Klassenkampf - Katzengespräche

Ohne Mutter geht nichts

Kolumne Von

Die Katze und das Auseinanderdriften moderner Familien sind zu gleichen Teilen Schuld daran, dass ich ständig nichts auf die Reihe bekomme. Wenn ich früher meine Hausaufgaben nicht gemacht und mein Zimmer nicht aufgeräumt habe, hat meine Mutter mit mir geschimpft, und weil der Mensch ein soziales Tier ist und Kinder meist nicht wollen, dass die Mutter schimpft, hat das oft dazu geführt, dass ich am Ende doch das Zimmer aufgeräumt und meine Hausaufgaben gemacht habe. Aber dann bin ich irgendwann aus- und in eine andere Stadt umgezogen und jetzt bekommt meine Mutter nicht mehr mit, wenn ich meine Hausaufgaben nicht mache und mein Zimmer nicht aufräume, und die Katze als naheliegender Mutterersatz guckt immer nur süß und kann nicht sprechen.

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In der vergangenen Woche, in der ich ferienbedingt sehr viel Zeit hatte, habe ich nicht: mein Zimmer aufgeräumt, zwei Lektüren gelesen, meine Vorhänge aufgehängt, den Ursprung der Mottenplage gefunden und diesen Text geschrieben. Stattdessen habe ich unter anderem »Russian Doll« auf Netflix gesehen und mich gefreut, dass ich so viel Alkohol offenbar auch wieder nicht trinke, sehr viel Alkohol getrunken und mehrere längere Gespräche mit der Katze geführt, größtenteils darüber, dass sie ein vollkommen unzureichender Mutterersatz ist. Ich kann insofern ziemlich froh darüber sein, dass man mir am Ende des Halbjahres im Unterschied zu den Jugendlichen keinen Bewertungsbogen über mein »Arbeits- und Sozialverhalten« ausstellt; meine »Lern- und Leistungsbereitschaft« kann bestenfalls als »gering ausgeprägt« gelten.

Das Internet ­belehrt mich darüber, dass diese Bögen, ebenso wie die in einigen Bundesländern noch gängigen Kopfnoten, auf Grundlage einer »genauen Beobachtung aller Lehrer einer Klasse in Bezug auf Sozialverhalten und Mitarbeit über das gesamte Schuljahr in allen Fächern« erstellt würden. Das ist lustig. Bei uns liegt zu jeder Schülerin und jedem Schüler eine Liste aus, in die die unterrichtenden Lehrkräfte ohne weitere Erläuterung Kreuzchen setzen können, was die meisten, weil sie wichtigere Dinge zu tun haben, aber nicht machen. Am Ende entscheidet die Klassenleitung, welche Kreuzchen sie übernimmt und welche nicht. Wenn man, weil man blöderweise selbst die Klassenleitung ist, nicht um das Setzen von Kreuzchen herumkommt, sitzt man dann da. Man ­erinnert sich an diese eine Situation, in der Melissa ihr Englischbuch partout nicht mit Sude teilen wollte, enthält Melissa auf dieser Grundlage das Kreuz für eine »sehr ausgeprägte Teamfähigkeit« vor und versucht, dabei nicht an das Verhalten einzelner Personen auf der letzten Gesamtkonferenz zu denken. Andererseits, ich sitze ja im Glashaus und soll nicht mit Steinen werfen, die Katze weiß es, die Katze weiß ­alles. Aber sie guckt halt nur süß und schweigt.

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