Vor 120 Jahren ermordete ein Anarchist die Kaiserin von Österreich

Rache fürs eigene Leben

Vor 120 Jahren erstach der junge italienische Anarchist Luigi Lucheni Kaiserin Elisabeth von Österreich. Er verstand sich als Individual­anarchist und als Vertreter der Propaganda der Tat.

Ihre Aktionen sollten die Gesellschaft aufwecken, Chaos stiften, aber auch Sympathien schaffen, um soziale Veränderungen herbeizuführen. Anarch­istische Bombenanschläge und Königsmorde galten im späten 19. Jahrhundert als klassische Beispiele der Propaganda der Tat.

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»War einst ein Anarchisterich, der hatt den Attentatterich. Er schmiß mit Bomben um sich rum; es knallte nur so: bum bum bum«, dichtete der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam Anfang des 20. Jahrhunderts. Er persiflierte die Angst vor jenem bürgerlichen Schreckbild des Anarchisten, das in jener Zeit, bedingt durch anarchistische Attentäter wie Emile Henry, August Vaillant und Ravachol, in der Öffentlichkeit entstanden war.

In der Zeit von 1866 bis 1900 gab es circa 15 aufsehenerregende Attentate in Europa; die Täter wurden dem sozialistischen oder anarchistischen Spektrum zugerechnet. Ähnlich hoch ist die Zahl regionalistisch oder nationalistisch orientierter Attentate in dieser Zeit. Luigi Lucheni war einer jener ­Anarchisten – auch wenn er statt auf Dynamit oder eine Schusswaffe auf eine leicht modifizierte Feile als Mordinstrument zurückgriff.

Statt einen Aufstand auszu­­lösen, erntete Luchenis Tat fast ausschließlich Abscheu und Ablehnung.

Am 9. September 1898 kam Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, genannt »Sissi«, inkognito nach Genf. Am folgenden Tag ging Elisabeth gemeinsam mit ihrer Hofdame Irma Száray gegen halb zwei Uhr nachmittags die Seepromenade entlang, als der junge Lucheni auf sie traf. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass es sich auch wirklich um die Kaiserin von Österreich handelte, stach er mit seiner Feile zu – mitten ins Herz – und floh, um dem Schicksal seines Landsmanns Sante Geronimo Caserio zu entgehen; Caserio war 1894 nach einem Attentat auf den französischen Staatspräsidenten Marie François Sadi Carnot von einer Menschenmenge gelyncht worden. Doch einige Passanten hielten Lucheni auf und übergaben ihn der Polizei. Elisabeth starb nicht gleich nach der Tat, sondern setzte, unter Schock, ihren Weg fort. Sie kehrte ins Hotel zurück und starb gegen 14.40 Uhr. Als man Lucheni dies während seines Verhörs mitteilte, rief er angeblich »Es lebe die Anarchie!«

Er verübte die Tat offenbar als Einzeltäter – ohne Mitwisser oder -täter. Hierzu erklärte er: »Ich bin individueller Anarchist. Ich lehne jede Art von Zusammenschluss ab. Die wahre anarchistische Idee duldet keinerlei Organisation.«