Homestory

Homestory #08

»Ich stelle mir gerade vor, wie der aufrechte Autonome mit einer Fußpumpe am Auspuff seines Autos Abgase einsammelt, um diese zur Messstation zu tragen und da dann wieder freizulassen.« Ja, die Mitglieder der Jungle World-Redaktion hatten bei der Vorstellung auch so ihre Probleme. Manche kamen sogar zu dem Schluss: An der Meldung dürfte etwas faul sein. Da wir hier aber nach Relevanz ­gewichten, widmeten wir uns schnell wieder den von uns für wichtiger gehaltenen Themen: Separatisten in Katalonien, Folter in Russland, Hartz IV in Deutschland. Nicht so beim »Fakten, Fakten, Fakten«-Magazin Focus. Bewaffnet mit einem Screenshot des linksradikalen Internetportals Indymedia, bei dem bekanntlich jeder Texte hochladen kann, und einem von einem »besorgten Bürger« zugespielten Video war fix die Story fertig: »Autonome verbreiten Anleitung zur Manipulation von Feinstaubmessstationen«.

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Den Clickbait wollte sich auch die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit nicht entgehen lassen und brachte eine Meldung, die offenbar einzig auf der Story des Focus basierte. Trotzdem gefiel sie dem Spiegel-Kolumnisten Jan Fleischhauer so gut, dass er den Link zur Meldung der Jungen Freiheit per Twitter verbreitete – kommentiert mit dem eingangs zitierten Satz über die Szenerie, wie Fleischhauer sie sich vorstellte. »Irgendwie war das Autonomenleben auch schon mal glamouröser«, resümierte Fleischhauer in seinem Tweet.

Da hatte er es den bösen Linken mal wieder richtig gezeigt! Immerhin war der Mann vor zehn Jahren mit seinem Buch »Unter Linken« bekannt geworden, in dem er beschrieb, wie er »aus Versehen konservativ wurde« – weil nämlich linkes Elternhaus und Post-Achtundsechziger-Gesellschaft ihn quasi dazu gezwungen hatten. Als ein anderer Twitterer Fleischhauer dafür kritisierte, eine Meldung von der zeitweise vom

Verfassungsschutz beobachteten Jungen Freiheit zu übernehmen, versuchte der Kolumnist sich in Relativierungen. Er müsse gestehen, dass er auch Meldungen des Freitag und der Jungle World übernehme, und fragte: »Wo stehe ich bloß?« Jedenfalls ganz bestimmt nicht rechts, sollte diese rhetorische Frage wohl heißen. Wer neurechte und linke Medien zitiert, kann ja nur brav in der politischen Mitte stehen. Abgesehen da­von, dass wir nicht wissen, wann Fleischhauer mal eine Meldung der Jungle World übernommen hätte – vielleicht gibt er uns ja einen Tipp –, könnte man an dieser Stelle gewiss eine Menge über den Extremismus der Mitte sagen. Einstweilen wäre aber schon viel gewonnen, würden Leute, erst recht solche, die sich als Journalisten verstehen wie Fleischhauer, nicht jeden Unsinn über Linke glaubten. In diesem Fall war er, wie sich ein paar Tage später herausstellte, einem Streich des Satiremagazins Titanic aufgesessen.

Wir gehen unterdessen mal unser Demogeld beim Mossad abholen.