Filmkritik zu »Lords of Chaos«

Unheiliger Hass im Reihenhaus

Jonas Åkerlund hat einen Jungsfilm über die frühe norwegische Black-Metal-Szene gedreht. Statt für Musik und Ideologie interessiert er sich mehr für Oberflächlichkeiten.

Black Metal befand sich schon immer in einem seltsamen Widerspruch: Niemand kann Leute ernst nehmen, die sich »Demonaz« nennen und Lieder mit Titeln wie »Grim and Frostbitten Kingdoms« schreiben. Die gesamte Inszenierung wird trotzdem bierernst betrieben – und von vielen auch ernst genommen. Das gilt insbesondere für die Anfänge des Genres in den Neunzigern, die immer noch von einer Aura der Gefahr umweht sind: abgebrannte Kirchen, zwei Morde und ein großer Flirt mit dem Neofaschismus.

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Von gemäßigten Black-Metal-Aficionados wird das politisch Ekelhafte immer gern als ästhetisches Konzept, als inhaltlich nicht ernstzunehmendes Accessoire abgetan. Dass nicht nur Kristian »Varg« Vikernes, der Mensch hinter der legendären Ein-Mann-Band Burzum sowie strammer Neonazi und verurteilter Mörder, den ganzen autochthon-misanthropischen Heidenkitsch durchaus ernst meint, wird gerne ignoriert. Politisch ist da nichts zu retten. Für ­einen guten Film hält die Szene allerdings ausreichend Material bereit.

Das stumpfe, ungebrochene Zurschaustellen der Gewalt folgt einer filmischen Faszination für das oberflächlich Krasse, die »Lords of Chaos« auch sonst auszeichnet.

Jonas Åkerlund, der selbst einmal Schlagzeuger der Band Bathory war (die in vielerlei Hinsicht musikalische Blaupausen für das geliefert hat, was später Black Metal wurde) und sonst vor allem Musikvideos dreht, hat sich nun mit »Lords of Chaos« in Form eines True-Crime-Thrillers an dem Stoff versucht.

Åkerlund lässt die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte von Øystein »Euronymous« Aarseth (Rory Culkin) erzählen, dem Gitar­risten und Gründer der Band Mayhem, die aus dem Reihenhaus heraus den »True Norwegian Black Metal« erfindet. Euronymous will Großes erreichen, es fehlt ihm aber ein charismatischer Frontmann. Den findet er in dem depressiven Schweden Per Yngve »Dead« Ohlin (Jack Kilmer), der fortan den Gesang der Band übernimmt. Dead wird dafür bekannt, sich bei Liveshows die Arme zu zerschneiden und immer eine tote Krähe in einem Plastikbeutel dabei zu haben, damit er vor Auftritten den Geruch der Verwesung einatmen kann. Im April 1991 schneidet er sich erst mit einem Messer die Pulsadern auf und schießt sich anschließend mit einer Schrotflinte in den Kopf. Das Foto seines toten Körpers wird später als Cover eines Bootleg-Albums verwendet.

Deads Suizid markiert einen Wendepunkt im Film. Danach geht es um Szenekonflikte, genauer den zwischen Euronymous und dem bereits genannten Varg Vikernes (Emory ­Cohen), der zu Beginn noch als verschüchterter Junge wegen eines Scorpions-Patches auf der Kutte grob abgewiesen wird. Er steigt aber schnell in der Gunst der Clique auf, nachdem er die Stabkirche Fantoft in Bergen angezündet hat. Danach konkurrieren Euronymous und Vikernes um den Rang des finstersten Mackers in Norwegen, bis der Konflikt eskaliert und Vikernes seinen ehemaligen Mitstreiter in dessen Wohnung mit einem Messer attackiert und ermordet.

Regisseur Åkerlund hält während solcher Szenen gerne mit der Kamera drauf, im Bemühen um größtmögliche Drastik. Auch Deads Selbstmord wird detailliert gezeigt. Dieses stumpfe, ungebrochene Zurschaustellen der Gewalt folgt einer filmischen Faszination für das oberflächlich Krasse, die »Lords of Chaos« auch sonst auszeichnet: Andauernd wird irgendwo hingepisst, werden irgendwelche Passanten mit ebenso unheiligen wie unfreiwillig komischen Flüchen angebrüllt und Tierkadaver durch die Gegend geworfen. Dazwischen gibt es einige nicht minder peinliche Sexszenen, die überhaupt gar nichts über die Figuren erzählen, aber zu diesem Zeitpunkt ist ohnehin schon klar, dass »Lords of Chaos« ein Jungsfilm ist – und nicht mehr als das sein will.

