Was der Film »Rosemary’s Baby« über die Manson-Morde erzählt

Die Familie des Bösen

Am 9. August 1969 ermordeten Mitglieder der »Manson Familiy« die schwangere Sharon Tate. Ein Jahr zuvor hatte ihr Ehemann Roman Polanski »Rosemary’s Baby« in die Kinos gebracht – einen Film über das politische Unbewusste der Hippie-Ära.

Es war schon spät, als Sharon Tate und ihr früherer Verlobter Jay Sebring mit einem befreundeten Paar, dem Schauspieler Wojciech Frykowski und seiner Lebensgefährtin Abigail Folger, am 8. August 1969 nach einem Abendessen im mexikanischen Restaurant »El Coyote« in das Haus zurückkehrten, das Tate mit Roman Polanski in Los Angeles bewohnte. Tate war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger, die Geburt ihres Kindes, eines Sohnes, wurde laut ärztlicher Prognose für den 12. August erwartet. Polanski, der sich für Dreharbeiten in Europa aufhielt, wollte zu diesem Termin zurück sein. Frykowski, Sebring und Folger waren mit Tate und Polanski eng verbunden. Sebring hatte sich in Hollywood als Friseur und Stylist einen Namen gemacht. 1964 war er eine Liebesbeziehung mit Tate eingegangen, die diese 1966 auflöste, um mit Polanski zusammenzuleben, in dessen »Tanz der Vampire«, der 1967 in die Kinos kam, sie die Hauptrolle spielte. Trotzdem blieb Sebring nicht nur mit Tate befreundet, sondern unterhielt auch zu Polanski eine freundschaftliche Beziehung. Über beide lernte er 1968 Folger und Frykowski kennen, die Polanski bei der Finanzierung seiner Filme unterstützten.

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Frykowski, Sohn eines polnischen Textilfabrikanten und Schulkamerad Polanskis, war wie dieser als Kind den deutschen Besatzern entkommen. In den frühen Sechzigern hatte er in einigen von Polanskis Kurzfilmen mitgespielt. 1967 war er dem Freund in die Vereinigten Staaten gefolgt, wo er ihm beim Aufbau seiner Karriere half. Auch Folger, die Frykowski 1968 in New York kennengelernt hatte und mit der er sich, weil er kaum Englisch sprach, auf Französisch verständigte, half Polanski zeitweise finanziell aus. Als Erbin eines Kaffeekonzerns, die seit Mitte der Sechziger Kontakte zur Verlags- und Filmbranche an der Westküste unterhielt, setzte sie Teile ihres Vermögens zur Förderung von Künstlern und Politikern ein, die sie bewunderte; 1968 war sie Wahlkampfhelferin Robert F. Kennedys geworden. Einer reichen Familie entstammte auch Tate, die als Tochter eines Geheimdienstoffiziers schon als Kind die Welt bereist hatte und mit 18 Jahren Fotomodell geworden war. Fast zur selben Zeit der Premiere von »Tanz der Vampire« hatte sie es zum Covergirl des Playboy gebracht. Durch ihre Beziehung zu Polanski, mit dem sie ab 1967 ohne Trauschein zeitweise in London zusammenlebte, avancierte sie in den Medien zur Ikone der Swinging Sixties. Dass sie sich 1969 als Schwangere für das Magazin Queen in London bei Polanski fotografieren ließ, kam in der damaligen Zeit einem Tabubruch gleich.

»Rosemary’s Baby« ist nicht nur der erschreckendste Film über Schwangerschaft, der je gedreht wurde, sondern zugleich ein hellsichtiges Nachtstück der Hippie-Ära.

Nachdem die vier Freunde, deren Verbindung exemplarisch für den Kosmopolitismus und die exilbiographische Grundierung des damaligen Hollywood stand, in Tates und Polanskis Villa zurückgekehrt waren, verschafften sich gegen Mitternacht drei weibliche und ein männliches Mitglied der »Manson Family« Zutritt zu dem Anwesen, nachdem sie zuvor die Telefonverbindung zu dem Haus gekappt hatten. Die von dem wegen Vergewaltigung, Zuhälterei und Betrugs verurteilten Sektenführer und Musiker Charles Manson gegründete Hippie-Kommune, deren Mitglieder neue Vornamen erhielten, um sich als Teil der »Familie« fühlen zu können, hatte erst ein Jahr zuvor in der Spahn Movie Ranch, einem Filmgelände in der Nähe von Los Angeles, ihr Quartier bezogen. Der erste Mord, den die Gruppe nachweislich beging, hatte wenige Tage zuvor stattgefunden; der Musiklehrer Gary Hinman, der Teile der »Family« beherbergt hatte, war von Manson und zwei anderen männlichen Gruppenmitgliedern gefoltert und ermordet worden.

