Ägypten ist ein gefährliches Land für Frauen

Auf offener Straße

Sucht man nach einer guten neuen Idee oder einer spannenden Debatte zum Thema Feminismus in der arabischen Welt, landet man oft in Ägypten. Die ägyptischen Feministinnen sind wie eh und je weit vorne. Derzeit aber sieht es für die Frauenrechte in ihrem Land düster aus. Im öffentlichen Raum kommt es immer wieder zu Angriffen auf Frauen.

Im Februar rief die Ägypterin Mona Eltahawy die Kampagne #MosqueMeToo ins Leben. Sie forderte muslimische Frauen auf, sexuelle Belästigung an sakralen Orten über Twitter publik zu machen. Sie selbst war im Alter von 15 Jahren während einer Pilgerreise in Mekka belästigt worden. Eltahawy wollte die #MeToo-Debatte erweitern, die sie als sehr »weiß dominiert« beschreibt. Zwar hatten unter dem Hashtag auch Frauen die Übergriffe des Islamgurus Tariq Ramadan geschildert, aber die verhaltenen bis feindseligen Reaktionen einiger US-amerikanischer Feministinnen zeigten deutlich, dass unter #MeToo kein Platz für Musliminnen war.

Anzeige

Eltahawy erweiterte die #MeToo-Idee. Unter dem Hashtag #Ibeatmyassaulter (Ich schlage meinen Angreifer) veröffentlichte sie ein Video, in dem sie einen Angreifer verprügelte. Über das Zusammenschlagen übergriffiger Menschen kann man geteilter Meinung sein; fraglos durchbrach sie mit dem Ansatz jedoch das Verharren im Opfersein.

Eltahawy lebt nicht in Ägypten, sondern in den USA. Dahin können viele der aktivsten Feministinnen Ägyptens heute gar nicht mehr reisen. Sie sind mit einem Ausreiseverbot belegt. Betroffen sind insbesondere Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen, Oppositionelle, Akademiker und Medienschaffende. So auch im Fall der Frauenrechtlerin Mozn Hassan, Gründerin von »Nazra for Feminist Studies«. Seit Juni 2016 darf Hassan nicht mehr ausreisen.

Das Regime des Machthabers Abd al-Fattah al-Sisi ermittelt inzwischen gegen fast jede relevante Menschenrechtsorganisation des Landes. Die Konten von NGOs sind eingefroren, vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern droht ein Prozess, sie könnten zu bis zu 25 Jahren Haft verurteilt werden.

 

Zwei Drittel der Ägypter sind der Meinung, dass Frauen selbst schuld an Belästigungen seien, wenn sie sich provokativ anzögen.

 

Hassan arbeitet seit 2007 mit Nazra zu Gewalt gegen Frauen, erstellt Studien und organisiert Kampagnen. Nach den Massenvergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz bei den Demonstrationen nach der Revolution 2011 schuf sie eine Koordinierungsstelle für die verschiedenen Gruppen zum Schutz der Opfer. Ihre Mitarbeiterinnen unterstützen die Rechte von Frauen in Gefängnissen und beraten Politikerinnen, die für Wahlen kandidieren wollen.

Vergangene Woche gab Nazra die Schließung ihres Büros bekannt. Seit 14 Monaten sind das Konto der Organisation und Hassans Privatkonto eingefroren. Der Vorwurf lautet wie bei allen kriminalisierten Menschenrechtsorganisationen, sie hätten Geld aus dem Ausland angenommen.

Auch gegen Hossam Bahgat und seine Ägyptische Initiative für Persönlichkeitsrechte (EIPR) wird ermittelt. Der Gründer wurde im November 2015 inhaftiert und nach weltweiten Protesten wieder freigelassen. Die Initiative kämpft unter anderem gegen die Verfolgung von Homosexuellen, aber auch gemeinsam mit Nazar gegen sexuelle Gewalt. Bahgat schreibt auch als Journalist für die Onelinezeitung Mada Masr.

Täglich verschwinden Aktivistinnen und Aktivisten in Ägypten. Politische Arbeit scheint kaum mehr möglich. Auch in anderen arabischen Ländern versuchen die Machthaber, Aktivismus einzudämmen, machen aber zugleich Zugeständnisse. Davon können insbesondere Frauen profitieren, ob in Jordanien oder in Saudi-Arabien. Dort, wie auch in Tunesien und im Libanon, gab es im vergangenen Jahr entscheidende Gesetzesänderungen. Saudi-Arabien erlaubt es Frauen nun, Auto zu fahren. Libanon und Jordanien strichen das Gesetz, das Vergewaltigern die Strafe erließ, wenn sie ihr Opfer heiraten. In Tunesien wurden Frauen erstmals in einem arabischen Land vollkommen gleichgestellt, auch im Familiengesetz.

