Das Medium - Der Frühling und die unmusikalischen Nachbarn

Es ist nicht alles schlecht am Winter

Kolumne Von

Warum Menschen, die nicht schön singen und musizieren können, glauben, dass es ihr selbstverständliches Recht ist, ausgerechnet in einem hellhörigen Berliner Hinterhof Musik zu machen, man weiß es nicht. Mit Karriereambitionen und der Hoffnung, entdeckt zu werden, kann es aber nix zu tun haben – denn selbst, wenn sich die Mehrheit der rund 40 bis 50 Mietparteien, die selbst bei geschlossenem Fenster unfreiwillige Ohrenzeugen der akustischen Verbrechen werden, den Musikanten ganz weit weg wünschen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine große Bühne der Aufenthaltsort ist, den sie sich für ihn vorstellen. Vor allem dann nicht, wenn im Anschluss an »Wish You Were Here« und »Halleluja« vielleicht noch ein bisschen »Stairway to Heaven« oder gar »It’s All Over Now, Baby Blue« totgespielt wird, was in rund 70 Prozent der Fälle passiert und kein Kulturgenuss ist.

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Aber was machen alle diese Leute im Winter, wenn sie ihre Nachbarn nicht mit stundenlangen Freiluftkonzerten tyrannisieren können? Vielleicht ziehen sie und ihre Gitarren dann im Süden umher, um anderen Leuten auf die Nerven zu gehen, oder sie machen einfach nix und warten auf den nächsten Sommer. Manche allerdings üben für die nächste Saison, was man daran merkt, dass plötzlich aus der Wohnung obendrüber engagiert-unrythmisches Gestampfe zu hören ist, gern auch um acht Uhr morgens, denn unmusikalische Musiker sind überdurchschnittlich oft auch Frühaufsteher. Darin ähneln sie den Fitnessenthusiasten, die aber den Vorteil haben, dass sie nicht gleichzeitig im Takt stampfen und singen, was wirklich angenehmer ist. Also ich, ich kauf’ mir jetzt eine Schreibmaschine, und dann wird so laut wie möglich getippt. Bei offenem Fenster. Ha!