Gastbeitrag von Leo Fischer, der diese Woche wie Thomas Schmid klingt, ehemaliger Chefredakteur der »Welt« und Ex-Sponti

Revolution oder Karriere

Gastbeitrag Von

Wenn ich heute auf ’68 zurückblicke, geschieht das immer mit einer Träne im Funkloch. Wir waren so jung, so naiv! Wir glaubten tatsächlich, dass wir mit einem konsequenten Marsch durch die Institutionen irgendwann an den Schlüsselstellen von Politik und Medien sitzen könnten. Stattdessen sind wir bei der Welt gelandet, einem alternativen Zeitungsprojekt, das nur durch die solidarischen Zuwendungen prominenter Leser (beziehungsweise Schreiber) am Leben erhalten werden kann. So hatten wir uns das damals nicht vorgestellt!

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Nein, gerade auch den jungen Leuten möchte ich von einem zweiten ’68 abraten. Erstens wäre das dann 136 und damit schon numerisch »Käse« (Daniel-Pascal Zorn, Faschismusforscher). Zweitens waren damals die Bedingungen völlig andere. Immerhin gab es noch eine Sowjetunion, die notfalls wieder einmarschiert wäre, um uns aus dem Gröbsten rauszuhauen. Und schließlich gibt es heute die langen Studienzeiten nicht mehr, die so etwas wie Studierendenproteste überhaupt erst möglich gemacht haben. Heute kann man nur eines haben: Revolution oder Karriere. Bei unserer Generation fiel das noch zusammen.
Und will man da wirklich hin, wo die Achtundsechziger hin sind? In eine ökologisierte, müslimampfende Mittelschicht maßloser Muttersöhnchen? Die die sexuelle Befreiung durch Rotwein ersetzt haben und das Wohnprojekt durch die Villa in der Toskana? Ja gut, dort bin ich jetzt auch. Aber was ich vemeiden will, ist, dass andere mein Erfolgsrezept kopieren. Das geht auf keinen Fall.

Nein, nie wieder dürfen Radikale versuchen, durch Entrismus in die Mitte der Gesellschaft vorzurücken. Außer natürlich, es handelt sich um die FPÖ, das ist natürlich etwas völlig anderes. Wie ich schon vor ein paar Tagen schrieb, sollten wir den Sieg der FPÖ mit nüchternem Blick sehen. Ja, natürlich, sämtliche Sicherheitsbehörden in Österreich sind jetzt in der Hand von Rechtsradikalen. Aber seien wir ehrlich: So werden sie eben nur von ihresgleichen regiert. Was sollte denn auch ein Grüner als Innenminister erreichen außer das Misstrauen der Kameraden, pardon, Beamten? Wenn wir aus ’68 eines gelernt haben, dann, dass gleich zu gleich gehört, dass sich Linke nicht eines Staats bemächtigen sollen, an dem sie, mit Verlaub, eh kein Interesse haben.

Mit freundlichen Grüßen,

Thomas Schmid (derzeit Siena)