Die Türkei in den Sechzigern und Siebzigern: zwischen Militärputschen und Studentenprotesten

»Imagine« auf Türkisch

Der Militärputsch von 1960 in der Türkei war eine Reaktion auf Proteste gegen die autoritäre Regierung unter Adnan Menderes. Mit dem Putsch begann eine widersprüchliche Entwicklung, die die Gesellschaft immer noch prägt.

Die Türkei war in den Sechzigern das Transitland für Reisende, die auf dem Landweg nach Nepal oder Indien fuhren. Istanbul galt als Pforte zum geheimnisvollen Osten. Zu dieser Wahrnehmung trug bei, dass die Türkei in den Sechzigern ungefähr 80 Prozent des international legal vertriebenen und für medizinische Zwecke verwendeten Opiums produzierte und Umschlagplatz für alle Arten von Drogen war, die die Hippies schätzten. Das historisches Viertel Sultanahmet bot mit seinen vielen billigen Jugendherbergen und dem legendären »Pudding Shop« an der Hagia Sophia die passende Infrastruktur, um Blumenkinder aus der ganzen Welt anzulocken. Diese frühen Alternativtouristen bekamen zumeist wenig von den innenpolitischen Spannungen mit, die das Land zu zerreißen drohten. Eine türkische Zeitungsmeldung aus dieser Zeit spiegelt die gesellschaftlichen Konflikte auf amüsante Weise. Dort heißt es: »Vor einem Jahr haben unbekannte Subjekte versucht, die Büste unserer Nationalheldin Halide Edip Adıvar in die Luft zu sprengen. Zwei ausländische Touristinnen haben sie nun unaufgefordert blitzblank geputzt«. Die Überschrift zu der Meldung: »Sie sind zwar äußerlich schmutzig, aber die Herzen dieser zwei Hippiemädchen sind rein.« Mit der eigenen Jugend gingen die Ordnungshüter weniger nachsichtig um. Linken Demonstranten, die oft lange Haare trugen, wurden bei Festnahmen erst einmal der Kopf geschoren.

 

Anzeige

Die Wut über den Vietnamkrieg, das Engagement für eine Erneuerung der Universitäten und die Hoffnung auf soziale Reformen teilten die Studentinnen und Studenten in der Türkei mit ihren Kommilitonen in San Francisco, Paris und Berlin.

 

Wie im Westen

Politisch wurden die Sechziger und Siebziger in der Türkei von zwei Militärputschen (1960 und 1971) geprägt. Dabei unterschied sich die vor allem von der studentischen Jugend getragene Protestbewegung wenig von der im Westen: Die Wut über den Vietnamkrieg, das Engagement für eine Erneuerung der Universitäten, die Hoffnung auf soziale Reformen und ein freieres Leben teilten die Studentinnen und Studenten in der Türkei mit ihren Kommilitonen in San Francisco, Paris und Berlin. Der 1955 geborene Schriftsteller Murathan Mungan beschreibt das Gefühl dieser Dekade so: »Kompakte 45 rpm, 45 endgültiges Kaliber, eine Musiksingle wie ein Revolver, sie hieß ›Imagine‹.«

Der erste Staatsstreich in der türkischen Republik ereignete sich 1960 in einer Zeit wachsender Spannungen zwischen der türkischen Regierung und der Opposition. Die regierende Demokratische Partei, angeführt von Ministerpräsident Adnan Menderes und Präsident Celâl Bayar, begann, einige der strengsten Regeln der Ära Atatürks gegen die Religion zu lockern: Tausende von Moscheen wurden wiedereröffnet oder neu gebaut, Religionsschulen wurden eingerichtet. Zugleich erließ die Regierung restriktive Pressegesetze und zensierte kritische Zeitungen. Gesellschaftliche Konflikte veranlassten die Regierung Menderes Anfang 1960 dazu, das Kriegsrecht zu verhängen. An den Universitäten kam es zu Großdemonstrationen. Die Armee griff ein und stürzte die Regierung am 27. Mai; der Präsident, der Ministerpräsident und mehrere Kabinettsmitglieder wurden verhaftet und wegen Landesverrats und anderer Vergehen angeklagt. Menderes wurde hingerichtet. General Cemal Gürsel übernahm den Posten des Präsidenten und des Ministerpräsidenten und herrschte bis 1966. Die Hinrichtung der abgesetzten politischen Führung und die gleichzeitige Inkraftsetzung der liberalsten Verfassung, die die Türkei jemals hatte, markieren die Widersprüche des »Putsches von links«, wie er in die politische Literatur einging.

