Der Aufstieg und Abstieg von Marine Le Pen

Land unter für Marine

Seit der desaströsen Fernsehdebatte zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron ist die Tochter des FN-Parteigründers in der extremen Rechten umstritten. Bernard Schmid zeichnet Aufstieg und Niedergang der Präsidentschaftskandidatin nach.

Auf diesen Tag, den 3. Mai 2017, hatten viele gewartet. Es war der Tag der mit Spannung erwarteten Fernseh­debatte zwischen den beiden Bewerbern um die französische Präsidentschaft, Emmanuel Macron und Marine Le Pen. Würde es die rechte Populistin schaffen, ihren Widersacher in die Enge zu treiben, ihn verbal fertigzumachen, ihm symbolisch jenen Prozess zu machen, den man, ginge es nach Le Pen, dem gesamten »globalisierten und antinationalen« Establishment bereiten sollte? Einige ersehnten genau das heiß und innig, andere befürchteten es. In Vorberichten der Medien kursierte das Gerücht, Macron werde nach einer halben Stunde aufstehen und gehen, falls ihm die Attacken seiner Gegenkandidatin zu sehr zusetzten, falls er ihren aggressiven Worttiraden nicht standhalte. Um das Gesicht zu wahren, werde er sich darauf berufen, hieß es, dass es unter der Würde eines ­seriösen Politikers sei, sich so in die Mangel nehmen zu lassen.

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Es kam völlig anders – und die Enttäuschung sitzt bei vielen rechten Wählerinnen und Wählern weiterhin tief. Die Blamage Le Pens in dieser Debatte trieb die extreme Rechte Frankreichs in eine tiefe Orientierungskrise und in scharf geführte Strategiediskussionen; das glatte Gegenteil dessen also, was viele erwartet hatten, nämlich dass der Front National nach einer nur relativ knappen Wahlniederlage unbestritten die Opposition führen werde.

Man nehme nur die bekennenden Anhänger der extremen Rechten, die hier und da zu Wort kommen. In der Boulevardzeitung Le Parisien haben sie es in der Sonntagsausgabe vom 17. September auf die Titelseite geschafft; »Le Pen und ihre Wähler – der große Liebesentzug« lautet dazu die dicke Überschrift. Einige der Enttäuschten hat das Blatt aufgespürt. Zum Beispiel Ghislaine, die Enkelin einer Kommunistin in der nordfranzösischen früheren Bergarbeiterstadt Condé-Folie: »Ich habe in der zweiten Runde für sie gestimmt, aber mit weniger Enthusiasmus als im ersten Wahlgang. Dazwischen lag diese Debatte. An jenem Abend hat sie uns die ›Guignols de l’info‹ vorgespielt«, so heißt eine satirische Sendung mit Politikerpuppen, die stark übertriebene oder leicht verrückte Dinge tun. Ein anderer Artikel stellt Françoise vor, eine 67jährige Rentnerin in Calais, Stammwählerin des Front National. Auch sie stieß sich an der Fernsehdebatte: »Sie war eine Niete! Sie hatte alle Chancen, und sie hat alles verspielt. Die ganze Zeit hat sie angegriffen, sie hat bewiesen, dass sie keine präsidiale Statur besitzt.« In den Augen von Françoise, die in der Vergangenheit schon für den Vater – Jean-Marie Le Pen – stimmte, ist Marine Le Pen als Politikerin bereits Geschichte. Sie wartet nun auf »einen starken Mann mit harter Hand«, doch weiß sie nicht, wer das im Augenblick sein könnte.

Jahre der Suche
Marine Le Pen jedenfalls trauen viele die »harte Hand« nicht mehr zu, obwohl sie für diese Rolle lange prädestiniert schien. Die 1968 geborene dritte und jüngste Tochter des mittlerweile 89jährigen Jean-Marie Le Pen wuchs schon früh ohne besonderes Zutun in die Politik hinein. Im November 1976, die Schülerin war acht Jahr alt, flog die damalige Wohnung der Familie in der Villa Poirier im Pariser Süden in die Luft. Nur durch Glück kam keines der Kinder ums Leben. Jean-Marie Le Pen war damals bereits Vorsitzender des Front National, der jedoch noch eine Splitterpartei war. An die parteioffizielle ­Legende – »der Linksterrorismus« habe zugeschlagen und einmal mehr seine blutige Fratze gezeigt – glaubte auch in den eigenen Reihen, wenn die Mikrophone abgeschaltet waren, in Wirklichkeit kaum jemand.

