Das kolumbianischen Filmfestival »Filmouflage«

Zu Hause im Konflikt

Das in Berlin stattfindende Festival »Filmouflage« mischt sich mit audiovisuellen Arbeiten aus Kolumbien in den Friedensprozess ein.

Film, fallen den meisten Leuten vor allem Filme über statt aus Kolumbien ein – etwa die erfolgreiche Netflix-Serie »Narcos« oder der US-amerikanische Spielfilm »Blow«. Diese international erfolgreichen Produktionen assoziieren Kolumbien einzig mit den Machenschaften des wohl bekanntesten Drogenhändlers der Welt, Pablo Escobar. Das derzeit in Berlin stattfindende Festival für audiovisuelle Produktionen »Filmouflage« will dagegen neue Perspektiven eröffnen und zeigt die Arbeiten kolumbianischer Künstler und Regisseure.

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Material gibt es genug, auch weil sich in den vergangenen Jahren eine vielfältige Filmszene in Kolumbien entwickelt hat. Filme wie »Der Schamane und die Schlange«, der 2016 unter anderem in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde, sind Ausdruck dieser Entwicklung. Das südamerikanische Land befindet sich im Umbruch. Das Festival widmet sich in seiner fünften Ausgabe passenderweise vor allem der Erinnerungsarbeit und dem Friedensprozess in Kolumbien. Nach mehr als 50 Jahren bewaffneter Auseinandersetzung unterzeichneten Vertreter der kolumbianischen Regierung und der Bewaffneten Revolutionären Streitkräfte (Farc), der zu diesem Zeitpunkt größten und ältesten Guerillagruppe Lateinamerikas, vor knapp einem Jahr einen langersehnten Friedensvertrag.

»Ich glaube, durch den Friedensprozess hat sich die Perspektive im kolumbianischen Kino etwas verschoben«, sagt Elizabeth Gallón, eine der Kuratorinnen. Als man sich in Kolumbien kaum sicher bewegen konnte, seien nur wenige Filmemacher in die entlegenen Ecken des Landes gegangen. Doch mittlerweile sei das Bedürfnis der Filmschaffenden größer geworden, den eigenen Horizont zu erweitern und das urbane Milieu zu verlassen. Die Perspektive jener Menschen, die nach wie vor von Gewalt betroffen sind, werde stärker berücksichtigt. Die urbane Mittelschicht wolle nicht mehr nur über diese Menschen reden, sondern mit ihnen. »Die Filmemacher trauen sich jetzt, auch die Perspektive der ehemaligen Guerillakämpfer zu zeigen«, sagt Gallón. Doch auch wenn sich der Blickwinkel geändert habe, seien die zentralen Themen des kolumbianischen Films dieselben geblieben, weil auch die alten Probleme fortbestehen.

Das Festival widmet sich dieses Jahr vor allem den weiblichen Perspektiven auf den Konflikt. »Wir haben uns gefragt: Was passiert eigentlich mit den Frauen?«, sagt Gallón. »Welche Rolle spielen beispielsweise die Mütter, wenn ihre Söhne in den Krieg ziehen? Oder wenn die Frauen selbst in den Konflikt eintreten?« Daneben thematisieren viele der Filme des Programms auch die Themen Vertreibung und Binnenflucht. Besonderes Augenmerk liegt auf der Frage: Was ist eigentlich das Zuhause? »Wir leben selbst in einem Zustand, in dem unser Zuhause gleichzeitig Deutschland und Kolumbien ist«, beschreibt Gallón die Motivation des Festivalteams. »Deswegen wollten wir uns auch damit auseinandersetzen, was Migration und Fluchterfahrungen mit der eigenen Identität machen.« Die ausgewählten Filme sollen genaue Einblicke in die Erfahrungswelt der Protagonisten geben: Was macht die Binnenflucht mit einer Familie? Welche Rolle spielen die Orte, die zurückgelassen werden, im weiteren Leben? Und welche die neuen Orte, an denen die Menschen ankommen?

Seit 2000 hat sich die Sicherheitslage in Kolumbien deutlich verbessert. Auch deshalb gehen immer mehr Filmemacher in abgelegene Teile des Landes, um die bislang marginalisierte Landbevölkerung ins Bild zu rücken. Dabei hilft auch der technische Fortschritt: Durch die Digitalisierung ist es deutlich einfacher und günstiger geworden, Filme zu drehen. Außerdem werden nun auch vermehrt Filmseminare in den bislang vernachlässigten Landesteilen angeboten. Die von der Gewalt und dem Konflikt betroffenen Menschen sollen auf diese Art selbst zu Wort kommen, die Stimmen hörbar gemacht werden, die sonst untergehen.

