Der Frühling kommt

Frühlingsträume

Klassenkampf Von

KKIhr da, ihr anderen Menschen in Berlin: Guckt mal aus dem Fenster, so gegen halb fünf Uhr nachmittags. Merkt ihr’s? Da, da: Es ist noch hell, jedenfalls noch ein bisschen. In meinem Kopf zwitschern bereits die Vögel, putzige Häschen ­halten riesige Pinsel in den kleinen Pfötchen und bemalen Eier in Vogelnestern aus Plastikgras, Igel schnuppern an gelben Frühlingsblumen und eine ­weiche Brise streicht durch die frischen, grünen Blätter von Bäumen, auf denen die Strahlen einer milden Frühlingssonne tanzen. In meinem Kopf. Er ist ein bisschen krank, mein Kopf. Tatsächlich ist ja alles anders, tatsächlich gibt es Sturmwarnungen und Niesel­regen, Matsch auf den Straßen, verspätete Busse und Halsentzündungen und Zwielicht und kahle Bäume; tatsächlich ist es Januar in Berlin, eine Kombination von Zeit und Raum, die von dem dafür zuständigen Amt un­bedingt als letztgültige Widerlegung der Existenz eines vernünftigen Gottes anerkannt werden sollte.

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Trotzdem, ein klein wenig, ein ganzklein wenig kann man den Frühling schon spüren. Wenn man an einer Schule arbeitet, bemerkt man sein Nahen schon daran, dass die Zehntklässler und die Abiturientinnen beginnen, nervös zu werden. Mit in leichter Panik geweiteten Augen starren sie auf die nahenden Daten ihrer jeweiligen Abschlussprüfungen und versuchen zu retten, was halt noch zu retten ist. Einer meiner Zehntklässler hat letztens überrascht herausgefunden, dass es hinten im Englischbuch, das wir seit vier Jahren benutzen, einen sehr nützlichen Vokabelteil gibt, den man zum Lernen von Wörtern benutzen kann, und vorletzte Woche fragte mich einer der ­Abiturienten, ob ich ihm ein Buch empfehlen könne, er habe beschlossen, ­eines zu lesen. Beide Geschichten sind tatsächlich ähnlich verrückt, wenn man den Abiturienten kennt.

Vor allem aber träumen sie. Sie träumen von den Prüfungen, von versäumten, verschobenen und verhinderten Prüfungen, von Bränden und selt­samen Tieren und gemein lachenden Lehrerinnen, von Scham und Triumph, von riesigen, palastartigen Prüfungsräumen und Prüfungsaufgaben, die zu Heften der Dicke eines Telefonbuches gebündelt sind. Ich kann das verstehen, ich träume schließlich auch dauernd von der Schule, und einer meiner Lieblingsträume beschäftigte sich mit dem Mittleren Schulabschluss. In diesem Traum musste ich, als ich morgens die Unterlagen für die Englischprüfung abholte, bestürzt feststellen, dass diese in französischer Sprache gehalten waren. Die Sekretärin erklärte mir freundlich lächelnd, dass das mit voller Absicht so sei, die zuständige ­Behörde wolle so die Flexibilität der Schülerinnen und Schüler überprüfen, schließlich müssten diese auch später auf dem Arbeitsmarkt in der Lage sein, sich schnell an unerwartete Situationen anzupassen. Der Traum ist Jahre alt, aber ich mag ihn immer noch, weil er so wunderbar ehrlich ist.