Klassenkampf - Vera fickt sie alle

Fickt das System

Kolumne Von

»Alter, ich bin mir sicher, diesmal haben wir die Bayern gefickt!« brüllt Yusuf begeistert. Er spricht nicht von Fußball, sondern von den bundesweiten Vergleichsarbeiten VERA 8. Irgendwer scheint die 8d schlimm aufgestachelt zu haben. Ich schweige weise, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass auch die Ergebnisse der 8d, einer schon fast beängstigend ehrgeizigen Klasse, sich wieder zum größten Teil im untersten Viertel des Auswertungsdiagrams bewegen werden, in dem Bereich, der nicht »Geht gar nicht, du Pfeife« heißt, sondern irgendwie anders. Yusuf wird dann schon trotzdem Bescheid wissen. Ich denke, ich zeig’s ihm einfach gar nicht, soll er doch glücklich sterben als alter Mann in dem Glauben, er habe mit 14 mal die Bayern in toto gefickt. Das Lehrerzimmer vollzieht derweil das alljährliche VERA-8-Reinigungsritual und summt und schimpft und rechtfertigt sich und hat wahlweise tolle Reformvorschläge oder die Hoffnung schon lange aufgegeben. Ein Hit im Bereich »tolle Reformvorschläge« ist seit ein paar Jahren ein Konzept, das in New York von einigen Charterschulen als »Success Academy« propagiert wird. Charterschulen, die von privaten Institutionen geleitet, aber öffentlich finanziert werden, werden besonders in sozial schwachen Bezirken gefördert, in ­denen die staatlichen Schulen schlechte Ergebnisse bei standardisierten ­Rechen-, Lese- und Schreibtests erbringen. Die »Success Academy« ist bei ­Eltern beliebt, denn, um es mit Yusuf zu sagen, sie fickt die öffentlichen Schulen, sie fickt sie richtig. In New York City bestanden 65 Prozent der Schüler staatlicher Schulen den Rechentest 2014 nicht, im Vergleich zu nur sechs Prozent der Schüler der »Success Academy«, Boom! Das sind Zahlen, die auch in deutschen Problembezirken Lehrer überzeugen, immer mit festem Blick auf die besten Chancen für die kleinen Abgehängten. Gut, die Methoden sind ein bisschen schwierig, aber man muss ja irgendwie. Und vielleicht tut es den kleinen Terroristen ja auch gut, wenn sie in der ersten Klasse schon lernen, dass man immer still sitzen muss, mit geradem Rücken und gefalteten Händen ausschließlich den Lehrer anblickend. Vielleicht hilft es ihnen, wenn schlechte Arbeiten vor der Klasse zerrissen und alle Testergebnisse im Klassenraum ausgehängt werden, so dass man sich stets miteinander vergleichen kann.

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Vielleicht ist es nicht so schlimm, wenn das Zeitmanagement der Viertklässler dazu führt, dass sie sich beim Schreiben von Arbeiten einnässen. Ist es nicht sogar eine sehr erwachsene Entscheidung, den langfristigen Bildungserfolg über das unmittelbare Pinkelbedürfnis zu stellen? Vielleicht lernen sie so endlich, zu gewinnen. Das ist doch sehr wichtig, dass sie das lernen. Oder vielleicht, Yusuf, vielleicht seid ihr auch einfach alle gefickt: du und die Bayern und die New Yorker..