Die Türkei konnte die Offensive gegen die syrische Provinz Idlib nicht verhindern

Trio des Grauens

Die Türkei konnte den Beschuss ihrer »Schutzzone«, der syrischen Provinz Idlib, nicht verhindern.

Bis vor wenigen Tagen hofften in der syrischen Provinz Idlib viele Menschen noch, dass die drohende Offensive von Regierungstruppen und russischem Militär diplomatisch abgewendet werden könnte. Schließlich befindet sich Idlib unter türkischem Schutz und noch mag die syrische Opposition nicht wirklich glauben, dass die USA und Europa sie im Stich lassen. Doch das scheint inzwischen endgültig der Fall zu sein: Die EU hat, wie der CDU-Politiker Norbert Röttgen kürzlich resigniert feststellte, aus eigenem Verschulden in der Region nichts mehr zu melden, und für Syrien zeigt die US-Regierung unter Donald Trump vornehmlich Des­interesse.

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist im sogenannten Astana-Trio, bei den Gesprächen zwischen Russland, dem Iran und der Türkei in der kasachischen Hauptstadt, nur geduldeter Juniorpartner. Das Nato-Mitglied Türkei mit seinen engen Kontakten zu syrischen Rebellen und Muslimbrüdern brauchen Russland und der Iran aus rein taktischen Gründen als Dritten im Bunde. Umso erstaunlicher ist, dass Erdoğan offenbar völlig unvorbereitet war, als Russland vor der Offensive seine üblichen Versprechungen abgab: In Idlib befänden sich Milizen der Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) und anderer jihadistischer Gruppen, die nicht Teil des Deeskalationsabkommen seien. Nur gegen diese richte sich der syrische-russische Vorstoß, keineswegs gegen Zivilisten oder andere Rebellen. Dass in den Tagen darauf erneut gezielt Krankenhäuser und Schulen bombardiert wurden, zeigt einmal mehr, wie wenig sich Russland an solche Aussagen hält. Die türkische Regierung, die immerhin zehn Militärposten in der Provinz unterhält, sah in der al-Qaida nahestehenden HTS offenbar kein größeres Problem und pflegte über Monate eine Form duldender ­Koexistenz.

Nachdem Erdoğan auf dem Treffen mit seinen Kollegen Wladimir Putin und Hassan Rohani in Teheran nun abgeblitzt ist und die USA deutlich signalisieren, dass sie in Idlib nur intervenieren würden, sollte in größerem Maße Giftgas zum Einsatz kommen, steht die türkische Regierung vor einem Dilemma: Soll sie zuschauen, wie die Provinz langsam von Bashar al-Assad und seinen Verbündeten zurückerobert wird? Immerhin hatte sie gehofft, mit Duldung Russlands und des Iran eine Art Schutzzone zu errichten, auch um langfristig syrische Flüchtlinge dorthin zurückzuschicken. Nun droht der Türkei eine neue Flüchtlingswelle. In Idlib leben nach Schätzungen drei Millionen Menschen, die Hälfte davon sind Binnenvertriebene aus anderen Teilen Syriens.

Enorm wäre auch der Prestigeverlust der Türkei, schließlich gelten für Erdoğan die türkisch kontrollierten Teile Nordwestsyriens als erster Gebietsgewinn seines erträumten neoosmanischem Reichs. Sollte Idlib fallen, könnten auch die anderen türkisch besetzten und kontrollierten Gebiete in Syrien, Afrin und Jarabulus, kaum gehalten werden.

Zugleich kann die Türkei nicht verleugnen, dass sich in Idlib al-Qaida nahestehende Milizen weitgehend ungestört bewegen und sogar die Kontrolle über das größte Flüchtlingslager ausüben. Nur unter Druck schlug die türkische Regierung, die seit Monaten de facto die Kontrolle über das Gebiet ausübt, jetzt vor, diese Einheiten zu entwaffnen. Offenbar wollte man es sich mit den Islamisten nicht verscherzen, schließlich richtet sich das türkische Hauptaugenmerk auf die kurdischen Kräfte in Syrien.

Sollte die Türkei zulassen, dass sich unter den Augen ihrer Soldaten eine humanitäre Katastrophe entwickelt wie vor kurzem im südsyrischen Dara’a, wäre es um die Glaubhaftigkeit ihrer Außenpolitik endgültig geschehen. Jede militärische Konfrontation mit Russland, dem syrischen Regime und auch dem Iran wiederum wäre enorm riskant und lieferte der Propaganda der russischen Regierung, Erdoğan kämpfe Seite an Seite mit al-Qaida, einen willkommenen Anlass.

Den Preis für diese fatale Politik werden einmal mehr die Menschen an Ort und Stelle zahlen, deren Schicksal seit langer Zeit nur noch in den Händen des Astana-Trios liegt. Über die Folgen der ­angekündigten Offensive lässt sich nur spekulieren, die UN warnen eindringlich vor einer bevorstehenden Katastrophe. Die vergan­genen Jahre aber haben gezeigt, dass solche Warnungen folgenlos bleiben. Alle scheinen sich schon damit abgefunden zu haben, dass es zu dieser Katastrophe kommen wird.