Ein Fall von Selbstjustiz in Athen wird in Griechenland kontrovers diskutiert

Lynchjustiz in Athen

In Athen starb der LGBT-Aktivist Zak Kostopoulos, nachdem er von mehreren Menschen angegriffen worden war, die ihn für einen Dieb hielten, unter bislang ungeklärten Umständen. Der Fall löste eine Welle an homophoben Kommentaren in sozialen und sonstigen Medien aus.

Alles begann mit einer Pressemeldung: Ein Dieb sei am 21. September gegen Mittag beim Versuch, ein Schmuck­geschäft im Athener Stadtteil Omonia zu überfallen, getötet worden. Die ­Medienvertreter waren schnell zur Stelle. Sie interviewten den Besitzer des Geschäfts, der behauptete, er sei von einem Dieb mit einem Messer bedroht worden und habe sich gegen ihn ­gewehrt. Umstehende Menschen bestätigten dessen Aussage. Ihnen zufolge sei das Opfer dieses Vorfalls der Ladenbesitzer gewesen.

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Die Aufmerksamkeit wurde schnell auf die Drogenabhängigen im Viertel gelegt. Gewalt sei als Mittel der Selbstverteidgung gerechtfertigt, so der Duktus. Über den mutmaßlichen Dieb wurde berichtet, er sei drogenabhängig gewesen. »Wie hätten Sie reagiert?« wollte eine griechische Fernsehmode­ratorin in einer Twitter-Umfrage wissen.

Am Dienstag vergangener Woche versammelten sich einige Mitglieder der faschistischen Gruppe E.S.A. am Ort des Geschehens und riefen homophobe und rassistische Parolen.

Einen Tag später, ein Samstag, bekam der Fall eine neue Wendung. Ein Video aus einem gegenüberliegenden Haus war aufgetaucht, das zeigte, dass der vermeintliche Dieb in dem Schmuck­geschäft offenbar eingeschlossen war und in Panik versuchte, den Laden zu verlassen: Deutlich schwankend, versucht er mit einem Feuerlöscher mehrmals, die Sicherheitstür zu zertrümmern, was ihm nicht gelingt. Daraufhin versucht er, durch eine Vitrine am Schaufenster neben der Tür zu entkommen. Zu diesem Zeitpunkt laufen zwei Männer – wie sich später herausstellte, der Ladenbesitzer und sein Freund – vor den Laden. Das Schaufenster geht zu Bruch, vermutlich durch Tritte des Ladenbesitzers selbst.

Durch die kaputte Scheibe versucht der Eingeschlossene, den Laden zu verlassen. Der Ladenbesitzer und sein Freund treten ihn dabei rund ein Dutzend Mal, häufig gegen den Kopf. Um sie herum bildet sich eine Traube von Menschen. Die beiden Männer und einige der Umstehenden malträtieren den Mann, der zuvor durch die Scherben gekrochenen ist, so lang, bis er regungslos vor dem Laden liegen bleibt. Erst dann schreitet ein Passant ein.

Ein zweites Video tauchte auf: Der Bewusstlose wird von einem Sanitäter behandelt, er hat bereits einen Verband um den Kopf. Die Polizei ist an Ort und Stelle, aber sie sichert nicht die Tätigkeiten des Rettungsdienstes ab. Der verletzte Mann kommt wieder zu sich, versucht aufzustehen, bedroht einen Sanitäter offenbar mit einer ­Glasscherbe. Er versucht zu fliehen und wird dabei von einem Polizisten in den Rücken getreten. Er läuft orientierungslos durch die enge Gasse, taumelt und fällt auf einen Tisch eines Straßencafés. Ein herbeigeeilter Polizist versetzt ihm einen harten Schlag mit dem Schlagstock auf den Kopf, mehrere Polizisten schlagen ihn ebenso und ­fixieren ihn. Er wird von den Sanitätern abtransportiert.

Auf dem Weg ins Krankenhaus soll der Mann nach Angaben der Polizei dann verstorben sein. Gerichtsmediziner und ein unabhängiger, von der Familie des Toten beauftragter Gutachter, der der Obduktion beiwohnte, konnten die Todesursache nicht eindeutig feststellen. Die sichtbaren äußeren Verletzungen seien nicht tödlich gewesen, hieß es im ­Bericht der Gerichtsmedizin. Man wolle nun auf die ­Ergebnisse der histologischen und toxikologischen Untersuchungen warten.

