Die neue Staffel von »The Marvelous Mrs. Maisel« erzählt eine feministische Emanzipationsgeschichte durch Humor

Girls just wanna be funny

Die sehenswerteste Serie des Jahres dürfte jetzt schon feststehen: Die zweite Staffel von Amy Sherman-Palladinos »The Marvelous Mrs. Maisel« handelt von Miriam, die im Manhattan der fünfziger Jahre Komikerin werden will. Von

Dürfen Frauen witzig sein? Diese absurde Frage erregte noch vor 60 Jahren die Gemüter. Es gab auf dem Gebiet des Humors zwar Pionierinnen wie die Hollywood-Schauspielerinnen Mae West und Katharine Hepburn in den dreißiger und vierziger Jahren, doch die Errungenschaften dieser Zeit wurden spätestens in den Fünfzigern wieder kassiert. Frauen arbei­teten als Sekretärinnen oder kriegten Kinder, ihnen fehlte allein schon die Zeit, lustig zu sein, zumal dies nicht als damenhaft galt. Es ist kein Wunder, dass West und Hepburn nicht einfach nur komisch waren in den Rollen, die sie spielten: West schrieb schon in den zwanziger Jahren Stücke, die Homosexualität offen thematisierten, und lief später nur noch unter dem Label »Trash«, Hepburn trug gern Hosen und spielte aufmüpfige Frauen, was sie schon vor dem moralischen roll-back der Nachkriegszeit zur Vorzeigeemanze der Vereinigten Staaten und zum Kassengift werden ließ. Humor, das hieß für Frauen der Zeit immer auch, gesellschaftliche Missstände zur Sprache zu bringen und sich die eigene Freiheit frech herauszunehmen. Wenn sie ohnehin schon das Tabu über dem weiblichen Humor brachen, warum nicht auch gleich ein paar andere Konventionen?

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Eine andere witzige Frau ist Amy Sherman-Palladino. Witzig sind auch die Frauenfiguren, die sie seit fast 30 Jahren für das US-amerikanische Fernsehen zum Leben erweckt. Die berühmtesten von ihnen hören auf die fiktiven Namen Roseanne Conner und Lorelai Gilmore. Beide Namen kommen auch in den Titeln der Serien vor, für die sie schrieb: »Roseanne« und »Gilmore Girls«. Auch ihre neueste Serie trägt den Namen der Pro­tagonistin im Titel: »The Marvelous Mrs. Maisel« dreht sich um die Geschichte der jüdischen Hausfrau Miriam »Midge« Maisel, die im New York der Fünfziger versucht, Komikerin zu werden. Die erste Staffel lief 2017, nun ist die zweite Staffel bei Amazons Videodienst Prime Video zu sehen.

Das Online-Magazin Vulture veröffentlichte 2017 eine Liste unter der Überschrift »Sechs Zeichen dafür, dass du eine Serie von Amy Sherman-Palladino schaust«. Dazu zählen laut Liste die einmaligen Dialoge, die lebensverändernden Umstände, die (irgendwie) nicht funktionierenden Familien und »The Business We Call Show«. »Gilmore Girls« darf als Parade­beispiel für diese Merkmale gelten: Die Drehbücher der Serie, die von 2000 bis 2007 lief, waren doppelt so lang wie die anderer Serien mit Episoden vergleichbarer Länge, mussten doch all die schnellen, witzigen und absurden Wortgefechte zwischen Lorelai und ihrer Tochter Rory untergebracht werden. Die Mutter dieses Mutter-Tochter-Gespanns liefert sich zwar auch Wortgefechte mit ihren Eltern, diese sind allerdings eher konfrontativ als nett, drehen sie sich doch oft darum, dass Lorelai schon mit 16 schwanger wurde, büßen aber trotz des Ernsts der Lage ihren Witz nicht ein.

