Porträt - Pu Chunmei kritisiert Homophobie und Zensur beim chinesischen Mikroblogging-Dienst Sina Weibo

Die Macht der Postings

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Eine »harmonische Gesellschaft« wollte das soziale Netzwerk herstellen und kündigte deshalb am Freitag vergangener Woche eine »Aufräumkampagne« an. Der chinesische Mikroblogging-Dienst Sina Weibo, der größte des Landes mit über 350 Millionen Nutzerinnen und Nutzern, hat allerdings recht eigene Ansichten darüber, was die Harmonie stören könnte. So wollte Sina Weibo in den kommenden drei Monaten Bilder, Videos und Texte entfernen, die einen Bezug zu Pornographie, Gewalt oder Homosexualität hätten – es darf eben nicht unterschätzt werden, wie sehr Bilder verliebter Lesben oder Videos von Schwulen beim Frühjahrsputz die Harmonie schädigen und das gesellschaftliche Klima belasten. Begründet hat das Unternehmen den Schritt mit strengeren Gesetzen zur Internetsicherheit, die vergangenes Jahr in Kraft getreten sind. Warum es erst jetzt handelte, führte es ­allerdings nicht aus. Bereits 50 000 Postings habe man entfernt, gab Sina Weibo am Freitag vergangener Woche bekannt.

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Ein ganz anderes Verständnis von Harmonie und vor allem davon, wie Diskriminierung der Gesellschaft schadet, hatten hingegen zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer des Mikroblogging-Dienstes. Sie kritisierten die Entscheidung und posteten erst recht Selfies mit gleichgeschlechtlichen Partnern oder homosexu­ellen Freunden und Verwandten und nutzten Hashtags wie »#IamGay«. Die Zensoren kamen mit dem Löschen von Inhalten nicht mehr hinterher. Besonders populär waren Postings von Pu Chunmei aus Shanghai. Sie postete ein fröhliches Foto von sich mit ihrem Sohn und der Zeile »Sei du selbst, versteck dich nicht«. »Ich bin die Mutter eines schwulen Sohns«, schrieb sie weiter, beide seien stolz auf ihr Land China, doch die Ankündigung Sina Weibos sei diskriminierend und ein Angriff auf sexuelle Minderheiten. Pu Chunmei setzt sich seit Jahren für die Rechte von LGBT ein. Nach dem Coming-out ihres Sohns kündigte sie 2007 ihren Job und zog nach Shanghai. Dort engagierte sie sich bei der Organisation PFLAG China für die Rechte von LGBT.

Am Montag gab Sina Weibo schließlich auf und kündigte an, keine Inhalte mehr wegen Bezugs zu Homosexualität zu löschen.