Verschiedene Fraktionen der damals zersplitterten Rechten lieferten sich erbitterte Auseinandersetzungen; es ging um Geld, aber auch um die enge Anbindung an Geheimdienste und um Spitzeltätigkeiten. Anderthalb Jahre später, im März 1978, wurde der damalige Chefideologe der Partei und mutmaßliche ­V-Mann diverser Dienste, François Duprat, ein überzeugter Faschist, in seinem Auto in die Luft gesprengt. Linke Täter? Daran dürfte niemand ernsthaft geglaubt haben.

Doch einem jungen Mädchen, wie Marine Le Pen es damals war, erschlossen sich solche Zusammenhänge sicherlich nicht. Aus ihrer kind­lichen Perspektive stellten sich die Dinge wohl so dar: Ihr Vater war ein Held, auf den es jedoch sehr viele bitterböse Leute abgesehen hatten. Deswegen musste man sich ganz ­besonders vor ihn stellen. Allerdings durfte man auch nicht allen Leuten in seiner Umgebung vertrauen, denn, so wurde gemunkelt, der Feind konnte oft auch in nächster Nähe stehen.

Zugleich erlebte Marine Le Pen in ihren Jugendjahren des Öfteren ­Zurückweisung, wenn sie mit ihrem allzu prominenten Vater in Verbindung gebracht wurde. Dank seiner piratenähnlichen Augenbinde, die der auf einem Auge blinde Jean-Marie Le Pen damals in der Öffentlichkeit trug und die ihm einen hohen Wiedererkennungswert bescherte, war er bekannter als seine Partei, die bis 1984 keine große Rolle spielte. Lehrer blickten besonders streng, wenn sie erfuhren, wer der Vater von Marine Le Pen war. Freunde suchten das Weite oder machten Schluss, wenn sie vom Vater erfuhren. Daraus entwickelte sich eine Art Hassliebe: Es war zwar notwendig und richtig, zum Vater zu stehen, aber für dessen politische Betätigung zu büßen, konnte mühselig sein – und einiges Leid bedeuten. So war ihr Verhältnis zum Vater ambivalent: zu ihm stehen – ja, aber bitte nicht zu all seinen Verbündeten und nicht zu all seinen Verrücktheiten.

Ihre ersten sozialen Kontakte suchte sich Marine Le Pen auch dann außerhalb des rechten Dunstkreises und des kulturellen Miefs, den die in den Achtzigern innerparteilich an Macht und Einfluss gewinnenden Rechtskatholiken verbreiteten. Erstmals während ihres Studiums schaffte es Marine Le Pen, beides in Einklang miteinander zu bringen, die Treue zum Vater und zu seinen Grundsätzen, bei gleichzeitigem Ausbruch aus dem verkniffenen und prüden Milieu, das weite Teile der Partei prägte. Nachdem sie sich auf Anraten des Vaters – er hatte selbst in den fünfziger Jahren ein missratenes Jura­studium abgebrochen – an der Universität Paris-II Assas eingeschrieben hatte, einer langjährigen Hochburg rechter Umtriebe, lernte die Jurastudentin rechtsextreme Dandys kennen, die ebenso hip wie anderweitig gewalttätig sein konnten.

Es handelte sich um Mitglieder der GUD (Groupe union défense), einer von der Gewalttätigkeit des historischen Faschismus faszinierten Studentengruppe, die überwiegend aus Bürgersöhnchen gehobener Herkunft bestand. Die noch bestehenden Überreste der Organisation sind nur ein müder Abklatsch der Gruppe  in ihrer Hochzeit, den Achtzigern. Die damaligen Protagonisten bilden heute ein Netzwerk alter Herren – von denen die meisten beruflich reüssiert haben, Unternehmer und Steueranwälte geworden sind wie Philippe Péninque, Axel Loustau und Frédéric Chatillon –, die das informelle Macht­zentrum des FN unter Marine Le Pen bilden. Auch wenn sie nicht im offiziellen Organigramm der Parteistrukturen auftauchen, kontrollieren diese alten Herren über ein Geflecht von Firmen die Finanzen der Partei.
In diesen rechten Studentenkreisen hatte Marine Le Pen, ohne sich anstrengen zu müssen, einen guten Namen: ihren Familiennamen. Und sie erhielt

