Ein Lob des generischen Maskulinums

Damen, Herren, Kakapos

Kolumne Von

BNFGrundsätzlich möchte man ja nicht gerne in eine Schublade gesteckt, sondern am liebsten immer mit seinem Namen angeredet werden. Ein Privileg, das wohl nur Kakapos haben. Die neuseeländischen Eulenpapageien können zwar nicht fliegen und sind auch sonst eher Pechvögel, haben aber alle einen eigenen Namen: englische wie Alice, Robbie und Joe oder Māori-Namen wie Awarua oder Tuterangi. Es gibt eine Wikipedia-Liste sämtlicher lebender Kakapos – es sind 154.
Das wäre für Menschen selbstverständlich undenkbar, eine Liste, auf der wir alle mit Namen draufstehen. Einfach schon, weil wir zu viele sind. Uns muss man schon mal als Gruppe ansprechen, liebe Leserinnen und Leser, etwa so, auch wenn uns das nicht passt.
Und jetzt: das »dritte Geschlecht«! Hurra! Eine große Sache ist das, die Anerkennung der Intersexualität. Trotz Trump, IS und AfD. Emanzipatorische Fortschritte sind in einem Zeitalter der Reaktion umso erquicklicher. Allerdings stellt sich die Frage, ob dies alles wirklich so fortschrittlich gemeint war, wie es ist. Wird doch daraus, obwohl es ja ein Zeichen gegen Rollenzuschreibungen und Genderschubladen sein könnte, sofort wieder ein identitäres Brimborium. Nicht um Geschlechtsneutralität scheint es zu gehen, nein, jetzt müsse auch eine dritte Toilette her, ein drittes dies, ein drittes das, jetzt müssten auch Anreden wie »Sehr geehrte Damen und Herren« ergänzt werden durch ein weiteres Was-auch-immer. Angeblich, weil sich Intersexuelle nicht angesprochen fühlen. Kann ich verstehen – ich auch nicht. Wer möchte schon im 21. Jahrhundert als »Dame« oder »Herr« angeredet werden, wer möchte die Hartz-IV-Sachbearbeiterin oder den Kundenbetreuer der Telekom »sehr ehren«? Als ob solche Höflichkeitsfloskeln noch auf ein Geschlecht hinweisen sollten. Wollte man das, würde man sagen: »Sehr geehrte Frauen und Männer«, das sagt man aber eben nicht. Und künftig? »Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Sonderlinge«? Tatsächlich würde die Ergänzung durch eine »dritte Option« diese komplett sinnentleerte Floskel erst wieder geschlechtlich aufladen. Es ist das grundsätzliche Dilemma der gendersensiblen Sprache. Sensibilität ist eben nicht dasselbe wie Dekonstruktion. Vielleicht sogar das Gegenteil. Letztlich stellt sich die Frage, ob die deutsche Sprache jemals wieder so geschlechtsneutral werden kann wie zu Zeiten des generischen Maskulinums.
Inter- und Transsexualität sind auch im übrigen Tierreich keine Seltenheit, sondern ganz, ja, natürlich. Kakapos allerdings mögen zwar echt schräge Vögel sein, doch sind sie entweder Weibchen (73) oder Männchen (81). Aber am Ende ist das bei ihnen egal. Denn wir können sie alle persönlich mit Namen anreden. Und das ist doch ohnehin am schönsten.

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