Der Berliner Rapper Megaloh

Aufklärung statt Almosen

Der Berliner Rapper Megaloh und seine Band BSMG sehen sich als Teil eines »afropäischen Movements«.

Uchenna van Capelleveen, Jahrgang 1981, hat etwas absolviert, das manche als Imagewechsel, andere als Reifeprozess ansehen. 2010 noch rappte er als Megaloh vor mit Graffiti be­malten Industriebrachen prollige Schimpfwortkaskaden, drei Jahre ­später schlenderte er im Video zum Titelsong »Endlich Unendlich« durch eine nigerianischen Township.

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Was war passiert? Der heute 36jährige van Capelleveen hatte einen Plattenvertrag bei Nesola bekommen, dem Label von Gitarrenrapper Max Herre, nachdem sich die beiden bei einem Elternabend getroffen hatten. Das war seine zweite Chance, beschrieb van Capelleveen alias Megaloh diesen Moment. Auf der zweiten Nesola-LP »Regenmacher« (2016) erweiterte er seinen gereiften Arbeiterklassen-Soul bereits mit Einflüssen aus westafrikanischer Folklore, kam auf Platz zwei der deutschen Albumcharts und absolvierte eine ausverkaufte Tour.

Schon während den Sessions zu »Regenmacher« entsteht das Lied »N-Wort«, das er als Geburtsstunde der »Black Superman Gang«, kurz BSMG, bezeichnet. Van Capelleveen, Sohn einer Nigerianerin und eines Niederländers, tastet sich hier an der Seite seiner Jugendfreunde Gha­naian Stallion und Musa an Identitätsfragen heran: »Ist das, was ich sage, zu laut? / Oder die Farbe der Haut?« Es ist das erste Mal in 15 Karriere­jahren, dass Megaloh diese Fragen ­musikalisch thematisiert. Ein Schicksal, das er mit seinen Mitstreitern bei BSMG teilt – als gebürtige Deutsche mit Wurzeln in Afrika sind die Rapper Megaloh und Musa und Produzent Ghanaian Stallion in einer zwiespältigen Situation aufgewachsen: Für Europäer sehen sie zu dunkel aus, für Afrikaner zu europäisch.

Bewusstsein für die schwarz-deutsche Geschichte schaffen

Ein Zwiespalt, den das soeben ­veröffentlichte Album »Platz an der Sonne« vertont. Es geht darum, Bewusstsein für die schwarz-deutsche Geschichte zu schaffen. »Dunkles Kapitel/Zukunft Gestalten« heißt ein Song. »Die Kolonialgeschichte ist bis heute spürbar«, sagt Megaloh. »Allein, was in Museen steht: Die haben sich alles zusammengeklaut.« BSMG, die unter der Abkürzung auch »Broth­ers, Sisters Move Globally« verstehen, wollen aber keine Almosen, sondern Aufklärung – der Ton ist imperativ. »Mit allen notwendigen Mitteln« heißt ein anderer Titel. »Das Problem mit deutschem Rassismus ist, dass er nicht mit einer präsenten Sklaven­geschichte wie in den USA zu tun hat«, sagt Megaloh. »Es ist die deutsche Kolonialgeschichte und die damit verbundenen rassis­tischen Ressentiments.«

Das Album funktioniert ganz ohne Zeigefinger-Rhetorik.

»Platz an der Sonne« übt nicht Kritik (und Selbstkritik) in der Art wie Kendrick Lamars »To Pimp a Butterfly« – es ist eher eine Bestandsaufnahme mit Geschichts-, aber auch Gegenwartsbezug. Das spiegelt sich auch im Sound. Produzent Ghanaian Stallion sagt: »Der Westen hat sich immer schon an afrikanischer Kultur bereichert«, und spielt damit auf »One Dance« an, den Welthit des US-Rappers Drake, der aktuelle Popentwicklungen aus Westafrika adaptiert. Drake steht damit nicht alleine: Der Pariser Rapper MHD mischt Afro-Klänge mit Trap, die britische Grime-Ikone Skepta rappt zu Calypso-Melodien des nigerianischen Sängers Wizkid – ­einem Superstar des sogenannten Najia-Pop. Auch »Jessie Owens«, eine Single von BSMG, hat musikalisch mehr mit dem leichtfüßigen Yoruba-Reggae von Angélique Kidjo zu tun als mit dem Bling-Rap von Jay-Z. Und das durchaus mit Absicht, wie Ghanaian sagt: »Wir sind Teil eines euro- beziehungsweise afropäischen Movements.« Darum geht es BSMG: »Lang lebe Afrika« heißt eine Hymne der Gruppe.

Das Album funktioniert ganz ohne Zeigefinger-Rhetorik. Die Sensibilität für politische Themen und das musikalische Feeling besitzen den gleichen Stellenwert, sagt Megaloh: »Der Anspruch war, die geilste Rapmusik zu machen, die es gibt.« Und mit der will er nicht trennen, sondern verbinden. »Es liegt nicht am Einzelnen oder ›den Weißen‹, sondern am System«, sagt Megaloh und fügt hinzu: »Der Westen sollte Verantwortung für das Geschehene übernehmen.«

BSMG: Platz an der Sonne (Nesola/Universal)