Zugang zu einem anderen Leben als dem, das die alt gewordenen ewigen Messdiener und lebenslangen Kolonialsoldaten im Geiste im damaligen FN zu bieten hatten: Nachtleben, Alkohol und Drogen – Partyfaschismus eben. Wohl aus dieser Zeit schleppt Le Pen auch ein Problem mit sich herum, das unter Journa­listen, die sich mit dem FN beschäftigen, wohlbekannt ist, nicht jedoch der breiten Öffentlichkeit: Die 49jährige hat ein manifestes Alkohol­problem, das manchmal dazu führt, dass sie sich unbedacht um Kopf und Kragen redet.

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Übermächtiger Vater und miefig-reaktionäres Milieu: prägende Erfahrungen für Marine Le Pen (rechts), hier beim Jeanne-d’Arc-Marsch des FN, Mai 1985

Bild:
AP / Herve Merliac

Eine Weile versuchte sie nach den Universitätsjahren, beruflich auf ­eigenen Beinen zu stehen. 1992 wurde sie Anwältin und eröffnete eine eigene Kanzlei. Doch das Geschäft lief nicht richtig – über die Runden kommen konnte sie dank der Aufträge aus der Partei ihres Vaters und dessen Umfeld; dazu zählte schon einmal die Verteidigung überführter Holocaustleugner. Dass die junge Juristin 1995 auch einmal einen »papierlosen« algerischen Einwanderer – als Pflichtverteidigerin – vertrat, zählt zu den Episoden, die sie gerne in die Öffentlichkeit durchdringen lässt. Das spiegelt jedoch ihren realen Tätigkeitigkeitsschwerpunkt in jenen Jahren keinesfalls wieder.

Angesichts der wirtschaftlichen Probleme ihrer Kanzlei nahm Marine Le Pen 1998 dann dankend das Angebot ihres Vaters an, die Rechtsabteilung der Partei zu übernehmen. Das bedeutete in den ersten Monaten vor allem, die Jagd auf innerparteiliche Dissidenten zu eröffnen und deren Gefolgsleuten unter den Beschäftigten in der Parteizentrale zu kündigen. Im Winter 1998/99 erfolgte der Ausschluss der damaligen Nummer zwei des FN, Bruno Mégret. In den folgenden Jahren stieg der Einfluss von Marine Le Pen. Bei den Fern­sehdebatten für die Präsidentschaftswahl 2002 entdeckten Medienleute die fotogene und rhetorisch gewandte Jungpolitikerin. Doch noch standen ihr einige Jahre Durststrecke bevor, bis der Vater im Jahr 2010 endlich einwilligte, die Geschäfte abzugeben – weil er nunmehr sicher war, seiner ­eigenen Tochter die Partei überlassen zu können. Er glaubte, dank familiären Einflusses auch weiterhin das Sagen zu haben – doch es kam anders.

Neue Linie?
Was machte Marine Le Pen anders als ihr Vater und Amts­vorgänger, nachdem sie den Parteivorsitz im Januar 2011 übernommen hatte? Als Erstes brach sie mit der bisherigen Politik ihres Vaters, indem sie tatsächlich als antisemitisch zu deutende Aussagen ­sowie sämtliche Anspielungen auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs und auf den historischen Faschismus unterband. Dazu sagte sie in einem Statement, das sie selbst als abschließend betrachtete, im Wochenmagazin Le Point am 3. Februar 2011: »Die nationalsozialistischen Lager waren der Gipfel der Barbarei.« Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, Teile der Presse behandelten die Äußerungung jedoch  beinahe als Sensation. Denn von ihrem Vater hätte man ein so klares Urteil nie zu hören bekommen.