»Wir wollten die Themen auf einer persönlichen, emotionalen Ebene ansprechen«, so Gallón, »damit der Konflikt und auch der Friedensprozess für die Menschen hier nicht mehr so weit entfernt ist.« Das Publikum solle sich in den persönlichen Geschichten selbst erkennen und dadurch einen anderen Zugang zu Kolumbien erhalten.
Dafür haben die Festivalorganisatoren eine Reihe Filme ausgesucht, die sich mit den Ursprüngen und den individuellen Auswirkungen des Konflikts auseinandersetzen. Den Anfang machte der international beachtete Film »Pizarro« von Simón Hernández, der die Geschichte der Tochter von Carlos Pizarro Leongómez erzählt. Dieser war Anwalt und Anführer der Guerrillagruppe M19 und eine wesentliche Figur im Friedensprozess mit der Guerilla Ende der achtziger Jahre. Nach deren Entwaffnung und Umwandlung in eine politische Organisation kandidierte Pizarro als Präsidentschaftskandidat für die neu entstandene Partei. Im April 1990 wurde er auf einem Inlandsflug ermordet. Der Film begleitet die Tochter María José, die im Exil in Portugal lebt, auf der Suche nach den Antworten auf die Frage, wer ihren Vater ermordet hat.

Die Geschichte von Pizarro und M19 weist deutliche Parallelen zum Friedensprozess mit der Farc auf. Zurzeit befürchten die entwaffneten ehemaligen Rebellen ebenfalls, Opfer hinterhältiger Attentate zu werden. Allein in den vergangenen zwei Jahren wurden mehr als 160 Menschenrechtler und Friedensaktivisten ermordet sowie mindestens acht ehemalige Guerillakämpfer oder Angehörige von Guerillakämpfern.

Weitere Filme widmen sich den Ursachen des Konflikts. Im Programm »Memoria« (Erinnerung), das am heutigen Donnerstag gezeigt wird, läuft unter anderem der Film »Esta fue mi vereda« (Das war mein Dorf) von 1956. »Das ist einer der ersten Filme, die überhaupt in Kolumbien gedreht wurden«, erzählt Gallón. Die Dokumentation beleuchtet die Konflikte zwischen liberalen und konservativen Gruppen, die in den sechziger Jahren in der Gründung der Farc und der Entstehung des bewaffneten Konflikts gipfeln sollten. »Mit dem Film wollen wir zeigen, wie tief die Ursachen des Konflikts liegen«, so die Kuratorin. Im selben Programm läuft der Film »La Ley del Monte« (Das Gesetz des Berges) von 1989. Die Dokumentation begleitet illegale Siedler in der Region um den Amazonas, die vor der Gewalt geflüchtet sind. Um zu überleben, sind sie gezwungen, Koka unter der Kontrolle der Farc anzubauen.
Ebenfalls am Donnerstag ist der Dokumentarfilm »Crónicas Desarmadas« (Chronik einer Entwaffnung) zu sehen. Das Medienprojekt erzählt die Entwaffnung der Farc-Guerilla aus acht unterschiedlichen Perspektiven. Die Nasa-Indigenen im Amazonas kommen ebenso zu Wort wie ehemalige Farc-Kämpfer in der Pazifikregion. So beschreibt etwa die Guerillakämpferin Mireya, wie sie zur Farc gekommen ist und welche Träume und Wünsche sie für die Zeit nach dem Ende des Konflikts hat. »Wir sind sehr froh, mit dem Film verschiedene Blickwinkel auf diese für Kolumbien so wichtige Zeit zeigen zu können«, sagt Gallón. »Wir wollen den Friedensprozess kontextualisieren und gleichzeitig zeigen, dass jetzt nicht automatisch Frieden herrscht.« Dadurch sollen auch die Informationen, die normalerweise aus Kolumbien in die internationalen Medien gelangen, kontrastiert und ergänzt werden.

Am Freitag sind verschiedene Kurzfilmprogramme zu sehen, die sich um Themen wie Musik und Gender drehen. Den Abschluss bildet am Samstag der Film »Home – The Country of Illusion« von Josephine Landertinger, die ihre Mutter bei der Suche nach ihrem Zuhause begleitet.

Das Thema Migration, das sich wie ein roter Faden durch das Filmprogramm zieht, ist auch außerhalb von Kolumbien relevant. So können die Filme zu einer Art Blaupause verschiedenster Erfahrungen werden, die mit freiwilliger oder erzwungener Migration zusammenhängen – und sind dabei gerade für Menschen interessant, die Migrationserfahrungen gemacht haben.

Das Festival »Filmouflage – Somos« findet noch bis Samstag im Kino Moviemento in Berlin-Kreuzberg statt. Ergänzt wird es durch eine Ausstellung zu lateinamerikanischen Fanzines.