Charles Watson, Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Linda Kasabian, die in der Nacht zum 9. August bei Tate und Polanski eindrangen, hatten ihre Tat minutiös geplant. Kasabian wartete in einem Fluchtfahrzeug vor dem Haus, in dem sich das Verbrechen abspielte. Ein zufällig als Gast in der Villa anwesender Student war das erste Opfer; er wurde von Watson erschossen. Die vier Freunde wurden im Wohnzimmer zusammengetrieben und gefesselt, um sie zu ermorden. Zunächst erschoss Watson Sebring, nachdem dieser unter Hinweis auf Tates Schwangerschaft dagegen protestiert hatte, dass sie sich auf den Bauch legen sollte. Danach wurden Frykowski und Folger, die sich von ihren Fesseln befreien und den Garten erreichen konnten, von Atkins, Krenwinkel und Watson mit Dutzenden Messerstichen brutal ermordet. Sharon Tate starb durch die Hand von Atkins und Watson an insgesamt 16 Messerstichen. Während der Morde hatte Watson verkündet, »die Arbeit des Teufels zu tun«, beim Verlassen des Anwesens schrieb Atkins mit Tates Blut das Wort »Pig« an die Haustür. Schon nach dem Mord an Hinman hatte Manson an dessen Wand die Worte »Political Piggy« geschrieben. Nur einen Tag nach den Morden an Tate und ihren Freunden töteten Watson, Krenwinkel und das weibliche Sektenmitglied Leslie Van Houten mit Messern und einer Tranchiergabel den Supermarktbesitzer Leno LaBianca und dessen Frau Rosemary. Dem Mann ritzten sie das Wort »War« in die Brust, an die Hauswände des Paares schrieben sie die Parole »Death to Pigs«, an den Kühlschrank »Healter (!) Skelter«.

Erst als Susan Atkins im Herbst 1969 wegen Mordverdachts im Fall des getöteten Musiklehrers Hinman ins Gefängnis kam und dort mit ihrer Beteiligung an der Ermordung Sharon Tates prahlte, stellte die Polizei eine Verbindung zwischen den verschiedenen Taten der Gruppe her. Als 1970 in Los Angeles der Prozess gegen Manson, Atkins, Krenwinkel und Van Houten wegen der Tate- und der LaBianca-Morde begann – der Prozess gegen Watson fand in Texas statt –, trat Linda Kasabian, deren Aussage detaillierte Angaben über den Tatverlauf zu verdanken sind, als Kronzeugin auf. Unter anderem durch ihre Hilfe konnte nach und nach die wahnhafte Weltanschauung rekonstruiert werden, die die Manson-Sekte zusammenhielt. Sie kann als Beispiel dafür gelten, dass white supremacy und Rassenhass sich mit der Verherrlichung des Fremden durchaus vertragen.

Im Mittelpunkt des Wahns von Manson und seiner Gruppe stand die Vorstellung von einer überwältigenden Stärke der »Schwarzen«, die gegen die Mehrheitsgesellschaft aufgehetzt werden müssten, um das »weiße« Establishment auszulöschen. Die Parole vom »Krieg« gegen die »Schweine« sowie der Slogan »Helter Skelter« (holterdiepolter), den Manson einem Song der von ihm verehrten Beatles entlehnte, sind in diesem Zusammenhang zu verstehen. Die »Family« genannte Kommune, die Manson 1968 in San Francisco gegründet hatte und der zeitweise über 100 Menschen – in der großen Mehrheit Frauen, meist aus zerrütteten Familien – angehörten, folgte einer rassistischen, misogynen und antisemitischen Weltanschauung, die den Lebensalltag in jeder Hinsicht bestimmte. Nur Weiße waren als Mitglieder zugelassen, der Konsum von »Negermusik« war verboten, Frauen wurden als »seelenlos« beschimpft, obgleich ihre Allgegenwart von Manson und seinen Mitstreitern als notwendig für das Gleichgewicht der schönen männlichen Seele angesehen wurde. Zugleich lässt sich das Selbstverständnis der Kommune in vieler Hinsicht als linksalternativ beschreiben. Die Ernährung war strikt vegetarisch, Drogen waren nicht nur zugelassen, sondern wurden propagiert, Monogamie war verpönt. Ähnlich wie die Kommune I funktionierte die »Manson Family« als polygames Konkubinat, in dem die Frauen in einem sexuellen Rotationsverfahren der geringeren Anzahl von Männern zur Verfügung standen – eine Praxis, die auf Seite der Frauen durch eine Mischung aus Angst und Hingabe aufrechterhalten wurde.