An der Version des Ladenbesitzers kamen nach der Veröffentlichung des ersten Videos Zweifel auf. Ein Angriff mit einem Messer ging der angeblichen Notwehr mutmaßlich nicht voraus. Auch ist fraglich, warum sich der Mann allein im Geschäft aufhielt. Die Behauptung des Besitzers, er habe die Tür seines Ladens kurz offen gelassen, um zu einem Kiosk zu gehen, ist angesichts der hohen Kriminalitätsrate in Omonia unglaubwürdig. Dennoch wurde die Geschichte, es habe einen bewaffneten Raubversuch gegeben, in den Medien aufrechterhalten.

Der 73jährige Ladenbesitzer wurde am 22. September wegen des Vorwurfs der schweren Körperverletzung mit ­Todesfolge festgenommen. Am Mittwoch vergangener Woche wurde er ­unter der Auflage wieder freigelassen, das Land nicht zu verlassen und sich einmal im Monat bei der Polizei zu melden. Der im Video zu sehende Freund des Ladenbesitzers wurde im Nachhinein als Pressesprecher einer rechts­extremen Kleinpartei identifiziert, der Nationalen Front, die der neonazistischen Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) nahesteht. Der 55jährige ­wurde ebenfalls festgenommen und am Freitag vergangener Woche wieder freigelassen. Gegen die Polizisten, die den verletzten Mann festnahmen, soll auch ermittelt werden.

Als sich herausstellte, wer das Todesopfer war, erhielt der Fall zusätzliche Brisanz: Es handelte sich um den 33jährigen Zak Kostopoulos, einen bekannten schwulen LGBT-Aktivisten, der  in Athen des öfteren als Drag Queen aufgetreten war. Kostopoulos engagierte sich seit Jahren gegen Homophobie, ­arbeitete als Schauspieler und war ein wichtiger Sprecher der LGBT-Community. Er ging offen mit seiner HIV-Infektion und seiner Drogensucht um und klärte vielfältig auf. In den vielen Nachrufen wurde hervorgehoben, dass er in jüngster Zeit persönliche Probleme gehabt und sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen habe. Unbestätigten Zeugenaussagen zufolge hielt er sich direkt vor dem Vorfall mit Freunden in einem gegenüberliegenden Café auf und betrat den Schmuckladen, um Schutz vor einem Streit oder Übergriff zu suchen. Doch welche Rolle der Ladenbesitzer und sein rechtsextremer Freund in dieser Version der Geschichte spielen, ist bislang unklar.

Die Bekanntgabe der Identität des Toten löste in sozialen Medien auch eine Welle an homophoben Kommentaren gepaart mit Aufrufen zur Gewalt aus. Am Dienstag vergangener Woche versammelten sich einige Mitglieder der faschistischen Gruppe E.S.A. am Ort des Geschehens und riefen homo­phobe und rassistische Parolen.

Auch linke Gruppen reagierten auf den Vorfall. Am Samstagabend, dem 22. September, beteiligten sich ungefähr 500 Menschen in Athen an einem Gedenkmarsch für Kostopoulos. »In Omonia geschah kein Raub, sondern ein Mord durch Bosse und Bullen«, war  – trotz der weiterhin bestehenden Unklarheiten über das Geschehen am Juwelierladen und die Todesursache – die zentrale Parole einer Demonstra­tion, die sich aus dem linksalternativ geprägten Stadtteil Exarchia am Sonntag zum Ort des Geschehens bewegte. Mitorganisatorin Kate sagte der Jungle World: »Es spielte eine zentrale Rolle, Zak von Beginn an als Junkie darzustellen. Gewalt gegen Minderheiten wird so zu einer Alltäglichkeit. Die Medien spielen damit wie so oft rechten Kräften in die Hände.« Am Mittwoch vergangener Woche beteiligten sich in Athen Hunderte Menschen an einer Demonstration gegen Homophobie und für die Aufklärung des Falls, zu der unter anderem LGBT-Gruppen und außerparlamentarische Linke aufgerufen hatten.