Ein Gutteil der Protestbewegten war nationalistisch eingestellt. Eliteuniversitäten wie die Middle Eastern Technical University in Ankara und die Bosporus-Universität in Istanbul standen unter starkem US-amerikanischen Einfluss und provozierten zugleich Teile der nach liberalen Prinzipien dort ausgebildeten Elite dazu, die politischen Machtverhältnisse zu hinterfragen. Die »Föderation der ideenbildenden Clubs« (Fikir Kulübü) organisierte zwischen 1967 und 1971 immer wieder Proteste gegen die Präsenz der US-Marine in der Türkei. Mit dem Schlachtruf »Freunde, der zweite Nationale Befreiungskrieg hat begonnen!« stürzten sich etwa Studenten der Middle Eastern Technical University 1967 auf die gepanzerte Limousine des US-Botschafters und steckten sie schließlich in Brand. Am rechten Rand entstanden wiederum Jugendvereinigungen zur Bekämpfung des Kommunismus in der Türkei.

 

Liebe, Poesie und Frieden und Türkisch

Die Auswirkungen der Präsenz US-amerikanischen Militärs an der Grenze zum sowjetischen Ostblock und die Machenschaften sowohl westlicher als auch osteuropäischer Geheimdienste beschreibt die Schriftstellerin und Übersetzerin Maureen Freely in ihrem Roman »Enlightenment« (2008). Die Autorin, die ihre Jugendzeit in den sechziger Jahren in Istanbul erlebte, erzählt in ihrem Roman die Geschichte der US-amerikanerin M. und ihrer Jugendliebe Sinan Sinanoğlu und verbindet die Liebesgeschichte mit der des Mordes an einem Dozenten der US-amerikanischen Bosporus-Universität kurz vor dem Militärputsch 1971. Die Geschichte führt den Leser in ein Labyrinth der Täuschungen und des Verrats. M. versucht herauszufinden, warum der US-amerikanische Hochschullehrer Dutch Harding damals verschwand. Hat ihr damaliger Liebhaber Sinan Sinanoğlu ihn zusammen mit anderen linken Kommilitonen ermordet? Wurde er von seinem Onkel, einem dubiosen Geheimdienstler mit Verbindungen sowohl zur CIA als auch zur ultranationalistischen türkischen Mafia, angestiftet, um dem späteren Militärputsch einen Vorwand zu liefern? War Harding ein Spion der Stasi, der die Studenten an der Bosporus-Universität mit kommunistischer Propaganda infiltrieren sollte? Und wer ist der investigative Journalist Jason, der Korrespondent einer einflussreichen liberalen amerikanischen Tageszeitung, der M. mit widersprüchlichen Informationen verwirrt? Der Roman lebt von Perspektivwechseln und verweigert sich einer linearen Auflösung der verschiedenen Plots. Doch gerade dadurch entsteht ein eindrückliches Bild der Auswirkungen internationaler Machtpolitik auf Länder wie die Türkei.

Nur am Rande streift der Roman allerdings, dass am Bosporus schon immer wie verrückt gefeiert wurde und eine schräge, unverwechselbare Musik- und Kulturszene diese Widersprüche immer erträglich gemacht habt. Schon zur Wende zum 20. Jahrhundert galt Istanbul als Paris des Nahen Ostens und avancierte nach Ende des Ersten Weltkrieges zu einem Treffpunkt internationaler Jazz-Musiker. In den Sechzigern entstand der anatolische Pop; spätere Superstars wie Barış Manço und die auch international erfolgreiche Band Moğollar fusionierten lokale und internationale Spielweisen und benutzten Türkisch als Liedsprache.

Während die Studenten Kundgebungen in östlichen Provinzen abhielten, um die anatolischen Bauern und Arbeiter zu mobilisieren, reisten die Musiker mit dem Ostexpress von Istanbul nach Diyarbakır, gaben Konzerte und sangen ihre Lieder auf Türkisch. Wie damals nahezu überall auf der Welt handelten diese Lieder von Freiheit, Liebe, Poesie und Frieden.