Laurent Binet: »Die siebte Sprachfunktion«

Tod eines Zeichenjägers

Nicht nur Politiker und Philosophen sind hinter einem Manuskript über »Die siebte Sprachfunktion« her, für das Roland Barthes im gleichnamigen Roman sein Leben lassen muss.

Umberto Eco ist tot, lang lebe der ­semiotische Roman. Aber: »Das Leben ist kein Roman.« Mit diesem Satz ­beginnt der historische Kriminalroman »Die siebte Sprachfunktion« von Laurent Binet, der sich ironisch mit dem französischen Intellektuellenmilieu um 1980 auseinandersetzt. Am 25. Februar des Jahres wird ­Roland Barthes, prägende Gestalt des (Post-)Strukturalismus, auf dem Heimweg auf den Straßen von Paris von einem Lieferwagen angefahren. Einen Monat später erliegt er seinen Verletzungen. Doch was, wenn es gar kein Unfall war? Hier setzt Binet mit seiner Fiktion an, um in der literarischen Tradition Ecos Zeichen zu ­entschlüsseln und Motive zu ergründen – nicht ohne dabei die eigene Beschlagenheit in zeitgenössischen Theoriedebatten auszustellen.

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Der ermittelnde Kommissar Jacques Bayard interessiert sich zunächst nur deshalb für den Unfall, weil Barthes – im Roman – gerade von einem Mittagessen mit François Mitterand kam. Der Vorwahlkampf für die Präsidentschaftswahl 1981 beginnt gerade und es gilt für den konservativen Ermittler des Polizeilichen Nachrichtendienstes, möglichst etwas Diskreditierendes über den aussichtsreichen sozialistischen Kandidaten herauszufinden. Bei der letzten Wahl 1974 konnte sich der bürgerlich-republikanische Anwärter Valéry Giscard d’Estaing nur knapp in der Stichwahl gegen Mitterand durchsetzen, einen linken Präsidenten hat es in der Fünften Französischen Republik bis dato überhaupt noch nicht gegeben.

Kaum eine der historischen Figuren aus Politik und Wissenschaft kommt sonderlich gut weg, wobei es sehr deutliche Unterschiede gibt. Manchen Promis ist eine milde Parodie, anderen eine ätzende Persiflage gewidmet. Weder Philippe Sollers noch Judith Butler scheinen zu Laurent Binets Lieblingen zu gehören.

Bei seinen Recherchen und Gesprächen, ob mit dem kaum vernehmungsfähigen Barthes im Krankenhaus oder dem kaum vernehmungswilligen Michel Foucault am Collège de France, stößt Bayard allerdings schnell an seine Grenzen. Das unverständliche Vokabular der Theoretiker wirkt auf ihn ohnedies wie eine fremde Sprache. Gleichwohl nicht ungeschickt, kann er den Nachwuchs­dozenten und gesellschaftskritischen Semiotiker Simon Herzog dazu zu bewegen, ihn bei seinen Nachforschungen zu unterstützen. Im Unterschied zu Ecos »Der Name der Rose« mit dem Ermittlerduo William von Baskerville und dem Novizen Adson aus Melk ist es hier der Adlatus Simon, der tiefgreifende Analysen anstellt, während der verantwortliche Ermittler Bayard mal beiläufig und anpackend, mal mit polizeilicher Bauernschläue seinen Teil zur Lösung der Rätsel beiträgt.

Schnell geht es nicht mehr nur um die Frage nach Täter und Motiv; vielmehr erscheinen ihm die Hintergründe und Verstrickungen immer unübersichtlicher – und auch die Toten mehren sich.

Zudem schaltet sich Giscard höchstselbst ein und er­läutert den beiden ungleichen Protagonisten, worin ihre eigentliche Aufgabe – nach dem Willen des Präsidenten – fortan ­besteht: »Am Tag seines Unfalls trug Monsieur Barthes ein Schriftstück bei sich, das ihm entwendet wurde. Ich wünsche, dass Sie dieses Schriftstück wiederfinden. Die Angelegenheit ist relevant für die nationale ­Sicherheit.« Aber auch verschiedene Geheimdienste, einige schwule Stricher und außerdem die halbe Pariser Poststrukturalistenszene mit Jacques Derrida, Louis Althusser sowie Julia Kristeva und ihrem Ehemann Philippe Sollers sind an dem Dokument interessiert. Doch worum handelt es sich dabei überhaupt?

