Klassenkampf - Neue Bücher machen alle glücklich

Literatur von Wert

Kolumne Von

Wir bekommen vielleicht ein neues Lehrbuch für den Englischunterricht. Ganz sicher ist das allerdings noch nicht, wir sind momentan noch in der Entscheidungsphase und selbstverständlich gibt es mehrere Fraktionen: Einige wollen nach sorgfältiger Abwägung das eine neue Buch, andere nach gründlicher Lektüre ein ganz anderes neues Buch, wieder andere finden die beiden neuen Bücher zwar sehr gut, wollen das alte Buch aber noch ein bisschen behalten, weil sie es schon kennen und »es noch geht«. Ich gehöre zu der vierten Fraktion, bestehend aus Leuten, die es aufgrund von Zeitdruck, Arbeitsüberlastung und Alkoholproblemen versäumt haben, sich die neuen Bücher anzusehen, aber trotzdem unbedingt eines davon haben wollen, weil neue Sachen oft geiler sind als alte Sachen. Leider können nicht alle Mitglieder des Fachbereichs Englisch diese Argumentation nachvoll­ziehen, einige halten sie ganz offen für konsumorientiert und deswegen falsch. Dabei stimmt es einfach: Neue Sachen glänzen, riechen frisch nach Fabrik, ihre Farben sind intensiver und es wurde noch keine ­Capri-Sonne über ihnen ausgeschüttet; während alte Sachen Risse haben, komisch kleben und mit »Emirhan ist eine Ubernutte« beschriftet sind. Letzteres vor allem dann, wenn die Sachen Englisch­bücher sind und Emirhan aus der 7c gehören. (Emirhan weiß auch nicht, was eine Ubernutte ist, ich habe ihn gefragt. Er glaubt aber eher nicht, dass es was mit Taxifahren zu tun hat.)

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Abgesehen davon gibt es natürlich noch weitere handfeste Gründe, die für ein neues Englischbuch sprechen: Zum Beispiel wird in dem, das wir momentan verwenden, Arnold Schwarzenegger als amtierender Gouverneur von Kalifornien vorgestellt und drei der Stars, zu denen die Jugendlichen Lernplakate erstellen oder grammatikalisch fordernde Sätze verfassen sollen sind Mick Hucknall (Simply Red), Chad Kroeger (Nickelback) und Avril Lavigne (auch Kanada irgendwie, die mit den Augen). Das kann man jetzt natürlich als Versuch werten, historisch wichtige Persönlichkeiten auch im Englischunterricht zu thematisieren, denn an anderer Stelle sollen ­immerhin auch Passivsätze zu Emmeline Pankhurst gebildet werden. Andererseits sieht das Buch halt nicht vor, Emmeline Pankhurst beim Singen zuzuhören, Chad Kroeger hingegen soll den Kindern zum besseren Textverständnis insgesamt drei Mal vorgespielt werden. Ich finde das grenzwertig.

Problematisch ist auch, dass sich die im Buch enthaltenen überholten Informationen nur schwer richtigstellen lassen. So weigert sich die achte Klasse standhaft, mir zu glauben, dass Arnold Schwarzenegger inzwischen was anderes macht, weil sie das Buch grundsätzlich für zuverlässiger hält als mich. Das Buch, erklärte mir Selin nicht unfreundlich, habe schließlich was gekostet, ich hingegen sei umsonst. Und das stimmt ja auch wieder.