Ähnlich wie andere Parteifunktionäre der jüngeren Generation vor ihr, ist Marine Le Pen davon überzeugt, dass für ihre Bewegung nichts damit zu gewinnen sei, bereits ver­lorene Schlachten für die Rehabilitierung des historischen Faschismus erneut zu schlagen. Schon in den neunziger Jahren hatte der damalige Chefideologe des FN, der keineswegs gemäßigte Bruno Mégret, eine ganz ähnliche Position vertreten. Nachdem Jean-Marie Le Pen einmal mehr durch einen sogenannten Tabubruch auf sich aufmerksam gemacht hatte – am 5. Dezember 1997 trat er in München an der Seite des früheren Waffen-SS-Mitglieds Franz Schön­huber auf, bekräftigte seinen Ausspruch, dass die Gaskammern ein point du détail gewesen seien und bezeichnete »die Deutschen« als »das Märtyrervolk des Zweiten Weltkriegs« –, reagierte Mégret erstmalig mit einer offenen Abgrenzung von seinem Vorsitzenden. Er sagte der versammelten Presse: »Ich bin mit Jean-Marie Le Pen in allen Fragen einverstanden, die die Zukunft Frankreichs betreffen.« Will heißen: Bei Fragen, die die Vergangenheit ­betreffen, gehe ich nicht mit ihm konform.

Ähnlich gebrochen ist Marine Le Pens Haltung in gewisser Weise auch zur traditionell bei der ex­tremen Rechten stark verankerten Homophobie. Dies zeigte sich anlässlich der Massendemonstrationen gegen die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare, die in Frankreich durch ein Gesetz vom 17. Mai 2013 Rechtswirklichkeit wurde. Der Front National war in der Haltung zu den Demonstrationen gespalten. Die Parteivorsitzende zeigte sich persönlich ausgesprochen reserviert, was eine Teilnahme betraf. Zum einen war sie überzeugt davon, dass es in Wirklichkeit eher die wirtschaftlichen und sozialen Themen seien, die die französische Gesellschaft im Allgemeinen und die Wählerschaft ihrer Partei im Besonderen berührten. Sogenannte »weiche« oder »postmaterielle« Themen wie eben die Ehe für alle seien nur Ablenkungen, mit denen die etablierten Parteien (ob für oder gegen die Einführung der Homosexuellenehe) die Aufmerksamkeit von der wirtschaftlichen Misere ablenken wollten. Zum anderen wollte Marine Le Pen anfänglich aber auch vermeiden, dass ihre Partei in der öffentlichen Wahrnehmung in der reaktionären Schmuddelecke steht. Da sie sich seit ihrem Antritt als Parteivorsitzende verstärkt um neue Wählerschichten – Frauen, jüngere Generationen, Leute mit höherem Bildungsgrad – bemüht hatte, die bislang dem FN eher fernstanden, blieb sie auf Abstand.

Marine Le Pen war und ist vom Erfolgsmodell der niederländischen extremen Rechten beeinflusst. Diese entschied sich in den Jahren 2001/02 unter Pim Fortuyn, ab 2006 unter Geert Wilders für die Strategie, etwa Frauen- oder Homosexuellenrechte nicht zu attackieren, sondern sich im Gegenteil zu ihrem »Verteidiger« aufzuschwingen. Als Bedrohung für die individuellen Rechte emanzipierter Frauen und Homosexueller werden dagegen die muslimischen Einwanderer stilisiert, die als neuer Hauptfeind dienen. Ohne die Strategie Fortuyns oder Wilders’ in Holland vollständig zu kopieren, betrachtet Marine Le Pen diese doch als Vorbilder. Diese Haltung war in ihrer Partei jedoch sehr umstritten. Viele Parteifunktionäre und -mitglieder beteiligten sich an den Protesten gegen die gleichgeschlechtliche Ehe.

Sozialer und wirtschaftlicher Diskurs
Neben einer veränderten Vergangenheitspolitik und der Distanz zur traditionellen Homophobie und Misogynie, steht Marine Le Pen in einem weiteren Bereich – in diesem Falle eher vermeintlich als tatsächlich – für Neuerung: Sie etablierte einen sozialen Diskurs in der Partei. Allerdings muss man sich davor hüten, auf den Eindruck hereinzufallen, den viele von Marine Le Pen faszinierte Journalistinnen und Journalisten erwecken, denen zufolge es unerhört neu sei, dass der FN nunmehr »soziale Sensibilität« zeige. Nichts ist irriger: Die »nationalsoziale« Wende der rechtsextremen Partei, weg von der wirtschaftsliberalen Politik der achtziger Jahre, begann in den Jahren 1990 bis 1992. Damals setzten führende Parteistrategen darauf, die Erbmasse des »toten Marxismus« zu übernehmen und sich selbst zur »einzigen radikalen Opposition« aufzuschwingen.

