Small Talk mit Organisatorinnen des Berliner Schulstreiks

»Man lernt für den Arbeitsmarkt«

Mehrere Berliner Schülerinitiativen riefen unter dem Motto ­»Bildung statt Schule« für die vergangene Woche zu einem Schul­streik und einer Demonstration auf. Der Protest richtete sich gegen konkrete Missstände, mit Slogans wie »Bambule statt Schule« und »Kein Kapital im Klassensaal« aber auch allgemein gegen eine marktkonforme Bildungspolitik. Auf der Demonstration am 18. Oktober sprach die Jungle World mit zwei Initiatorinnen. Amrei (17) macht derzeit ihr Abitur und engagiert sich in der Jugendantifa Kreuzberg. Alla (20) arbeitet im Bündnis »Schulbauoffensive stoppen« mit.

Warum steht »Bambule statt Schule« auf dem Stundenplan?
Alla: Der Neubau von Schulen wird im Senat diskutiert. Die Idee ist, diesen Neubau an die Howoge, ein Wohnungsunternehmen mit Sitz in Berlin, auszulagern. Dadurch würde eine baurechtliche Privatisierung stattfinden.
Amrei: Wir wollen generell auf die Missstände an Schulen aufmerksam machen, wollen zeigen, warum Schule scheiße ist.

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Warum ist das aus Ihrer Sicht so?
Amrei: Es findet auf unterschiedlichen Ebenen Diskriminierung statt. Zudem nehme ich eine staatlich gelenkte Disziplinierung wahr, quasi eine schulische Erziehung zum Staatsbürger und zur Staatsbürgerin.


Wie zeigt sich Diskriminierung in Ihrem Schulalltag?
Amrei: Ich beobachte zum Beispiel, dass Lehrerinnen und Lehrer homophobe Kommentare bringen oder tolerieren. Es werden ­Stereotype in Lern- und Lehrmaterialen verwendet, obwohl es vollkommen klar ist, dass klassische Darstellungen von der »weißen, deutschen Lisa« oder dem »weißen, französischen Jean« schon längst überholt sind. Aber Schülerinnen und Schüler übernehmen dann solche Vorurteile. Die Schulen legen sich insgesamt zu wenig ins Zeug, um über die verschiedenen Formen von Diskriminierung aufzuklären. Und wenn dann mal Schüler und Schülerinnen dazu Lust haben, werden sie oft durch die hierarchische Organisation der Schule und insbesondere von Lehrkräften ausgebremst.


Sie weisen darauf hin, dass im Zuge der Privatisierung Schulhöfe zu Parkplätzen umfunktioniert werden könnten.
Alla: Tendenziell ist das möglich. Wenn einer Firma ein Schulgelände überschrieben wird, könnte sie beanstanden, dass der Schulhof, gemessen an der Anzahl an Schülerinnen und Schülern, zu groß ist, und beispielsweise einen kostenpflichtigen Parkplatz für die Lehrerinnen und Lehrer einrichten.


Wie zeigt sich der Einfluss wirtschaftlicher Interessen im Unterricht?
Amrei: Teilweise wird einem ganz klar gesagt: Man lernt für den Arbeitsmarkt. Möglichst schnell lernen und dir mit dem Baseballschläger möglichst viel Wissen ins Gehirn dreschen ist Alltag. Wenn du nicht die geforderte Leistung bringst, bist du raus. Zudem sehe ich die Bildungsreformen der G8-Politik als einen Versuch, das Produkt Arbeiter und Arbeiterin immer weiter zu optimieren und deren Ausbildung zu beschleunigen. Sind Informatiker gerade auf dem Arbeitsmarkt gefragt, führen Schulen deswegen ­Informatik als Fach ein. Eigene Interessen und persönliche Stärken werden so immer mehr untergebuttert.


Wie wollen Sie den schulischen Missständen entgegentreten?
Amrei: Wir wissen auch nicht, wie die perfekte Schule aussehen soll. Aber darüber möchten wir gerne diskutieren, und zwar mit Schülerinnen und Schülern, aber auch den Lehrkräften. Wir möchten diskutieren, was wir ändern sollten und wie wir etwas verändern können.
Alla: Um das wirtschaftliche Ausschlachten von Schulen zu verhindern, muss jetzt dagegen vorgegangen werden, nicht erst, wenn es bereits geschieht. Die Bevölkerung muss deutlich zeigen, was sie von Privatisierung im sozialen Sektor hält.