Die Serie »Documentary Now!«

Die Kraft des Klischees

Das US-amerikanische Mockumentary-Format »Documentary Now!« macht sich in einer Folge über die Performancekünstlerin Marina Abramović lustig – und stellt dabei mit Hilfe von Klischees Mythen und Fernsehzuschauer bloß.

In den nuller Jahren etablierte sich für den Small Talk ein Satz, den wohl jeder schon einmal gehört hat: »Hast du auch diese Doku gesehen?« Die Geschichte der Filmdokumentation ist zwar so alt wie das Medium selbst; dass in der Glotze aber endlich nicht mehr nur »dummes Zeug« lief, sondern Doku-Soaps und ganze Kanäle nur mit Wissensbeiträgen bespielt wurden, war moralische Entlastung für den intensiven Fernsehkonsum. Dabei unterschieden sich die Liebhaber der beflissenen »Arte«-Reportage in ihrem Sprechen darüber nicht von denen, die sensationsheischende »Galileo«-Filmchen schauten. Allesamt hatten sie wieder etwas Neues gelernt, war es am Ende im Zweifel auch nur typisches Halbwissen, dass sie sich zugeführt hatten. Der Hype um Dokumentationen, und in diesem Fall spezifisch jene mit Talking Heads, hält seitdem an und es wirkt fast so, als sei ihre Entlastungsfunktion in Zeiten von Netflix noch wichtiger geworden; immerhin engagiert sich das Unternehmen immer mehr in der Produktion von Non-Fiction.

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Das bezaubernde Kofferwort Mockumentary, zusammengeschweißt aus den Wörter »mock« (zu Deutsch: spotten) und »documentary«, beschreibt ein Genre, das sich der Frage nach Wahrheit und Authentizität in Dokumentationen widmet. Das Genre ist älter als man denkt: Als eines der frühesten Beispiele darf das von Orson Welles 1938 produzierte und auf dem gleichnamigen Buch von H. G. Wells basierende Hörspiel »The War of the Worlds« gelten, in dem Marsbewohner die Erde angreifen. Wells’ Hörspiel war gestaltet wie eine gewöhnliche Radiosendung mit Musik, unterbrochen von Liveschalten zu scheinbaren Reportern, die über die Invasion der Außerirdischen berichteten. Dies führte bei manchen Zuschauern zu Panik, sie glaubten dem, was sie da hörten. Auch die Filme des Briten Peter Watkins, allen voran »The War Game« von 1965, sind frühe Versuche der fiktionalen Dokumentation: Watkins zeigte mit drastischen Bildern die Folgen eines Atombombenangriffs.

»Documentary Now!« ist nicht nur ein Herzensprojekt der vier Produzenten, sondern auch ihr Versuch, das klassische Fernsehen wieder aufleben zu lassen, das durch Streamingdienste in Verruf gerät.

Watkins’ Bemühung liefen auch später darauf hinaus, die Rolle der Medien kritisch zu analysieren, zum Beispiel in seinem fast sechststündigen Film »La Commune« (2000), in dem er die Fraktionen der Pariser Kommune in einem Brecht’schen Setting mit Radio und Fernsehen ausstattete und die Mediennutzung den Fortgang der Revolution bestimmte. Doch neben solchen vielleicht ernst zu nennenden Anliegen war die ­gefakte Doku auch immer schon eine beliebte Strategie von Komikern. Woody Allens »Zelig«, der Borat-Film von Sascha Baron Cohen, die berühmte Pseudodoku »This is Spinal Tap« über eine erfundene Rockband sowie Serien wie »Stromberg« haben den Stil von Dokumentationen übernommen und ad absurdum ­geführt. Ein etwas weniger bekanntes Beispiel, an dem sich allerdings die Selbstironie des Genres am besten zeigt, war die Serie »The Comeback«, in der Lisa Kudrow, bekannt als Phoebe aus der Sitcom »Friends«, die Hauptrolle spielte. Kudrow mimt, was auch sonst, eine ehemalige Seriendarstellerin, die ihr Comeback wagt. Im Stil von Reality TV gedreht, thematisierte die Show nicht nur die Unbarmherzigkeit von Fernsehredakteuren, die ihre Protagonistin immer wieder anwiesen, die entwürdigendsten Dinge zu tun, sondern auch den Leistungsdruck, dem man im Geschäft ausgesetzt ist. Ohne Kudrow als bekannte und reiche Hauptdarstellerin hätte die Show nicht funktioniert.

Die Serie »Documentary Now!« hat das Format der Mockumentary selber nun zur Serie gemacht. In jeder Folge wird eine andere, tatsächlich existierende Dokumentation parodiert und dabei teilweise bis ins kleinste Detail nachgestellt, zum Beispiel Jonathan Demmes Konzertfilm »Stop Making Sense« über ein Konzert der Talking Heads oder die Doku »The War Room« über Bill Clintons Wahlkampagne 1992. »Documentary Now!« läuft auf dem US-amerikanischen Sender IFC schon seit 2015 und ist mittlerweile in der dritten Staffel angekommen. Schöpfer des Formats sind Bill Hader, Seth Meyers, Rhys Thomas und Fred Armisen.

