Tanzende Pilotenschüler sorgen in Russland für Aufsehen

Homoerotik in Uniform

In Russland sorgte ein Tanzvideo von Pilotenschülern für Furore.

Die große Solidarität überraschte. Mitte Januar sorgten russische Pilotenanwärter mit einem Videoclip für Furore, der trotz oder vielleicht gerade wegen seiner homoerotischen Anspielungen blitzschnell im Netz Verbreitung fand. Ihre bereits im Oktober 2017 entstandene Parodie auf einen 15 Jahre alten Tanzhit des italienischen DJ Benny Benassi mit dem Titel »Satisfaction« war gar nicht für eine breite Öffentlichkeit gedacht gewesen. Doch das Video fand über das soziale Netzwerk V-Kontakte Verbreitung. Im Originalclip hantieren Frauen in lasziven Posen mit Elektrobohrern und anderem Werkzeug. 14 männliche Studierende im ersten Semester am Uljanowsker Institut für zivile Luftfahrt griffen für ihre Version des Musikvideos zu Schaufel und Besen, Bügeleisen, Putzmitteln und anderen Gegenständen, die in einem Wohnheim zu finden sind. Die Tänzer trugen nur Stiefel, Unterhosen und Schirmmützen mit Krawatte als Teil ihrer Uniform. Das Video endet mit einer ekstatischen Tanzszene im Waschraum.

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Der Hype um die Uljanowsker bot die Gelegenheit, ein dankbares und breites Publikum für nicht immer anspruchsvolle Tanzdarbietungen zu finden oder sich selbstbewusst im eigenen professionellen Ambiente zu präsentieren.

 

Sergej Krasnow hat wohl andere künstlerisch-ästhetische Vorlieben. Der Institutsrektor bezeichnete den Auftritt der Pilotenanwärter als »unverzeihlich« und forderte ein hartes Durchgreifen gegen die halbnackten Tänzer, die sich an einem Heiligtum vergriffen hätten. Er scheute nicht den Vergleich mit der Punkband »Pussy Riot«, die mit ihrem Auftritt in einer Kirche im März 2012 in Russland für einen Eklat gesorgt hatte. Die Flugschule sei schließlich ein Wissenschaftstempel, der den Weg ins Leben vorgebe, so Krasnow. Als größtes Vergehen der Flugschüler galt ihm nicht der Tanzstil, auch wenn dieser ihm nicht zusagte. Vielmehr werde die Zivilluftfahrt durch das Tragen der Uniformmützen bei dem Tanz verunglimpft. Prompt kündigte die Luftfahrtbehörde eine eingehende Prüfung des Falls an, während die Staatsanwaltschaft schnell zu dem Schluss kam, dass keine Gründe für eine Exmatrikulation der Flugschüler vorlägen. Die pädagogische Begleitung ließe hingegen zu wünschen übrig. Krasnow musste einen Verweis einstecken.

Noch bevor etliche Fernsehsender ihre Talkshows sendeten, in denen allen Ernstes über die Frage diskutiert wurde, ob solch halbnackte Spaßeinlagen zulässig seien, waren bereits Dutzende Solidaritätsvideos im Netz. Quer durch alle Altersgruppen und Berufssparten kopierten Nachahmer das Originalvideo oder parodierten wiederum das Video aus Uljanowsk. Zukünftige Beschäftigte in der Agrarindustrie und im Katastrophenschutz, Bauingenieursstudenten, Biathlon-Sportlerinnen, Stripteasetänzerinnen, Textilarbeiterinnen, Reitschüler und Rentnerinnen – sie alle demonstrierten deutlich, dass sie von Prüderie wenig halten und den dumpfen Konservatismus des Machtapparats nicht unterstützen. Die Performance der Uljanowsker lief sogar in voller Länge zu besten Sendezeiten im Fernsehen.

Im Unterschied zu den ersten Videoclips entwickelten die erst später gedrehten eine neue Dynamik, weg von der reinen Solidaritätsbekundung. Der Hype um die Uljanowsker bot die Gelegenheit, ein dankbares und breites Publikum für nicht immer anspruchsvolle Tanzdarbietungen zu finden oder sich selbstbewusst im eigenen professionellen Ambiente zu präsentieren. So viel positive Ausstrahlung überdeckt die von Negativschlagzeilen dominierte Alltagsrealität nur selten. Wohl nicht zuletzt aufgrund des enormen Zuspruchs wich die anfangs harsch vorgetragene Kritik an den Flugschülern in vielen Medien immer mehr altväterlichem Wohlwollen und Nachsicht. Eine Fernsehmoderatorin des Kanals Rossija 1 brachte es auf den Punkt: »Wir leben doch in einem freien und demokratischen Land. Wie wir tanzen wollen, so tanzen wir auch.«

Aber der Spaß darf nicht zu weit gehen. Nicht jedenfalls, wenn der große Josef Stalin der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Zwei Tage vor der Premiere der britisch-französischen Komödie »The Death of Stalin« erwirkten Angehörige eines öffentlichen Beirats des russischen Kulturministeriums die Rücknahme der bereits erteilten Verleihlizenz.