Entscheidend für Mansons apokalyptische Politik des »Helter Skelter« war die Gleichzeitigkeit von Fetischisierung und Perhorreszierung der »schwarzen Rasse«, um die seine Vorstellungen wahnhaft kreisten. Für Manson bezeichnete »Helter Skelter« einen mit Naherwartung begrüßten finalen Rassenkrieg, in dem die schwarze Bevölkerung alle reichen weißen Amerikaner – von der »Family« als »Schweine« diffamiert – ermorden würde. Obwohl sie aufgrund ihrer »sklavischen Natur« den Herrschern der neuen Welt, als die Manson und seine Anhänger sich halluzinierten, unterlegen seien, wurden Afroamerikaner von der Sekte als ideale Rekrutierungsmasse im Kampf gegen die reichen, verweichlichten Weißen angesehen. Diesen Kampf wollte die »Family« mit ihren Morden befeuern, in der Annahme, dass die Taten der schwarzen Bevölkerung angelastet werden würden; die Brieftasche der getöteten Rosemary LaBianca wurde in einem afroamerikanischen Wohnviertel deponiert. Die rassistischen Exzesse, die in der folgenden wechselseitigen Aufwiegelung entstehen würden, könnten, so die Wahnvorstellung der »Family«, wegen der triebhaften Stärke der Schwarzen nur solche Weiße überleben, die sich Mansons Kommune anschlössen, welche die von Dekadenz geläuterte »wahre« weiße Rasse repräsentiere. Seine Anhänger wollte Manson schließlich in eine Höhle im kalifornischen Death Valley führen, wo am Eingang zum Paradies Jesus und die Beatles, die in Wahrheit vier Engel seien, die Auserwählten empfangen würden.

Der Beat-Poet und Musiker Ed Sanders, der in den späten Sechzigern angesichts von Mansons immer offensichtlicherem Irrsinn von dessen Verteidiger zum Kritiker wurde, hat 1972 eine Gruppenbiographie über die Kommune vorgelegt. Darin liefert er viele Belege dafür, dass Mansons Obsession mit der für minderwertig, im Kampf gegen die »weiße« Dekadenz aber unentbehrlich erachteten »schwarzen Rasse« in Mansons Logik sekundär gegenüber dem Hass auf jene Weißen war, die ihren Weltbeglückungsauftrag zugunsten von Geld und Luxus verraten hätten. Dass der Rassismus und das Herrenmenschentum Mansons Chiffren eines antisemitisch grundierten Zivilisationshasses waren, sprach Sanders nicht aus. Dabei lassen sich die in Polanskis und Tates Villa begangenen Morde nicht allein als Kampfansage an ein kosmopolitisches, »jüdisches« Hollywood deuten; sie wirken auch wie ein monströses Echo auf jenen Film, den Polanski kurz vor seiner Übersiedelung in die Vereinigten Staaten in Großbritannien fertigstellt hatte.

»Rosemary’s Baby«, 1968 mit Mia Farrow und John Cassavetes in den Hauptrollen in die Kinos gekommen, ist nicht nur der erschreckendste Film über Schwangerschaft, der je gedreht wurde, sondern zugleich ein hellsichtiges Nachtstück der Hippie-Ära. Mit einer präzisen Phantasie, wie sie wohl nur jemand aufbringt, der die Gesellschaft, deren Teil er ist, immer auch als Exterritorialer erfährt, entfaltet Polanski das politische Unbewusste der Achtundsechziger-Zeit, indem er deren vermeintliche Modernität als fortwesenden Archaismus vor Augen führt. Auf der Handlungsebene erzählt der Film davon, wie die junge Rosemary Woodhouse von ihrem Mann Guy, einem erfolglosen Schauspieler, im Tausch für eine Karriere an den Teufel verkauft wird, der sie schwängert, um einen satanischen Christus zu zeugen. Agenten des Teufels auf Erden sind Rosemarys und Guys Nachbarn Minnie und Roman Castevet, ein altes Ehepaar, das sich den beiden als Ersatzgroßeltern andient. Sie lancieren Guys Teufelspakt, stellen Rosemary nach Beginn der Schwangerschaft mit Kräutern ruhig, überreden sie, ihren Hausarzt gegen einen homöopathischen Wunderheiler auszutauschen, führen den Tod eines alten Freundes von Rosemary und Guy herbei – eines Junggesellen, der kurz davor stand, dem Komplott gegen Rosemary auf die Schliche zu kommen – und leiten schließlich, nachdem sie sie von ihren Freunden isoliert haben, bei Rosemary in Anwesenheit einer frenetisch glückstrunkenen Teufelsanbetergemeinde die Hausgeburt ein.