In Ägypten liegen die letzten Erfolge für Frauenrechte Jahre zurück. In der neuen Verfassung von 2014 verpflichtet sich der Staat, Frauen gegen alle Formen von Gewalt zu schützen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern; frauengeführte Haushalte werden erstmals als solche anerkannt. Auf dem Papier hat Ägypten viele Diskriminierungen deutlich früher abgeschafft als andere arabische Länder, das Heirate-Deinen-Vergewaltiger-Gesetzes schon 1999 als erstes Land der Region. Auch ein Gesetz aus dem Jahr 2014, das sexuelle Belästigung unter Strafe stellt, war ein Novum.


Es gab in den vergangenen Jahren jedoch auch Erfolge in Bezug auf den öffentlichen Raum. Eine Vielzahl von Gruppen hat sich seit 2011 intensiv mit öffentlichen Belästigungen beschäftigt. Die innovativste davon ist »Harassmap«. Auf der Online-Plattform können Frauen melden, wo sie sexuell belästigt, genötigt oder vergewaltigt wurden. Automatisch erhalten sie eine E-Mail mit einer Liste der verschiedenen Hilfsangebote und Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden. Mittels Workshops hat die Initiative inzwischen nach eigener Aussage Hunderte von Menschen ausgebildet, die in Teams durch die Straßen ziehen und mit Männern Gespräche über sexuelle Belästigung führen. Ladenbesitzer, Polizisten und Passanten werden ermutigt, dagegen einzuschreiten.

Die Frage der Intervention ist in Ägypten keine theoretische. Frauen wird auf der Straße auf Schritt und Tritt Unflätiges hinterhergerufen, einen aufdringlichen Verfolger fängt man sich oft schon bei einem kurzen Spaziergang ein und angefasst wird, wer nur ein halbes Dutzend Mal Taxi fährt und sich nicht mindestens mit einer Tasche schützt. Die Teams von Harassmap verteilen Aufkleber an Ladenbesitzer als Zeichen, das sich Frauen in Notsituationen dorthin flüchten können. Eine weitere Initiative bildet Taxifahrer weiter.

Tatsächlich berichten Frauen, die kürzlich in Ägypten waren, dass die Belästigung deutlich abgenommen habe. Doch noch immer wird den Opfern die Schuld an den Taten gegeben. Im vergangenen Frühjahr protestierten Frauengruppen, nachdem ein sexueller Angriff auf eine junge Frau zu Diskussionen über ihr Kleid geführt hatte. Sie war im besonders konservativen Zagazig, dem Herkunftsort des gestürzten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi, von dutzenden Männern eingekreist worden, die drohten, sie zu entkleiden. Sie kam von einer Hochzeit und war entsprechend angezogen – wie Kameraaufnahmen zeigen: nichts Auffälliges für eine ägyptische Hochzeit. Aber Medien und Polizei fanden erwähnenswert, dass das Kleid sehr kurz gewesen sei. Ein salafistischer Prediger fragte während einer Fernsehshow: »Trägt sie nicht eine Mitschuld? Sie verstieß gegen die Sitten in einem Arbeiterort, wo Frauen nicht so herumlaufen.« Anders als salafistische Prediger in der Vergangenheit fügte er hinzu: »Aber egal, was sie trug, die Belästiger sind die Hauptschuldigen. Selbst wenn sie nackt und betrunken gewesen wäre, verdient sie nicht, so behandelt zu werden.«

Auf eine Sensibilisierung in der Bevölkerung könnten auch die Ergebnisse der neuesten UN-Studie hindeuten. Das erste Mal wurden in einer großangelegten Studie zu Geschlechter­beziehungen in der arabischen Welt auch Männer befragt. In Bezug auf Belästigung schneidet Ägypten etwas besser ab als die Vergleichsländer Marokko und Palästina. Zwar sind zwei Drittel der Ägypter der Meinung, dass Frauen selbst schuld an Belästigungen seien, wenn sie sich provokativ anzögen – in Marokko und Palästina sind es 60 Prozent. Aber der Aussage, dass Frauen, die alleine bei Nacht unterwegs sind, Belästigung »verdienen«, stimmen nur 40 Prozent der ägyptischen, aber 63 Prozent der marokkanischen und 52 Prozent der palästinensischen Männer zu.

Einen deutlichen Unterschied gibt es auch bei der Frage, ob Frauen es mögen, belästigt zu werden. Dieser Meinung sind in Ägypten 43 Prozent der Männer, in Marokko 71 Prozent. Ein beunruhigendes Ergebnis zeigt sich bei der Gewichtung nach Alter und Geschlecht: Während Frauen mit jeder Generation mehr nach Gleichberechtigung streben, ist es bei Männern umgekehrt. Gerade junge Männer lehnen heute Frauen in Führungspositionen ab, ob als Chefin, Abgeordnete, Präsidentin oder Richterin. Ihre Großväter sehen das etwas anders.