Die Leugnungsstrategie der russischen Regierung im Vergiftungsfall Skripal ist sehr unbeholfen geschichte

Dilettanten im Dienst

Im Vergiftungsfall Skripal erhärtet sich der Verdacht, dass es sich bei den mutmaßlichen Tätern um russische Geheimdienstmitarbeiter handelt. Die russische Regierung zeigt sich bei der Abwehr der Vorwürfe äußerst unbeholfen.

In den vergangenen Jahren haben die russischen Streitkräfte ihre Kapazitäten und Fähigkeiten enorm ausgebaut. Davon durften sich auch ausländische Beobachter bei dem jüngsten großangelegten strategischen Militärmanöver »Wostok-2018« in Sibirien überzeugen. Deutlich weniger Professionalität stellt derzeit der mit heiklen Angelegenheiten beauftragte militärische Auf­klärungsdienst GRU unter Beweis. Großbritannien verdächtigt zwei GRU-Mitarbeiter, im Frühjahr den russischen Überläufer Sergej Skripal und dessen Tochter Julia in Salisbury vergiftet zu haben.

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Seitdem Fotos der Verdächtigen an die Öffentlichkeit gelangt sind, bringen journalistische Recherchen immer weitere Details zu Tage, die nicht nur Aufschluss über die Identität der zweifelsfrei am betreffenden Tag nach ­Salisbury gereisten Männer geben, sondern eklatante Fahrlässigkeit in einer für Russlands strategische Interessen zentralen Sonderbehörde offenlegen.

Nachdem bereits darüber berichtet worden war, dass es sich vermutlich um Decknamen handelte, outeten sich Mitte September zwei unauffällig ­gekleidete und wenig wortgewandte Männer mittleren Alters vor einem breiten Publikum als Ruslan Boschirow und Alexander Petrow. Als Schauplatz wählten sie das vor unerwünschten Neugierigen abgeschirmte Arbeitszimmer der Chefredakteurin des kremlnahen Medienunternehmens Rossija Sewod­nja, Margarita Simonjan, die ein exklusives Interview mit ihnen führen durfte. Der Auftritt glich eher einer drittklassigen Comedy-Show als einem ernsthaften und informativen Gespräch, erfüllte jedoch durchaus seinen Zweck. Die beiden offenbar unzertrennlichen, angeblichen Geschäftsleute bewegten sich sehr unbeholfen vor der Kamera und behaupteten, sich nach mehreren Anläufen endlich ihren Traum von einem Kurztrip nach Salisbury erfüllt zu haben, um einen Blick auf den weltberühmten gotischen Kirchturm zu ­erhaschen. Manchem patriotisch gesinnten Beobachter in Russland genügte diese demonstrierte Unbedarftheit als Beweis dafür, dass diese Männer keinen Giftmordauftrag ausgeführt haben konnten und der GRU grundsätzlich mit der Sache nichts zu tun haben kann.

Dabei mehren sich Indizien, dass ­Boschirow und Petrow für den GRU tätig waren. Zunächst ging das britische ­Rechercheportal »Bellingcat« gemeinsam mit seinem russischen Partner »The Insider« den Angaben aus den Reisepässen der Männer nach. Bis auf die letzte Ziffer sind die Endungen der Passnummern identisch und die wenigen Einträge bei der Passbehörde sind mit dem Vermerk »keine Auskünfte erteilen« versehen. Eine dazugehörige Telefonnummer verweist auf das Verteidigungsministerium. Die Inlandsausweise wiederum wurden von einer Stelle ausgegeben, zu der nur ein ­exklusiver Personenkreis Zugang hat.

Nach Recherchen über mögliche Ausbildungsstätten für GRU-Angehörige erhärtete sich der Anfangsverdacht. ­Fotos von Abschlussjahrgängen, deren Absolventen ungefähr dem Jahrgang der Männer entsprechen, und weitere öffentlich zugängliche Angaben lieferten ausreichende Informationen, um eine real existierende Person ausfindig zu machen, Anatolij Tschepiga. Vermutlich trägt er den Namen Ruslan Boschirow erst seit seinem Umzug nach Moskau, wo er die Akademie der Hauptverwaltung der russischen Streitkräfte absolvierte. Seine Grundausbildung leistete Tschepiga, der am 5. April 1979 an der russisch-chinesischen Grenze geboren wurde, unweit seines Wohnorts an einer Militärschule, die zukünftige GRU-Offiziere auf ihre Auslandsein­sätze vorbereitet. Mehrmals hielt sich Tschepiga in Tschetschenien auf, 2014 wurde er mit der Auszeichnung »Held Russlands« bedacht für seine erfolgreiche Teilnahme an einer »Friedensmission«. Es braucht nicht allzu viel Phantasie, um zu erahnen, in welchem Nachbarland Tschepiga sich so viel ­Anerkennung verdient hat: Es dürfte sich um die Ukraine handeln.

Zwischenzeitlich machte die russische Tageszeitung Kommersant am vormaligen Wohnort der Familie Tschepiga alte Bekannte des nun als Boschirow bekannten Mannes ausfindig. Im Dorf Berezowka habe er sich zwar schon seit zehn Jahren nicht mehr blicken lassen, dafür verfolgten dessen Bewohner umso aufmerksamer alle Medienberichte über ihn. Eine Bekannte von Tschepiga noch aus gemeinsamen Schulzeiten war sich völlig sicher, dass es sich bei Boschirow nur um ihren ­Jugendfreund »Tolja« handeln könne. Als klug charakterisierte sie ihn, er habe weder geraucht noch getrunken. Er habe eine Frau und zwei Kinder und außerdem habe jeder gewusst, dass er als Geheimdienstangehöriger in Konfliktregionen unterwegs sei.

Wie zu erwarten, tat die russische Regierung die Rechercheergebnisse ab. Maria Sacharowa, die Sprecherin des Außenministeriums, schrieb auf Facebook, es handele sich um ein Ablenkungsmanöver, und stellte die Frage, wann endlich Beweise für die Beteiligung von wem auch immer an der Vergiftungstat vorgelegt würden.
Bis die britischen Ermittler soweit sind, könnten die zuständigen Stellen in Russland die Zeit für eine gründ­liche Evaluation der Arbeitsweise des GRU nutzen. Dass zwei leicht ausfindig zu machende Geheimdienstoffiziere ihr Sightseeing ausgerechnet zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, an dem ein Anschlag mit dem einst in der Sowjetunion entwickelten Nervengift Nowitschok stattfand, gemacht haben sollen, bietet dafür jedenfalls hinreichend Anlass.