Porträt - Der ehemalige Armeeangehörige Guillaume Ancel über die Rolle Frankreichs beim Genozid in Ruanda

Das Schweigen brechen

Kolumne Von

Man nennt die Armee in Frankreich auch la grande muette (Die große Stumme). Auch von aus dem Dienst geschiedenen Militärangehörigen wird erwartet, dass sie sich nicht politisch äußern. In den vergangenen Jahren waren es jedoch immer wieder frühere Armeeangehörige, die das Schweigen über die der Rolle Frankreichs bei einem der größten Verbrechens des 20. Jahrhunderts brachen, dem Genozid in Ruanda. Die offizielle Version Frankreichs lautete über 20 Jahre lang, man habe nur helfen wollen. Als im Juni 1994 französische Truppen in das zentralafrikanische Land entsandt wurden, in dem seit dem 7. April jenes Jahres fast eine Million Tutsi ermordet worden waren, begann die »Opération Turquoise« (Operation Türkis). Ihr offizielles Ziel war, dem zu diesem Zeitpunkt noch anhaltenden Genozid ein Ende zu setzen. Eine andere Version verbreiten Historiker und Journalistinnen seit Jahren, man liest sie aber auch in manchen französischen Zeitungen: Es sei bei dem Einsatz in Wahrheit darum gegangen, den Rückzug der Täter des Genozids in den Osten des damaligen Zaire zu decken. Denn die génocidaires waren durch den Vormarsch der von Tutsi befehligten Ruandischen Patriotischen Front (RPF), der heutigen Regierungspartei Ruandas, in Bedrängnis geraten.
Dass es um den Schutz der Täter ging, behauptete auch der 52jährige frühere französische Offizier Guillaume Ancel bereits zum 20. Jahrestag des Genozids 2014 in Interviews. Am Freitag vergangener Woche ist sein Buch »Rwanda: La fin du silence« (»Ruanda, das Ende des Schweigens«) erschienen. Ancel leitete 1994 Bodenoperationen für die Lenkung von Luftwaffeneinsätzen, 1995 schied er aus dem Armeedienst aus. In einem Interview mit dem Nachrichtenportal Jeune ­Afrique fasst er seine damaligen Beobachtungen zusammen: Sein Einsatzbefehl, den er vor Ort erhalten habe, habe nicht dem eines humanitären Einsatzes entsprochen, wie es damals in den französischen Medien dargestellt wurde. »Es ging in Wirklichkeit um eine klassische Kriegsoperation, die darauf abzielte, die wankende ruandische Regierung wieder einzusetzen. Wenn man Kampfflugzeuge und die Eliteeinheiten der schnellen Eingreiftruppe zusammenzieht, dann geht es ­selten um eine humanitäre Mission«, so Ancel. Die Zeitung Le Monde widmete nach Erscheinen des Buchs den neuen Informationen drei Doppelseiten. Ancel gibt an, wegen seiner Aussagen bedroht worden zu sein.

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