Marine Le Pen übernimmt im Grunde nur die damals erprobten »sozialen« Versatzstücke in Diskurs und Programmatik der Partei. Sie werden, genau wie 15 Jahre zuvor, grundsätzlich und systematisch mit dem Prinzip der préférence nationale (in etwa: Inländerbevorzugung) verkoppelt: Soziale Versprechen adressieren sich nur an »Franzosen«, und Umverteilung soll keineswegs zwischen Arbeit und Kapital erfolgen, sondern zwischen Franzosen und »Ausländern«. Für Immigranten sollen getrennte Sozialkassen eingerichtet, soziale Leistungen wie etwa Kindergeld und Sozialhilfe sollen ausschließlich für »Inländer« (nationaux) reserviert werden.

So weit also nichts Neues. Allerdings versucht Marine Le Pen die Beschreibung des von ihr vorgeblich angeprangerten Übels zu objektivieren. Wie keynesianische Ökonomen, Kritikerinnen der »neoliberalen Globalisierung« (etwa Jacques Sapir, den sie gerne und häufig zitiert) oder Ökologinnen und Ökologen, die den gigantischen Ressourcenverbrauch durch das Anwachsen internationaler Transporte kritisieren, spricht sie von mondialisation. Dabei übernimmt sie aus dem Kontext anderer Argumentationen bruchstückhaft Beschreibungen ökonomischer Prozesse und der stattfindenden Veränderungen in der internationalen Arbeitsteilung. Im Kern ist ihre Weltsicht aber von denselben Vorstellungen bestimmt wie zuvor: Da »die Produktionen zu den Menschen gebracht« statt über Kontinente hinweg verlagert werden sollten, müsse man auch die internationale Migration aufhalten und möglichst rückgängig machen. Das ist nach vor das Hauptanliegen ihrer Partei. Diskursiv aufgepeppt wird das Ganze nunmehr jedoch mit Zitaten aus dem Kontext gewerkschaftlicher Argumentationen, aus Attac-Publika­tionen oder von ökologischen Kritiken am globalisierten Neoliberalismus.

Die Fernseh-Debatte
Diese Punkte machten Marine Le Pen in den Augen vieler Franzosen eher wählbar als ihren Vater. Warum aber scheiterte sie derart kläglich in der Fernsehdebatte mit Macron? Ursprünglich wollte sie wohl die Debatte vom 3. Mai zum »Prozess« gegen Macron als ehemaligen Minister und »Erben des politischen Systems« machen. Doch sie wirkte über weite Strecken hinweg wie eine schlechte Schülerin, die auch noch aggressiv auftrat.
Zu Anfang warf sie Macron vor, dieser habe als damaliger Wirtschaftsminister »alles verkauft« – gemeint: ans Ausland –, und behauptete, er habe etwa das Mobiltelefon-Unternehmen SFR verscherbelt. Macron wandte ein, SFR sei schon immer privat gewesen, und er als Minister habe das Unternehmen gar nicht verkaufen können. Was übrigens nicht völlig richtig ist: Da es sich bei dem Kauf von SFR um die Investition ausländischen Kapitals handelte, musste das Wirtschaftsministerium eine Genehmigung erteilen.
Doch Marine Le Pen insistierte, suchte in ihren Akten herum – was etwas bemüht wirkte – und fand ein Zitat, in dem Macron sagte: »Ich habe entschieden, den Verkauf zuzulassen … « In dem Zitat ging es allerdings nicht um SFR, sondern um Alstom, den 2014 teilweise an General Electric in den USA und teilweise an Siemens verkauften Maschinenbaukonzern. Macron behandelte Le Pen, als hätte er sie mit einem Spickzettel ertappt; dann wies er sie sanft darauf hin: »SFR baut Telefone, und Alstom baut Turbinen und Maschinen. Das sind zwei verschiedene Sachverhalte.«
Da war Marine Le Pen schon zum ersten Mal nahezu k.o. In den folgenden Stunden wirkte sie eher wie eine aggressive Kläfferin denn als eine gefährliche Herausfordererin – bis hin zu dem Augenblick, in dem sie sich darüber beklagte, Macron trete ihr gegenüber wie ein Lehrer gegenüber einer Schülerin auf. Damit sprach sie laut aus, was wohl auch jeder Zuschauer so empfinden musste. Lag diese Blamage an zu viel Selbstsicherheit vor dem Duell oder an mangelndem Interesse an vor allem ökonomischen Problemen? War es ihre gesundheitliche Labilität, am Ende gar ihr Alkohol­problem? Doch der Auftritt hat Marine Le Pens Führungsrolle in der französischen extremen Rechten geschwächt, sie könnte ihn sogar verlieren – auch wenn sie deshalb gewiss nicht einfach von der Bildfläche verschwinden wird.

