Die Debatte über Julius Evola und die Schließung eines Buchladens in Berlin-Neukölln

Mit Nazis reden

Die Berichterstattung über die Schließung eines Buchladens in Berlin offenbart vor allem deutsche Befindlichkeiten.
Kommentar Von

Wenn ein kleiner Buchladen schließen muss, ist das normalerweise kaum eine Meldung wert. Doch über das »Topics« in Berlin-Neukölln haben mittlerweile fast alle überregionalen deutschen Zeitungen und sogar das US-amerikanische Magazin Newsweek berichtet. Das überproportional große mediale Interesse hat wenig mit den Geschehnissen, aber viel mit einem gesellschaftlichen Klima zu tun, in dem alles, was links ist, von vorneherein unter Verdacht steht und die Selbstinszenierung der Neuen Rechten als vom Terror der political correctness verfolgte Unschuld bis weit ins bürgerliche Lager Widerhall findet.

Anzeige

Die englischsprachige Buchhandlung mit einem Faible für Abseitiges und Esoterisches hatte bereits eine Reihe von Abendveran­staltungen zu unterschiedlichen, häufig eher rechtsokkultistischen Denkern angeboten. Im März sollte dann ein gewisser D. C. Miller über den italienischen faschistischen Dunkeldenker Julius Evola Auskunft geben. Das sorgte für Aufmerksamkeit, nicht nur weil Evola zu den intellektuellen Bezugspersonen der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung gehört, sondern auch weil der Referent sich ­zuvor bei politischen Auseinandersetzungen für eine Londoner Galerie mit Alt-Right-Verbindungen in die Bresche geworfen hatte. Nach Protesten auf der Facebook-Seite des »Topic«, in deren Verlauf deutlich wurde, dass von D. C. Miller wenig kritische Distanz zum Gegenstand seines Vortrags zu erwarten war, wurde die Veranstaltung abgesagt. In den folgenden Monaten gingen die ohnehin ­spärlichen Umsätze der Buchhandlung weiter zurück, so dass die Betreiber kürzlich die Schließung des Ladens ankündigten.

In der Welt erschien daraufhin ein Artikel, der die israelische Staatsangehörigkeit der Betreiber ins Zentrum rückte, die bei den Protesten gegen die Evola-Veranstaltung keine Rolle gespielt hatte. Aber dass eine Enkeln von Holocaust-Überlebenden gehörende Buchhandlung in Berlin nach Drohungen »der Antifa« schließen muss, klingt einfach knackiger und passt besser ins Bild von den gewalttätigen Linken, die in ihrem totalitären Furor diejenigen schädigen, deren Interessen sie zu schützen vorgeben. Neben der sattsam bekannten Klage über eine intolerante linke Diskurshegemonie, die Freigeistigkeit nicht dulde, suggeriert die Betonung des Judentums der Betreiber und einer angeblichen Boykottdrohung (deren Existenz jedoch von den Betreibern ausdrücklich verneint wird) eine seman­tische Nähe zur antiisraelischen BDS-Kampagne, die zwar in Berlin derzeit mit einiger Heftigkeit diskutiert wird, zu deren Gegnern das inkriminierte Antifa-Milieu aber gehört. Die Frage, inwieweit es politisch sinnvoll ist, Alt-Right-Sympathisanten eine Plattform zu bieten, spielte in dem Artikel hingegen ebenso wenig eine Rolle wie die Tatsache, dass es in Neukölln seit einiger Zeit vermehrt Neonaziaktivitäten gibt.

Die Zeit legte nach – mit einem Artikel von Armin Langer, dem selbsternanntem Vertreter eines liberalen und BDS-nahen Judentums in Berlin, der einen »destruktiven Philosemitismus in der deutschen Gesellschaft« diagnostizierte und die »Randalierer« in »der antideutschen Szene« verortete. Langers Artikel zeugte zwar vor allem von einer Konkurrenz um die Deutungshoheit über Antisemitismus. Randale hatte es auch keine gegeben, aber ein Jude, der sich über Philosemitismus und die Antifa beklagt, ist ein Glücksfall für jeden Zeit-Redakteur.

Es folgten einige besser recherchierte Artikel in verschiedenen Medien, die sich jedoch allesamt in der Verurteilung der verbiestert-diskursverweigernden Antifa einig waren. Überzeugendster Ausweis genuin demokratischen Bewusstseins ist es derzeit, auf ein Glas Met zu den Kubitscheks nach Schnellroda zu fahren, um ganz vorurteilsfrei über Faschismus zu plaudern. Alles andere, so weiß es das deutsche Feuilleton, ist totalitär.