»Sechs Koffer«, das neue Buch von Maxim Biller

Billers Whodunit

Halb Familienroman, halb Kriminalgeschichte: Maxim Billers neues Buch »Sechs Koffer« handelt von sowjetischen Geheimdienstlern, verhinderten Karrieren und dem Antisemitismus, der das Leben einer jüdischen Familie zwischen Moskau und Prag, Berlin und Zürich prägt.

Im Februar 1968 feierte der Film »Dita Saxová« des Regisseurs Antonín Moskalyk in der Tschechoslowakei Premiere, wenige Monate vor der Niederschlagung des Prager Frühlings und dem Ende des kulturellen und politischen Aufbruchs im Land. »Der Film basiert auf einem Roman des jüdischen Auschwitz-Überlebenden Arnošt Lustig und erzählt von dem Versuch der 18jährigen KZ-Überlebenden Dita Saxová, sich im Jahr 1947 ein neues Leben aufzubauen, soziale Bindungen und auch eine Liebesbeziehung einzugehen. Saxovás gesamte Familie wurde ermordet, hinter ihrem ausdruckslosen Lächeln und mit immer neuen Männergeschichten versucht sie, diese Vergangenheit zu verbergen, bis das Grauen sie schließlich zum Selbstmord in den Schweizer Alpen treibt.

Den Gefallen, in einem Buch über Verrat und Misstrauen einen jüdischen Schuldigen zu benennen, tut Biller dem deutschen Publikum nicht.

In Maxim Billers neuem Roman »Sechs Koffer« wird ein ähnlicher Film mit dem Titel »Hanka Zwei­go­vá« zitiert. Regie führte die Tante des Erzählers, Natalia Gelernter, eine vergessene jüdische Regisseurin der Filmbewegung der Tschechoslowakischen Neuen Welle, deren Biographie wiederum an die ihrer Protagonistin Hanka erinnert: Natalias Eltern sind in Auschwitz ermordet worden. Wie Saxová wird Natalia Jahrzehnte nach ihrer Emigration in den Westen in der Schweiz Selbstmord begehen.

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Der Film »Hanka Zweigová« existiert nicht, auch keine Regisseurin namens Gelernter, beides sind Fiktionen. Dennoch ist der Roman »Sechs Koffer« autobiographisch geprägt. Ausgangspunkt ist Schicksal von Billers Großvater Schmil Grigorewitsch, der 1960 wegen Wirtschaftskriminalität – er hatte auf dem Schwarzmarkt gehandelt und bei seiner Verhaftung Westgeld bei sich – in der Sowjetunion hingerichtet wurde. Mit dem Bezug auf den Film und dem Verweis auf den Prozess macht Biller die Ambivalenz der tschechoslowakischen Gesellschaft der Fünfziger und Sechziger deutlich: Da ist einerseits das repressive und antisemitische Klima seit dem Prozess gegen Rudolf Slánský und 13 weitere ehemalige führende Parteimitglieder der Kommunistischen Partei im Jahr 1952, denen vorgeworfen wurde, Teil einer »trotzkistisch-titoistischen, zionistischen, bürgerlich-nationalistischen« Verschwörung gegen die Tschechoslowakei zu sein; da ist anderseits die Tschechoslowakische Neue Welle ab den frühen Sechzigern, ein kulturelles Aufbäumen, bevor der sozialistische Realismus wieder definierte, wie Kunst auszusehen hat. In diesem Spannungsverhältnis bewegen sich die Mitglieder der Familie Biller zwischen Kulturarbeit und Schwarzmarkt, immer schon mit einem Fuß bei der illegalen Ausreise in den Westen, wofür Billers Onkel Dima fünf Jahre ins Gefängnis wandert. Auf den Billers lastet ein »furchtbares Familiengeheimnis«, wie Biller bereits in den Neunzigern in der Erzählung »Erinnerung, schweig« geschrieben hatte, »dessen Protagonist jemand war, der Vater offensichtlich sehr nahe stand.«

Während es in »Erinnerung, schweig« bei dieser Andeutung blieb, wird in »Sechs Koffer« der begangene Verrat, das »furchtbare Familiengeheimnis«, offen ausgesprochen und laut über Schuld nachgedacht. Der Verrat am Großvater hat die Familie entzweit und Misstrauen zwischen den Familienmitgliedern gesät, denn irgendein Familienmitglied muss es getan haben: War es Onkel Dima während seiner Haftzeit? Oder der schweigsame Onkel Lev, der mit der Familie gebrochen hat? Er möge keine Familiengeheimnisse, sagt Biller, und so versucht er, diese Leerstelle in der Familiengeschichte zu füllen – zumindest gibt er vor, dieses Ziel zu verfolgen.

Schon Billers Schwester Elena Lappin – in »Sechs Koffer« Jelena genannt – hatte in ihrer 2017 veröffentlichten Autobiographie »In welcher Sprache träume ich?« von dem Verrat und dem gewaltsamen Tod des Großvaters erzählt: »Mein Vater erholte sich nie von der Tragödie, die zu bewältigen umso schwieriger war, als man überhaupt nicht kommunizieren oder verlässliche Informationen einholen konnte.« Verlässlich sind die Informationen in Billers Roman allerdings auch nicht, die unterschiedlichen Erinnerungen, darunter auch die von Elena Lappin, werden gegenübergestellt, zusammengehalten durch den Erzähler, der die Widersprüche nicht auflösen kann und will: »Oder waren sie vielleicht alle ganz anders gewesen, anders als auf diesen Fotos, anders als in den Geschichten, die wir über sie gehört hatten?« lässt er die Schwester sagen.