Denn für seine Figuren interessiert sich Åkerlund nicht. Sie sind einfach irgendwie da und haben ein Problem mit Norwegen und dem Zeitgeist. Norwegen und seine Gesellschaft sind in dem Film allerdings überhaupt nicht anwesend. Am Anfang wird in einer Montage kurz ein etwas biederes, christliches Heile-Welt-Land mit hoher Selbstmordrate vorgestellt. Mehr ist nicht drin. Einer Figur wie Dead hätte man sich mit filmischen Mitteln zumindest nähern können. In »Lords of Chaos« bleibt er eine Skurrilität, ein Objekt, das als Beweis für eine Behauptung herhalten muss. Man hätte sich den widersprüchlichen und wirren Ansichten der anderen Protagonisten annehmen und sich der Frage widmen können, warum ein Haufen junger Leute Anfang der Neunziger ausgerechnet gegen die Christianisierung Norwegens ins Feld ziehen wollten. Man hätte die Verbindung zwischen den aggressiven Männlichkeitsritualen und dem Mord an dem homosexuellen Magne Andreassen ziehen können. Der Film begnügt sich mit der Aussage des Mörders Bård »Faust« Eithun (Valter Skarsgård): Er habe einfach herausfinden wollen, wie es ist, einen Menschen zu töten.

So blass die Figuren daherkommen, so naiv erscheint die gesamte Nach­erzählung in Hinblick auf die Politik der Szene. Eine Einstellung zeigt die Reichskriegsflaggen im Zimmer von Varg Vikernes. Dass nicht nur Vikernes ein Nazi ist, sondern auch die meisten Mitglieder der norwegischen Black-Metal-Szene sich früher oder später offen rassistisch geäußert haben, interessiert hier keinen. Es scheint fast ein filmisches Gesetz zu sein, dass jeder Regisseur, der sich mit Black Metal auseinandersetzen will, früher oder später seiner Faszination für die Inszenierung seiner Protagonisten verfällt. Vor Åkerlund erging es Aaron Aites und Audrey Ewell mit ihrer Dokumentation »Until the Light Takes Us« von 2008 ähnlich, in der sie Vikernes minutenlang über den dornigen Weg zur Wahrheit raunen ließen, während im Hintergrund seine arische Keyboard-Musik vor sich hin plätscherte. Ein Spielfilm muss kein politischer Kommentar darüber sein, dass Nazis schlecht sind, aber er sollte sich zumindest so ernsthaft für seinen Gegenstand interessieren, dass er seine ideologischen Auswüchse zur Kenntnis nimmt.

Wirklich interessant ist der Film nur in den Momenten, in denen er seine Figuren in ihren Wohnungen zeigt. Hier findet tatsächlich so etwas wie ein Bruch statt, in dem die muffige Lebenswelt der Mittelschicht hervortritt, aus der der »schwarze Zirkel« kommt und mit der er eben nur scheinbar bricht. Alle Protagonisten leben in aufgeräumten Wohnungen in Reihenhäusern, in denen die satanistischen Devotionalien ordentlich an den Wänden hängen. Die schönste Szene des gesamten Films ist die, in der Vikernes Journalisten zu sich nach Hause einlädt, um in einem Interview mit den Kirchenbränden zu prahlen. Akribisch richtet er einen schwarzen Thron für sich her, auf dem er die Gäste empfängt. Die müssen aber an der Tür die Schuhe ausziehen und bekommen Tee serviert. Leider sind diese inszenierten Brüche aber selten, »Lords of Chaos« setzt ansonsten viel zu stark auf das Plakative.

Das ist umso bedauerlicher, weil gerade in diesem Widerspruch etwas steckt, über das man einen guten Film hätte drehen können. Es geht um Leute, die Anfang der Neunziger, nach dem »Ende der Geschichte«, die elitäre Revolte ausriefen und in einer Musikform ihren Ausdruck fanden, die sich durch in die Endlosigkeit gestreckte, aggressive Monotonie auszeichnet. Denn im Unterschied zu anderen Spielarten des Metal hat Black Metal viel mehr Ähnlichkeiten mit gegenwärtigen Drone- und Dark-Ambient-Musikprojekten. Diese Musik ist in ihren extremen Formen – gerade bei einer Band wie Burzum – vollkommen ohne Rhythmus. Sie ließe sich auf die Formel »größtmögliche Aggression bei größtmög­lichem Stillstand« bringen. Vielleicht ist sie deshalb in Zeiten politischen Niedergangs so beliebt: Anfang der Neunziger – und heutzutage.

Aber auch für die Musik interessiert sich »Lords of Chaos« so gut wie gar nicht. Konzerte im Film sind Shows – visuelle Erlebnisse, keine akustischen. Krass sind die Musiker, nicht das Hör­erlebnis. Genügsam wird so eine Legende fortgeschrieben, die wirklich niemand mehr braucht.

 

Lords of Chaos (USA/SWE 2019). Regie: ­Jonas Åkerlund. Darsteller: Rory Culkin, Emory Cohen, Jack Kilmer, Sky Ferreira