Achtundsechziger an der Schule

Sechs und acht

Klassenkampf Von

KK

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Der Schriftsteller J. D. Salinger hat dies einst unter einen fiktiven Brief geschrieben: with love and squalor, mit Liebe und Unrat. Das trifft ganz gut mein Gefühl gegenüber einer Handvoll Menschen an meiner Schule, die man als Achtundsechziger bezeichnen kann – gerade noch. Menschen, die immer noch diesen Geist durch die Schule tragen, einen oft empörten und immer diskussionsfreudigen Geist, der Tee aus mitgebrachten Thermoskannen trinkt, ein wenig nach Bioladen und existentieller Enttäuschung riecht und gerne buntbedruckte Halstücher trägt. Von diesen Leuten raucht keiner mehr und ich glaube nicht, dass sie noch kiffen. Das überlassen sie den jungen Kolleginnen und Kollegen, die das ja irgendwie alles zusammenkriegen: jung heiraten, auf jeden Fall Kinder kriegen, engagiert arbeiten, sich ein übergeordnetes Lebensziel auf den Arm tätowieren und ganz liberal mit dem Joint in der Hand auf der Weihnachtsfeier in der Schule rumhängen, am Wochenende vielleicht mal härtere Drogen nehmen, aber halt so, dass man Montag weitermachen kann.

Die meisten Achtundsechziger an meiner Schule können das unbedingte frühe Heiraten nicht verstehen, Kinder haben aber in der Regel auch sie bekommen, das mit den Drogen kriegen sie, glaube ich, nicht mit. Sie sind diejenigen ihrer Generation, die etwas Vernünftiges zu Ende studiert, die offenbar nicht ihre Abiturzeugnisse verbrannt haben, die vielleicht aus Idealismus Lehrerinnen geworden sind, die vielleicht Dinge falsch fanden am Staat und am Schulsystem, aber nicht nein zur Verbeamtung gesagt haben. Es sind Menschen, die trotzdem schon einmal gestreikt haben und davon auch ganz gerne erzählen. Es sind diejenigen, die bewirken, dass Gesamtkonferenzen länger dauern, weil sie immer noch ein Problem sehen und darüber reden wollen. Die das Wort »Querulantin« nicht als negativ begreifen. Die, die es schlimm finden, dass die Schülerinnen und die jungen Kollegen nicht kritischer und widerständiger sind, die, die tatsächlich mehrheitlich in renovierten geilen Altbauwohnungen wohnen und manchmal ein Jahr freimachen zwecks Selbstfindung, die Kinder sind ja schon aus dem Haus und die Wohnung ist ab­bezahlt.

Einige, aber – hurra! – nicht alle von ihnen, freuen sich, wenn sie feststellen, dass es mit Israel einen Staat in der Welt gibt, dem unsere Schülerschaft durchaus kritisch gegenübersteht. Es sind die, die uns, als wir mal streiken wollten und vorher zusammensaßen und überlegten, wie man das so machen kann, dass möglichst wenig Unterricht ausfällt, daran erinnert haben, dass das eigentlich nicht der Sinn eines Streiks sei. Das hatten wir nämlich echt kurz vergessen. Es sind die nahezu einzigen Lehrerinnen, mit denen ich schon über Politik gestritten habe, weil sie nicht jede denkbare Position irgendwie berechtigt finden. Es sind die, die bald nicht mehr da sein werden und dann werde ich an sie denken: mit Liebe und Unrat.