschlagen haben, sie unverändert stehen zu lassen und mit Anmerkungen zu versehen. So ist im Lauf der Arbeit eine Idee von der Übersetzung entstanden, aber nicht so, dass man das vorher hätte festlegen können. Ansonsten haben wir uns bemüht, die Mündlichkeit deutlich zu machen, aber nicht das zu betreiben, was ich sprachliches blackfacing genannt habe.

 

Interview: Klaus Walter Eine einstündige Radiosendung von Klaus Walter mit Marlon James und dem Übersetzer Kristian Lutze gibt es hier zum Nachhören: www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/ausstrahlung-1014726.html