Auch Midge hat Kinder, gleich zwei, allerdings bekam sie diese erst, nachdem sie das College absolviert hatte. Wir schreiben das Jahr 1958. Mit ihrem Mann Joel wohnt sie in Manhattan auf der Upper West Side im Apartment über dem ihrer Eltern. Ihr Vater ist ein launischer Mathematikprofessor und ihre Mutter gleicht der bösen Schwiegermutter Erzherzogin Sophie aus den Sissi-Filmen. Midge hat allerlei neurotische Gewohnheiten. Jeden Tag trägt sie ihre Körpermaße in ein Buch ein, hält ihre aufwendigen Körperpflegerituale vor ihrem Mann geheim und notiert für ihn, der als Komiker im »Gaslight«, einem Club downtown, auftritt, die Häufigkeit und Länge der Lacher, die er bekommt. Midges Rolle ist die der klassischen Hausfrau: Sie hält Joel den Rücken frei, kümmert sich mit ihren Überredungs- und Kochkünsten darum, dass er gute Zeiten für seine Auftritte bekommt, wofür sie das Barpersonal besticht. Doch Midge ist keineswegs ein Dummchen. Bis ihr Mann sie nach einem verpatzen Auftritt verlässt, anscheinend weil er die von ihm gefühlte Schmach, vor seiner Frau versagt zu haben, nicht erträgt (und weil ein paar Blocks weiter eine »Methodistenversion« von Midge auf ihn wartet, nämlich seine Sekretärin, mit der er eine Affäre hat), hat sie keinen Plan B für ihr Leben. Doch die Trennung ändert alles: Betrunken fährt Midge ins »Gaslight« und stolpert aus Versehen auf die Bühne, die sie erst in Begleitung der Polizei nach einem obszönen Schimpfanfall wieder verlässt. Susie, die in der Bar arbeitet, nimmt sich ihrer an, und zusammen schmieden sie den Plan, aus Midge eine Stand-up-Komikerin zu machen. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht, denn jedes Mal, wenn Susie, die von da an Midges Managerin ist, ihre Klientin vorstellt, wird als Erstes gefragt: »Ist sie Sän­gerin?«

Midge schlägt Kapital aus ihrem Elend und macht aus ihrem tragisch gewordenen Leben einen deftigen Scherz. Comedy wird ihr ein regelrechter Zufluchtsort, von Bühnen ist sie magisch angezogen.

Sigmund Freud nannte als charakteristisch für den jüdischen Humor dessen »subjektive Bedingung der Witzarbeit«: Nicht nur machen sich Juden am liebsten über sich selbst oder über andere Juden lustig, zelebrieren also Selbstironie, ihr Witz hat auch Chupze – er ist dreist, unverschämt und frech. Midge schlägt Kapital aus ihrem eigenen Elend und macht aus ihrem tragisch gewordenen Leben einen deftigen Scherz. Comedy wird ihr eine regelrechte Zuflucht, die Kneipe der Ersatz für das kaputtgegangene Zuhause, von jeder Bühne scheint sie magisch angezogen zu werden und ihre Neurosen verschwinden ganz nebenbei. Midge ist erfolgreich, weil sie nicht allein aus Absicht, sondern aus purer Notwendigkeit mit den herrschenden Sittlichkeitsvorstellungen bricht, was sie sogar ins Gefängnis bringt. Es ist eine Emanzipationsgeschichte einer Frau, die sich deswegen in Gang setzt, weil sie einfach nur sagen will, was sie denkt – in ihren Worten: »Wieso sollen Frauen immer so tun, als wären sie etwas, was sie nicht sind?«

Amy Sherman-Palladino scheint sich mit dieser Serie eine Art Autobiographie geschrieben zu haben, nicht im wörtlichen, aber im übertragenen Sinne. Sherman-Palladino, die selbst aus einer jüdischen Familie stammt, hat mit der Serie nicht nur ihrem Vater ein Denkmal gesetzt, der als Komiker arbeitete, sondern würdigt mit ihr auch Joan Rivers, die schon in den sechziger Jahren im Fern­sehen Stand-up machte und darüber sprach, wie es ist, ein single girl in der US-amerikanischen Provinz zu sein. Ein Umstand, dessen Thematisierung den Durchschnittsbürger zwar schnauben ließ, den man aber zur Sprache bringen konnte, wenn man ihn humorvoll vortrug und so den Konventionen ein Schnippchen schlug. Autobiographisch im engsten Sinne ist die Serie aber auch, weil Sherman-Palladino darin das Recht von Frauen darauf, komisch zu sein, mit äußerster Härte verteidigt. Sie selbst ist so jemand: Keine drei Sätze kann sie sprechen, ohne eine Pointe von sich zu geben. Als sie beispielsweise als erste Frau 2018 beide Emmys, den für das beste Drehbuch sowie den für die beste Regie, bei ein und derselben Preis­verleihung erhielt, beide für »The Marvelous Mrs. Maisel«, hielt sie die Trophäen in die Luft und brüllte: »Mein Panikraum wird so hübsch aussehen!«