Alle vier haben für »Saturday Night Live« gearbeitet, Hader hat darüber hinaus für »South Park« geschrieben, Meyers moderiert seine eigene Late-Night-Show und Armisen hat in den letzten Jahren in der Sketch-Show »Portlandia« Linksliberale durch den Kakao gezogen. »Documentary Now!«, das merkt man dem Format schnell an, ist nicht nur ein Herzens­projekt der vier, sondern auch ihr Versuch, das klassische Fernsehen wieder aufleben zu lassen, das Streamingdienste immer weiter verdrängen. Niemand Geringeres als Helen Mirren tritt als Ansagerin am Anfang jeder Folge auf, um kurz in das Thema einzuführen, eine alte Tradition des Fernsehens. Das Zurückgewinnen verlorener Zuschauer verläuft allerdings schleppend: die Einschaltquote steigt selten über 100 000 Zuschauer.

Eine Folge der Serie, die am 6. März ausgestrahlt wurde, verdient besondere Aufmerksamkeit. Es handelt sich bei der mit »Waiting for the Artist« betitelten Folge um eine Parodie der Dokumentation »Marina Abramović: The Artist is Present«, die 2012 in den Kinos lief und die Künstlerin bei der Vorbereitung ihrer Retrospektive im Museum of Modern Art in New York zeigt. Abramović hat die Performancekunst in den letzten Jahren zu dem Ruhm verholfen, den sie heute genießt. Der Mythos vom künstlerischen Genie, der die meisten sofort an Männer denken lässt, kann von kaum einem so gut bedient werden wie von der serbischen Künst­lerin. Ihre Arbeiten, die allesamt anmuten, als hätte sie Heideggers Buchtitel »Sein und Zeit« ein wenig zu ernst genommen, zeigen Abramović in existentiellen, teilweise gradezu gefährlichen Situationen. Die starke Betonung ihrer Präsenz und die lange Dauer der Performances lassen die Münder des Publikums offen stehen, sind aber, wenn man es genau nimmt, ziemlich langweilige Effekthascherei.

Dass bei so viel bloßer Körperlichkeit allerlei spiritistischer und eso­terischer Blödsinn unvermeidbar ist, auch dafür ist Abramović ein hervorragendes Beispiel.

Für die Verkörperung der Künstlerin wurde keine andere als Cate Blanchett verpflichtet, die nicht nur einen Akzent á la Abramović vor­züglich beherrscht, sondern auch in ihrer gesamten Gestik, in jeder Bewegung und in jedem Blick das Vorbild perfekt imitiert. Zum Glück muss man sich nicht durch »The Artist is Present« quälen, allein das ­Betrachten des Trailers genügt, um jeden Witz im halbstündigen »Waiting for the Artist« zu begreifen. Blanchett heißt hier allerdings Izabella Barta und stammt aus Ungarn. Ihre große Retrospektive findet statt in New York in Budapest statt. Dafür muss Barta eine neue Arbeit produzieren und hat bislang keine Idee.

Was man alles braucht, um eine gelungene Dokumentation zu drehen, wird einem hier schon in den ersten Minuten vorgeführt: charmante ­Gesprächspartner, die allerdings alle eine sich leicht vom anderen unterscheidende Meinung haben, eine Menge Archivmaterial, eine Liebes- und/oder Erfolgsgeschichte und ­natürlich allerlei Fotografien, über die man langsam mit der Kamera fahren kann. Vor allem dieses Material macht das Ganze »authentisch«, die Fotografie ist und bleibt der sicherste Beweis dafür, dass etwas wirklich passiert ist. Und bei der Produktion der »Documentary Now!«-Folge ist daran nicht gespart worden: das fingierte Filmmaterial aus dem »Archiv« ist mit lauter Rauschen und Staubkörnern versehen, den gezeigten Fotos eignet der typische starke Kontrast, die kritisch-sensiblen Kommentare der feministischen Kunstwissenschaftlerin, die als Interviewpartnerin auftritt, klingen so, als hätte man sie schon millionenfach gehört. Authentizität ist immer hergestellt und nicht einfach »da« – das gilt nicht nur für jede Dokumentation, sondern auch (und das macht genau diese Folge so eindrücklich) für künstlerische Authentizitätsfetischisten wie Abramović. So schlagen die Macher dieser Folge gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, den Mythos des Fernsehens und den der Künstlerin.

Natürlich ist es reichlich übertrieben, wenn Blanchett als Barta ihrem Kurator vorschlägt, das Museum in Brand zu setzen, und dies ihm auch gleich am Modell vormacht. Doch dieses schrille Darstellung trifft die Wahrheit, grade weil die Szenerie so übertrieben dargestellt wird. Wenn Blanchett als Barta hysterisch auflacht, weil sie so von sich selbst eingenommen ist, aufgeregt gestikuliert, ihre Mitarbeiter quält oder manisch schreiend durch die Gegend läuft, dann sind das alles Klischees über Künstler. Diese Klischees sind aber nicht nur von der Tendenz her wahr und werden nur durch ihre ostentative Zurschaustellung überhaupt erst bemerkbar; das ganze Setting entlarvt auch den Zuschauer und das, was er sehen will, nämlich Exzentriker, mit denen er selbst garantiert nichts zu tun hat.

Wenn man Barta in einer Performance dabei zuschauen kann, wie sie sich von Besuchern der Ausstellung in einer im Raum aufgebauten Toiletten unter der Trennwand Klopapier reichen lässt, dann wird buchstäblich klar: In der Kunst kann man aus Scheiße Geld machen.