Machtkämpfe
Im Herbst nun gab es einen weiteren Paukenschlag: Der sechs Jahre lang als Chefideologe des FN gehandelte 35jährige Florian Philippot verkündete am Vormittag des 21. September seinen Austritt aus der Partei. Das kam für viele Außenstehende überraschend, intern hatte es sich in jüngerer Zeit angekündigt. Stunden zuvor hatte Marine Le Pen ihrem Stellvertreter Philippot den größten Teil seines Aufgabenbereichs entzogen, auch wenn er offiziell die Nummer zwei der Partei bleiben sollte – gleichberechtigt mit dem anderen Vizepräsidenten, Le Pens Lebensgefährten Louis Aliot. Doch hatte die Parteivorsitzende Philippot das Recht entzogen, für die Partei zu sprechen, und damit die Fernsehauftritte verunmöglicht, die dieser beinahe täglich absolvierte, so häufig wie kein anderes Führungsmitglied des FN.

Philippots Austritt ist zunächst einmal das Ergebnis eines Machtkampfs zwischen ihm und Marine Le Pen. Er ist nicht auf ideologische Differenzen zurückzuführen; im ­Gegenteil war es in erster Linie Philippot, der Le Pen bis vor kurzem ihre Linie einflüsterte oder sie zumindest inspirierte. Doch seit der Fernsehdebatte vom 3. Mai glaubte Philippot nicht mehr richtig an die Fähigkeiten seiner Chefin.

Im selben Monat gründete er seinen eigenen Verein, »Les Patriotes«, den viele bald als eine Art Partei innerhalb der Partei betrachteten. Wiederholt forderte Marine Le Pen Philippot öffentlich dazu auf, den Vorsitz des Vereins niederzulegen; der weigerte sich standhaft.
Mölicherweise hat Marine Le Pen Philippot auch geopfert, zum einen, weil er zu einflussreich geworden war, zum anderen aber auch, um zumindest Teile seiner Strategie – ohne ihn – zu retten. Diese beruht darauf, soziale Forderungen und Kritik am Wirtschaftsliberalismus möglichst stark zu betonen.

Doch viele in der Partei fordern endlich wieder ein »rechtes Profil«, was in ihren Augen auch die Akzeptanz stärkerer sozialer Ungleichheiten beinhaltet. Zwar wünschen auch die Gegner Philippots eine klare ­Abgrenzung des FN von den Konservativen – in diesem Falle vor allem durch besonders scharfe Positionen zu Themen wie der Einwanderung –; doch müsse viel deutlicher werden, dass man rechten Konservativen grundsätzlich näher stehe als jedem Sozialdemokraten oder Linken.

Philippot selbst ziehe es, so munkelt man, in die Nähe des rechts­bürgerlichen EU-Kritikers Nicolas Dupont-Aignan. Dieser erhielt als Präsidentschaftskandidat im April 2017 knapp fünf Prozent der Stimmen und verbündete sich dann für die Stichwahl kurzzeitig mit Marine Le Pen; die Allianz zerbrach jedoch noch vor den Parlamentswahlen vom Juni. Inzwischen wurde bekannt, dass Philippots Vereinigung »Les Patriotes« den Parteistatus erworben hat.

Innerhalb der extremen Rechten und auch innerhalb des FN sind also heftige Richtungsdebatten zu erwarten, insbesondere um die sozial- und wirtschaftspolitische Ausrichtung. Der Ausgang erscheint offener, als man noch vor wenigen Monaten erwartet hätte – und bis zum nächsten Parteitag dauert es noch eine Weile. Er findet am 11. und 12. März 2018 in Lille statt.