»Mir bedeutet heute nur die Literatur etwas, die versucht, die Möglichkeiten der Literatur jenseits ihrer Grenzen auszuloten; jene Art von Literatur, die Traditionen in Frage stellt, von denen sie beherrscht wird«, notierte der jüdische französisch-amerikanische Autor Raymond Federman, dem Maxim Biller in seiner Erzählung »Harlem Holocaust« ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

»Surfiction« nannte Federman dieses Schreiben, in dem Biographisches und Fiktives untrennbar miteinander verwoben sind, Literatur die Grenze zur realen Welt überschreitet, jedoch nicht vollständig in ihr aufgeht. »Surfiction« ist auch die Struktur von »Sechs Koffer«: Sechs Versionen präsentiert Biller, er taucht ein in die Gedankenwelten seines Vaters Semjon und seiner Mutter Rada, in die seiner beiden Onkel, in die von Natalia Gelernter und die seiner Schwester. Und in jeder dieser Welten ist man sich sicher, die wahrhaftige Erinnerung zu besitzen. »Er und meine Mutter liebten diese Couch«, weiß der Erzähler etwa zu Beginn des Buches über seinen Vater, während es ein Kapitel später aus Sicht der Mutter heißt: »Sie hasste diese Couch. Sie fand sie unbequem und für Gäste viel zu schmal.« Immer wieder finden sich solche Widersprüche, verzerrte Erinnerungen, Verdrängtes, das plötzlich wieder hervordringt. Der Erzähler wirkt überfordert von dieser Situation, da er zugleich auch seine eigene Identität als Jude, Schriftsteller, Deutscher und Exilant reflektieren will und dabei auch seine Suche nach der Wahrheit selbst in Frage stellt: »Wollte ich das alles wirklich wissen?, fragte ich mich in Berlin, in meiner Küche, fast fünfzig Jahre nachdem Natalia meinem Vater aus Montreal geschrieben hatte. (…) Und plötzlich war mir das alles völlig egal. Jedenfalls dachte ich, dass es mir egal war.« Seine Suche setzt er allerdings dennoch fort.

Schuld auf sich geladen haben einige der Protagonisten, schuldig fühlen sich alle, aus unterschiedlichen Gründen. Schubladen werden durchwühlt, Menschen betrügen und denunzieren andere, um die eigene Haut zu retten, einzig der Verrat am Großvater bleibt eine Leerstelle, womöglich weiß der Schuldige selbst nicht von seiner Schuld. Die große Frage wird nicht geklärt, »Sechs Koffer« endet mit einem nicht eingelösten Versprechen: Schwester Jelena hat gerade ihre Autobiographie veröffentlicht und wird vom NDR zum Interview geladen. »Wer, glauben Sie, ist denn nun wirklich schuld am Tod Ihres Großvaters?« fragt die Moderatorin. »Das geht niemanden etwas an. Das verstehen Sie doch?« antwortet sie. Die Moderatorin mit ihrem »dünnen, neugierigen« und »leider auch ziemlich deutschen« Mund insistiert auf der Frage. Billers Roman endet mit dem Satz: »Dann erzählte ihr Jelena, wie es wirklich gewesen war.« Doch wie war es »wirklich gewesen«?

Der Erzähler weiß, dass der Großvater des Erzählers im antisemitischen Klima, das auch nach Stalins Tod herrschte, zum Tode verurteilt wurde, dass die Tante von den »verdammten tschechischen und slowakischen Ex-Kollaborateuren und Antisemiten« lange keine Filmgenehmigung bekam und Onkel Lev von einem alten Freund angefahren wird: »Hör sofort auf, mich anzuschreien, du kleiner stinkender Jude!« An diesen Erinnerungen gibt es keine Zweifel, es gibt keine Instanz, die sie in Frage stellt. »Heute von Juden erzählen, heißt für einen jüdischen Autor immer auch vom Holocaust erzählen«, hat Biller einmal in einem Essay geschrieben.

»Es kann meine Generation nämlich noch so sehr nerven und anöden – und doch ist es so, dass alles, was wir heute schreiben und denken, eine Echo auf die schrecklichste aller schrecklichen Zeiten ist.« Den Gefallen, in einem Buch über Verrat und Misstrauen einen jüdischen Schuldigen zu benennen, tut Biller daher dem deutschen Publikum nicht. Vielmehr gibt er bereits auf den ersten Seiten den Subtext des Buches vor: Der Vater, ein Übersetzer, sucht nach einem adäquaten russischen Ausdruck für den »fauligen Geruch« eines Massengrabes; diese unangenehme Ausdünstung des Todes nimmt der Erzähler immer wieder wahr. Der Gestank des Antisemitismus ist nach der Shoah nicht verschwunden, die angemessenen Worte zu finden, nicht immer einfach, vor allem Worte, die einen weiteren Aspekt von Billers Werk mit einschließen: seinen sarkastischen Humor, auf Kosten der Erwartung deutscher Leser angesichts eines deutsch-jüdischen Romans über Schuld und Verrat. »Wie würdest du auf Russisch ›fauliger Geruch‹ sagen«, bittet seine Vater seine Mutter um Rat, »aber so, dass man lachen muss?«

 

Maxim Biller: Sechs Koffer. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 200 Seiten, 19 Euro