Nach Protesten der katholischen Kirche rief Polanskis Film später polemische Resonanz bei Antisemitismuskritikern hervor, weil der Quacksalber im Dienst des Teufels Dr. Sapirstein heißt und das satanische Komplott, das der Handlung zugrunde liegt, strukturell judenfeindlich sei. Übergangen wurde dabei nicht nur das kosmopolitische Personal, das der Film aufbot: Mia Farrow hatte australische und irische Eltern, John Cassavetes war als Sohn griechischer Einwanderer in die USA gekommen, wo er eine Schauspielergruppe leitete, die die Vorteile unabhängiger Künstlerensembles wie jenen Jean-Luc Godards und Rainer Werner Fassbinders hatte, ohne vergleichbare massenpsychotische Impulse zu entfesseln. Krzysztof Komeda, der seit den Fünfzigern mit Polanski zusammenarbeitete und die gänsehauteinflößende Titelmelodie von »Rosemary’s Baby« schrieb, stammte aus der Krakauer Underground-Jazz-Szene und war 1967 nach Los Angeles gekommen. Vergessen wurde bei der Kritik vor allem, dass der Satanismus in Polanskis Film mit der Halluzination einer Verschwörung des jüdischen Finanzkapitals nichts, mit linksalternativen Strömungen der damaligen Zeit aber vieles gemeinsam hatte. Das Ehepaar Castevet (dessen Name wie eine Entstellung des Namens Cassavetes anmutet) und Dr. Sapirstein sind zwar alte Leute. Wofür sie stehen, waren jedoch kommunitäre Moden und Psychotechniken der damaligen Zeit: Naturheilkunde und »natürliche Geburt«, Kritik der Schulmedizin und Hass auf die bürgerliche Öffentlichkeit, Liebe, Gemeinschaft und Weltfrieden statt Gesellschaft und privaten Glücks.

Eine der ergreifendsten Szenen des Films veranschaulicht so beiläufig wie unvergesslich die frauenfeindlichen Implikationen dieses Gemeinschaftskults. Als Rosemary sich dank des erpresserischen Einflusses ihres Mannes, des Ehepaars Castevet und ihres neuen Arztes fast völlig ihrer ausweglosen Lage zu ergeben droht, lädt sie wie in einer letzten Geste des Widerstands ihre alten Schul- und Jugendfreundinnen zu sich ein, die ihr Mann, der mittlerweile alles verachtet, was an die Zeit vor ihrer Heirat erinnert, als »Ziegen« beleidigt. Von Rosemary darüber ins Bild gesetzt, dass der Homöopath ihre Beschwerden wegen starker Schmerzen übergeht und dass Guy sie in der Wohnung isoliert, sperren sie diesen aus dem Zimmer aus, um die Freundin zu überzeugen, sich einen »richtigen Arzt« zu suchen, unter Leute zu gehen und sich zu amüsieren. Erst in diesem Moment wird Rosemary bewusst, dass sie seit ihrer Schwangerschaft sämtliche Kontakte zu alten Freunden aufgegeben hat. Die Mutterschaft erscheint, gerade weil sie keine Institution mehr, sondern ein kommunitäres Gefängnis ist, als der letzte Schritt zur psychischen Sistierung der Frau, die dem sich in ihr entwickelnden Leben ausgeliefert wird wie einer Schicksalsmacht.

In mancher Hinsicht stellte sich Mansons Sekte wie eine blutrünstige Verwirklichung von Polanskis Film dar. Eine Frau seiner Kommune, die mit Vornamen Mary hieß, hatte 1968 ein Kind von ihm zur Welt gebracht, er selbst sah sich als Vollzugsgehilfen des Teufels. In ihren Ernährungsgewohnheiten ähnelten die Mitglieder der »Family« den Teufelsfreunden bei Polanski ebenso wie in ihrem Gesundheitsideal. Mit Tate opferten Mansons Anhänger deren ungeborenes Kind, am Tag danach brachten sie eine Frau um, die Rosemary hieß. Doch ergiebiger als der Versuch, die Tate-Morde als reenactment von Po­lans­kis Film zu deuten, dürfte es sein, »Rosemary’s Baby« als Darstellung und Analyse der kollektiven psychischen Disposition zu verstehen, die jene Morde ermöglicht hat. Die Phantasiewelt des Horrorfilms wurde für Polanski zur adäquaten Denkform bei der Beantwortung der Frage, wie eine von Libertinage, Zukunftsoptimismus und Experimentierfreude geprägte Gesellschaft aus ihrer eigenen Dynamik heraus auf Naturglauben, gemeinschaftsselige Schicksalsergebenheit und glücksbesoffene Apokalpytik regredieren kann. Seit die Morde der »Manson Family« Polanskis Phantasie als triftige Gegenwartsdiagnose auswiesen, haben nachfolgende Weltuntergangskollektive nicht aufgehört, Polanski recht zu geben.