Sherman-Palladino und ihr Mann Daniel Palladino, der ebenfalls wie bei all ihren vorherigen Serien als Produzent, Autor und Regisseur mitgewirkt hat (die beiden kann man als Team, in Anlehnung an die Emmy-Rede von Amy Sherman-Palladino, durchaus als Sid und Nancy des US-amerikanischen Fernsehens bezeichnen), verstehen sich nicht nur auf den Humor, sondern auch auf alles andere, was in einer guten Serie nicht fehlen darf: Minutenlange Einstellungen, in denen die Kamera den Figuren durch alle möglichen Räume folgt, sind nur eines der Markenzeichen des Gespanns. Das Szenenbild besticht durch seine Details und ein solches New York hat man wohl noch nie gesehen, man reist geradezu durch die Zeit. Die Einstellungen selbst bestechen durch ihre Vielschichtigkeit: Es passieren hier immer mehrere Dinge auf einmal, im Vorder- und im Hintergrund: Während der Vater Klavier spielt, streiten sich Mutter und Tochter, überall gibt es etwas anzuschauen, man kann sich gar nicht sattsehen. Der Soundtrack reicht von Swing bis zu David Bowie, die schauspielerischen Darbietungen sind eine einzige Huldigung an die Screwball-Ära. Und auch auf die Popreferenzen, für die der Haushalt Sherman-Palladino berühmt ist, muss man nicht verzichten: Es werden Platten gehört, Anna Karenina wird gelesen und der Komiker Lenny Bruce taucht als Figur in der Serie auf und befreundet sich mit Midge.

In der zweiten Staffel bekommen die Figuren neben Midge immer mehr Raum, sie steht nicht mehr im Mittelpunkt des Geschehens, und auch Manhattan ist nicht mehr dessen hauptsächlicher Ort. Auf den für jede Folge üblichen Auftritt von Midge muss man hin und wieder verzichten. Auch das Leben ihres Ex-Manns Joel hat sich nach der Trennung überschlagen, er hat seine Stelle gekündigt und arbeitet bei seinen schrulligen Eltern in einer Textilfabrik. Rose und Abe, die Eltern von Midge, haben sich wegen der Trennung ihrer Tochter zerstritten, nur ein Aufenthalt in Paris kann den Haussegen wieder geraderücken. Und Susie feilt weiter an ihrer Tätigkeit als Managerin der Komikerin.

»The Marvelous Mrs. Maisel« ist im Serienkosmos der später gedrehte Auftakt einer Erzählung über sich emanzipierende Frauen in der Mitte des 20. Jahrhunderts, der chronologisch »Mad Men« vorausgeht, die Serie, die 2015 auslief und die Geschichte von Frauen aus den Sechzigern erzählte, die sich in der männerdominierten Werbebranche durchsetzen. Die Geschichte in »Mad Men« endet im Jahr 1970, dem Jahr, in dem »The Mary Tyler Moore Show« in den Vereinigten Staaten anlief, eine Sitcom über die Hauptfigur Mary, die keinen Ehemann, keine Kinder, dafür aber einen Beruf beim Fernsehen hat.

Dürfen Frauen also witzig sein? Inzwischen dürfen sie es, anders als vor ein paar Jahrzehnten oder in anderen Weltgegenden. Midge geht weiter: Frauen dürfen es nicht nur, Frauen können es auch als einzige. Denn wie sie einmal in einer ihrer Shows sagt: »Comedy entsteht und wird angeheizt durch Unterdrückung, durch Machtlosigkeit, durch Traurigkeit und Enttäuschung, vom Alleingelassenwerden und von Erniedrigung. Und wen zur Hölle beschreibt das alles besser als Frauen?«

 

Die zweite Staffel von »The Marvelous Mrs. Maisel« kann bei Prime Video gestreamt werden.