Homestory

Homestory #40


Diese Woche war es wieder so weit – der »Tag der Deutschen Einheit« wurde begangen. Wenn sich Deutsche vereinen, kommt meist nichts Gutes dabei heraus. Der Feiertag gehört daher zu den höchsten Antifeiertagen antideutscher Linker. Auch wenn es mittlerweile fast jeden Tag einen gehörigen Anlass gibt, Deutschland zu hassen, kann man sich für den 3. Oktober immer eine schöne Extraportion Hass (beziehungsweise Kritik, Hass ist ja doch sehr rechts besetzt …) in die Thermoskanne packen und den Tag bei einer Demonstra­tion gegen Deutschland und dessen »Patrioten« und Nazis genießen.

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Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ihrer Lieblingszeitung hatten den Tag frei bekommen, um sich solchen Freizeitvergnügen hinzugeben. Oder einfach auszuschlafen und keine deutsche Wertarbeit zu tun. Demonstrationsmüde sind die meisten hier allerdings nicht und berichten gern, wo sie zuletzt für oder gegen dies und das auf die Straße gegangen sind. »›AfD wegbassen‹ in Berlin«, sagt eine Redakteurin, sie räumt jedoch ein, dass die Veranstaltung »nicht so das Demofeeling« gehabt habe, sondern eher einer Party glich. Wo es richtig kracht, weiß hingegen ein anderer Redakteur: Das richtig große Protestgefühl sei zuletzt am 1. Mai in Paris aufgekommen. Wie es dort war? »Neblig – vom Tränengas!« ­

Manche sind sich bei allem Demonstrieren nicht mehr ganz sicher, wogegen sie zuletzt waren, »gegen hohe Mieten oder AfD«, grübelt ein Kollege. Lange überlegen muss auch ein anderer, bevor er sich an »irgendwas mit Räumung oder Bedrohung« auf einer »Oranienplatzdemo vor 100 Jahren« erinnert. Ganz so lange her sind die wilden Zeiten eines langjährigen Redakteurs nicht, doch habe er seine »Pflicht in der Jugend getan, jetzt sind die jungen Leute dran«, sagt er bestimmt. Gegen die jüngsten Nazianschläge in Neukölln sei er trotzdem auf die Straße gegangen. »Sehr orange«, erzählt ein Redakteur, sei eine Seebrückendemonstration in Berlin-Mitte vor zwei Monaten gewesen, der er sich angeschlossen habe. So kalt und regnerisch, dass sie es nur bis zur Zwischenkundgebung ausgehalten habe, sei eine queerfeministische Demonstration in Berlin gegen den »Marsch für das Leben« gewesen, meint eine Redakteurin. Gar mit den christlichen Fundamentalisten mitmarschiert ist ein anderer Redakteur – natürlich nur zu Recherchezwecken. Besonders angetan war er von den linken Chören, die gegen die Rechten ansangen.

Bis nach Chemnitz gegen Nazis schaffte es ein Kollege, eine Kollegin gar bis nach Albanien gegen Femizid. Ein anderer Kollege stand extra früh auf, um nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo vor der französischen Botschaft zu demonstrieren. Leicht macht es sich der Redakteur, der Demonstrationen einfach vom Fenster aus zusieht: »Vor meiner Haustür sind ganz viele.« Sorgen bereitet hingegen eine junge Kollegin, die sich an keine Demons­trationsteilnahme mehr erinnern kann, und meint: »Der Genosse hat ja letztens gesagt: Bringt eh alles nix!«