 

Ein konspirativer, elitärer Rhetorikclub

Der strukturalistische Linguist ­Roman Jakobson soll neben seinen bekannten sechs Sprachfunktionen noch eine weitere, wirkmächtigere Funktion ersonnen haben; wozu sie dient, bleibt zunächst ungewiss. Allerdings entdecken die beiden Ermittler im Wechselspiel zwischen Verfolgen und Verfolgtwerden einen konspirativen wie elitären Rhetorikclub mit strenge Hierarchien und blutigen Gebräuchen, der sich über Frankreich hinaus erstreckt. Die viel­deutigen Spuren führen sie ferner ins Rote Bologna Umberto Ecos und an die Cornell University in den Vereinigten Staaten, wo der Derrida-­Interpret Jonathan Culler und die Derrida-Übersetzerin Gayatri Spivak mit ihren europäischen Vordenkern und Mitstreitern zusammenkommen, um ihre Widersacher wie John Searle und Noam Chomsky argumentativ in die Schranken zu weisen – die Auseinandersetzung zwischen kontinentaler und analytischer Philosophie steht in den USA in voller Blüte, die Sprachfunktion ist wiederum von beiden Seiten begehrt.

»Die siebte Sprachfunktion« ist der zweite Roman von Laurent Binet,  der 2010 für seinen Erstling »HHhH« den renommierten Prix Goncourt für Debütromane erhalten. Der sperrig wirkende Titel steht für: Himmlers Hirn heißt Heydrich – angeblich ein Ausspruch Hermann Görings. Schon in seinem Erstling hat Binet ein 1942 historisches Ereignis, das Attentat auf Reinhard Heydrich, einen führenden Organisator der Shoah, mit fiktionalen Elementen sowie einer Reflexion seiner erzählerischen Methode verknüpft. Letzteres wurde an dem Werk besonders diskutiert und gelobt.

In »Die siebte Sprachfunktion« fallen die Kommentare des Erzählers deutlich reduzierter aus, doch auch hier wird wiederholt sowohl auf die historische Distanz als auch auf die fiktionale Differenz verwiesen. Der Ich-Erzähler ist nicht an der Handlung beteiligt, erscheint aber nicht als allwissend, sondern lediglich als vielwissend und vor allem bisweilen als besserwisserisch: »Ich weiß nicht, ob damals allgemein bekannt war, dass Barthes homosexuell war. Als er sein Erfolgsbuch ›Fragmente einer Sprache der Liebe‹ schrieb, hatte er sorgfältig darauf geachtet, den ­Gegenstand der Liebe nie auf ein Geschlecht festzulegen.« Die Anmerkungen und Exkurse stören jedoch nicht – es sei denn, man erwartet von Belletristik einen möglichst reibungslosen Lesefluss –, zumal Binet sehr gut darin ist, knapp und en passant etwa die Grundlagen des Strukturalismus oder der Sprechakttheorie darzulegen. Man muss kein Pro­seminar in Linguistik besucht haben, um den Ausführungen folgen zu können. Der Kriminalfall entfaltet sich ohnehin recht schnell, so dass die Neugier auf den Fortgang des Geschehens stets überwiegt.

Neben dem Tod Roland Barthes’ lässt Binet noch weitere reale Ereignisse in seine Geschichte einfließen. Dazu gehören zum Beispiel Althussers Tötung seiner Ehefrau Hélène Rytmann und der verheerende Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna am 2. August 1980, der immer noch nicht vollständig aufgeklärt ist. Kaum eine der historischen Figuren aus Politik und Wissenschaft kommt sonderlich gut weg, wobei es sehr deutliche Unterschiede gibt. Manchen Promis ist eine milde Parodie, anderen eine ätzende Persiflage gewidmet. Weder Philippe ­Sollers noch Judith Butler scheinen zu Binets persönlichen Lieblingen zu gehören. Der Autor spart auch nicht an drastisch-vergnüglichen Sex­szenen, die weniger sinnlich denn burlesk ausfallen. Nichtsdestoweniger stellt sich beim Lesen eine – von ­Barthes in seinem gleichnamigen Buch beschworene – »Lust am Text« ein. Es handelt sich bei Binets Werk zwar mitnichten um einen modernistischen Roman, wie er unter Poststrukturalisten bevorzugt würde, dazu sind die Handlung und auch der Stil, aller narrativen Kniffe zum Trotz, viel zu klassisch, um nicht zu sagen: ­konventionell. Dessen ungeachtet kann die Leserin oder der Leser ­genüsslich Binets lustvollem Zeichentreiben folgen.

Barthes’ Ansatz zur Literaturbetrachtung stellte, viel stärker als dies bei seinen französischen Kolleginnen und Kollegen – sei es nun Kristeva oder Derrida – der Fall ist, den Rezipienten und dessen Produktivität bei der Lektüre in den Mittelpunkt. Dass Binet nun ein mächtiges, interpre­tationsbedürftiges Manuskript als Movens seines Krimis und als Motiv für Barthes’ Ermordung einsetzt, spielt auf gleich mehreren Ebenen auf die Theorien des Literatur­wissenschaftlers an, textintern wie -extern. Insofern ist der Roman auch als eine derbe, aber durchaus liebevolle Hommage an den ewigen Zeichenjäger Roland Barthes zu ­verstehen.

 

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion. Aus dem Französischen von Kristian ­Wachinger. Rowohlt, Reinbek 2017, 524 Seiten, 22,95 Euro